Fernweh vs. Heimweh Über den psychologischen Zwiespalt des Reisens

Wann war eigentlich der letzte Urlaub? Spätestens, wenn es fünf Minuten dauert bis der Groschen fällt und einem das unangenehme Gefühl heimsucht, es fiele einem die Decke auf den Kopf, wäre es dringend an der Zeit, den persönlichen Horizont um einige Kilometer zu erweitern. Welche Städte, Länder, Kontinente fehlen noch auf der eigenen Reisekarte mit den Lieblingszielen? Abzuklappernde Routen gibt es unzählige und es sind kaum Grenzen gesetzt. Sei es ein flippiger Kurzzeittrip mit dem Freundeskreis oder ein traditioneller Urlaub mit der Familie. Für eine Fahrt ins Blaue wäre jetzt der passende Zeitpunkt, quasi die passende Gelegenheit, um alte Bekannte oder entfernte Verwandte endlich mal wieder zu besuchen. Niemand ist aus der Welt, nur weil der Weg zu weit erscheint. Es ist ja auch keine Lösung zuhause Trübsal zu blasen, während alle anderen durch die Weltgeschichte tingeln und dies ausgiebig auf diversen Urlaubsschnappschüssen in den Social-Media-Kanälen zur Schau stellen. Neiderfüllt kann man verfolgen, wer wo und wie auf dem Globus unterwegs ist.

Study & Work abroad

Für ein Auslandssemester auf Weltreise gehen und dabei ein eigenes Reisetagebuch verfassen? Welcher Studierende träumt nicht davon, dem Alltag zu entfliehen, einfach mal aus dem eingefahrenen Studierendenleben auszubrechen, um etwas Neues in der großen weiten Welt zu erleben? Viele Wege führen ins Ausland: Erst einen Sprachkurs belegen, danach über ein Austauschprogramm zum Auslandsstudium an eine Partneruni wechseln, finanziert durch ein Auslandsstipendium als Belohnung für herausragende studentische Leistungen oder doch lieber ein Praktikum bei einem Global Player absolvieren? Allein die Berufsaussichten sind mehr als vielversprechend. Der Reiz des Unbekannten und Fremden ist mehr als verlockend.

Ich bin dann mal weg!

Der beste Weg zur Behandlung gegen chronisches Fernweh ist eine Reise in den wohl verdienten Urlaub. Die vertraute Umgebung hinter sich zu lassen, einfach über den Tellerrand hinweg zu schauen, um endlich die Außenwelt zu entdecken. Die Sehnsucht nach exotischen Ländern auf weit entfernten Kontinenten ist der ausschlaggebende Beweggrund. Früher galt das Phänomen Fernweh noch als eine Veranlagung zur Melancholie. Der sehnsuchtsvolle Blick in die Ferne wurde mit einem romantisierten, aber realen Schmerz verbunden. Flugangst hingegen hat jegliche Romantik bereits verloren. Sie fühlt sich auch heute noch an wie eine Art Höhenphobie, gepaart mit einer Form von Klaustrophobie. Auch der Jetlag nach dem Flug verleidet einem die Ankunft.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

Ganz selbstverständlich lassen wir uns nur mal eben in die nächste Hauptstadt oder gar bis ans andere Ende der Welt fliegen. Wenn aber dann doch bei der Ankunft der Koffer plötzlich verloren geht, bleibt zunächst ungewiss, wie die nächsten Tage mit den sieben Sachen im Handgepäck überbrückt werden sollen. Vom Fernweh gepackt, abenteuerlustig zu einer spontanen Backpacking-Tour aufzubrechen, ist, je nachdem, wie weit die Reise gehen soll, aber gar nicht so hurtig realisierbar. Eine Reiserücktrittsversicherung und eine Auslandskrankenversicherung abzuschließen, Impfungen nachzuholen, einen neuen Reisepass oder ein Visum für ein ganzes Jahr zu beantragen, gehört zur Reisevorbereitung aber obligatorisch dazu.

Andere Länder, andere Sitten

Viele Abiturienten absolvieren vor dem Studienstart ein Freiwilliges Soziales Jahr, um in Einrichtungen wie etwa Kinderheimen und Schulen in notdürftigen Entwicklungs- und Schwellenländern auszuhelfen. Gerade abenteuerlustige Backpacking-Touren in untypischen Urlaubsländern erfreuen sich derzeit immer größerer Beliebtheit. Die Reisenden backpacken meist nicht durch Länder wie Italien oder Spanien, die hauptsächlich vom Tourismus leben, sondern gerade in Gegenden, die einen besonderen Kontrast zur eigenen Heimat bilden. Das Abenteuer und die Exotik machen den Reiz dieser Reisen aus.

Reif für die Insel!

Der Begriff des Fernwehs wurde durch den aufkommenden Tourismus auch in die Werbesprache übertragen. Die künstliche Produktion eines Zustandes des Fernwehs durch die bildliche Darstellung von Ländern fern der Heimat avancierte zu einem bedeutsamen globalen Wirtschaftsfaktor. Heutzutage reisen Touristen immer öfters per Schiff, welches der zunehmende Trend zu Kreuzfahrten zeigt. Eine Weltreise zu geheimen Sehnsuchtsorten, längere Kreuzfahrten oder Städtetrips übers Wochenende, verbunden mit all inclusive Angebote in Hotels, gehören für Reiselustige zur Erholung in Wohlfühloasen selbstverständlich dazu. Fernweh ist ökonomisch gesehen am relevantesten für touristische Branchen wie der Luftfahrt. Immer populärer werden Ethno-Supermärkte, in denen die Kunden entweder aus Heimweh oder aus Fernweh vermehrt einkaufen, um mit orientalischen Produkten wie etwa seltenen Südfrüchten oder Gewürzen kulinarischer und authentischer kochen zu können.

„Durst ist schlimmer als Heimweh!“

Dieser gedruckte Vergleich auf Flaschenöffnern erinnert daran, wie es sich auf der letzten Reise anfühlte, weit weg von daheim zu sein, vollkommen allein in der großen weiten Welt. Zuhause ist es angeblich immer noch am schönsten. Kaum zurück zu Hause angelangt, werden die Erinnerungen wieder wach an das, was auf der letzten Reise geschah. Freie Gedanken kreisen umher und driften gerne ab in die Ferne. Wie aus einem weit entfernten Traum gerissen, übermannt von unterwegs eingeprägten Sinneseindrücken, wirken die gesammelten Erfahrungen im Traum noch intensiver nach: Gerüche, Geschmäcker, das Licht und sogar Temperaturunterschiede werden in der eigenen Phantasie erneut allgegenwärtig. Als könnten wir uns in Gedanken zum Greifen nah noch einmal in die erlebten Situationen unserer Lieblingsaufenthalte wie in einer Art Zeitmaschine zurückbeamen. In den tiefsten Träumen wünschen wir uns Tag und Nacht an die Sehnsuchtsorte zurück, wo es insgeheim am schönsten war, an denen wir gerne länger oder sogar für immer geblieben wären.

Wer rastet, der rostet

Wer sich jetzt zur individuellen Reiseplanung schon die passenden Dokumentationen, Blogs, Guides, Tagebücher und Literatur rund um sein Lieblingsreiseziel zu Gemüte führen möchte, lindert auf diese Weise schon vorläufig sein aufflammendes Fernweh. Die Vorfreude auf eine Reise zu zelebrieren, bis zur wirklichen Ankunft am Wunschziel, ist die schönste Freude. Der nächste Trip rund um die Welt kann kommen, inklusive vorprogrammiertem Heimweh. Doch die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Der Weg zum persönlichen Sehnsuchtsort wird also freigeräumt. Grenzen sind schließlich dazu da, um überwunden zu werden. Egal, ob Tour oder Trip, ob zum Studium, Jobben oder Urlaub. Wünschen wir uns nicht alle manchmal, unser altes Leben wenigstens für eine Zeit lang zu den Akten legen zu dürfen und dafür ein neues spannenderes Kapitel aufzuschlagen? Sich einfach aufzuraffen und ins kalte Wasser zu springen. Hört sich einfacher an, als es in Wirklichkeit ist. Doch die alltäglichen Verpflichtungen halten einen von derartigen Freiheitsgedanken ab. Die Phantasie kämpft mit der Vernunft. Das Gefühl des Fernwehs streitet sich mit dem des Heimwehs. Die Hoffnung stirbt aber bekanntlich zuletzt, so dass der Reisetraum nicht zerplatzt, sondern irgendwann verwirklicht wird.

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