Angst, sonst nichts. Über die leise Tyrannei der Seele

Ich weiß nicht mehr wann die Angst anfing. In den letzten Jahren sind genug Therapeuten alle erdenklichen Entwicklungsszenarien durchgegangen. Angst findet nur im Kopf statt heißt es. Angst ist lebensnotwendig. So was sagen sie zumindest. Andernfalls säße heute ein Säbelzahntiger im Kittel vor mir. Eine eigentlich sehr amüsante Vorstellung. Bringen tut sie gar nichts. Angst wird zur Krankheit, wenn sie aus völlig irrationalen Gründen auftritt. Unaufhörlich. Trigger, wie die Ärzte sie nennen, rufen die Angst auf den Plan. Es klingt vielleicht seltsam, aber die Angst ist immer da.

Ich erinnere mich an so manches Konzert. Nicht, dass es sonderlich viele gewesen wären. Oftmals schäbige Kaschemmen, seltener riesige Hallen. Trotzdem hatten sie alle etwas gemein. Konzerttickets sind wie Eintrittskarten für Zeitfenster. Geradezu infantil. Eine Art Lebensversicherung und tatsächlich fühle ich mich wie ein Kind, wenn die Angst für ein paar Momente unterdrückt werden kann. Nichts zum Anfassen, mehr ein Privileg für die Seele. Ein Zustand, der sich als federleicht ganz gut umschreiben lässt. Man darf sich fallen lassen. Sozusagen. Wann immer man fällt, fällt man weich. Metaphorisch klingt das erstaunlich logisch. Es klingt sogar verlockend. Buchstäblich tut es das nicht. Egal was für einer, ein Boden ist immer hart.

Mein Platz ist in der ersten Reihe. Wo sonst? Hinter mir wird es dichter. Harmonie kollektiviert sich. Es ist eng, aber überhaupt nicht bedrohlich. Im Gegenteil. Es fühlt sich wie ein Wärmepflaster an. Oder eine Umarmung. Keine Spur von Angst. Im Grunde genommen hatte ich nie welche. Man könnte diese Sicherheit auch als vage Vorstellung von Unsterblichkeit verstehen. Ich weiß, wie blöd sich das anhört. War auch meistens nur das Adrenalin. Eine ziemlich nachvollziehbare Reaktion.

Es war etwa zu dieser Zeit als ich mit einer Freundin nach Köln fuhr. Auch damals gingen wir auf ein Konzert. Bloc Party hatten wir schon ein paar Mal gesehen. Immer war es ein Spektakel. Als wir in der Schlange stehen, beginne ich zu wanken. Nur kurz, aber ich schrecke auf. Als würde man, genau wie in der Einschlafphase, noch mal stolpern. Während ich die Umgebung prüfe, sage ich nichts. Wieso eigentlich nicht? Es ist eine völlig neue Erfahrung, nicht einzuordnen. Voran geht es nur langsam. Dann irritiert mich Überforderung, innere Unruhe und die Rastlosigkeit. Ich beobachte, wie die Augen meiner Freundin die fluoreszierenden Lichter des abgedunkelten Eingangsbereich fangen. Genau genommen blitzen sie. Wie immer bevor wir unsere Tickets vorzeigen. Ja, eigentlich ist´s wie immer. Eigentlich.

Im Foyer drückt sie mir ihre Jacke in die Hand: „Bin eben auf Toilette, holst du was zu trinken?“ „Klar!“ Hätte ich mal lieber darum gebettelt, bloß nicht alleine gelassen zu werden. Eine Lüge ist stattdessen vorsorglich. Sie gibt der Angst irgendwie Unrecht. Verinnerlicht habe ich das bereits damals. Instinktiv. Bis heute hat sich die Verschwiegenheit als hervorragender Schutzmechanismus erwiesen. Mehr oder weniger ausgeklügelt. Mit anderen Worten: ich bin es gewohnt, nie die ganze Wahrheit zu sagen. Inmitten dutzender Menschen, deren offensichtliche Vorfreude ich nicht mehr teilen kann, beginnt meine Atmung schneller zu werden. Ich würde mich jetzt gerne am Tresen abstützen, doch ungefähr zehn Schritte dorthin sind zu weit. Viel zu weit. Das Gefühl des Kontrollverlusts, es erscheint mir unwirklich. Ich suspendiere es also ganz einfach. Ignorieren kann ich es aber nicht. Die Menschen um mich herum wirken missmutig. Ihr Lachen ist vielmehr tobendes Gelächter. Warum zum Teufel ist es auf einmal so verdammt laut?

Zum ersten Mal in meinem Leben achte ich ganz bewusst auf die Pulsation meines Körpers. Blut schießt mir in die Fingerspitzen. So als drückte man den letzten Rest Zahnpasta aus der Tube. Irgendetwas stimmt nicht. Ich breche in Schweiß aus und frage mich für den Bruchteil einer Sekunde, ob ich vielleicht sterbe. Ob es sich so anfühlt? Dann will ich raus. Kein gewohnter Gang. Nicht der, für die letzte Kippe, kurz bevor alles losgeht. Es ist Flucht. Doch selbst in diesem Zustand rasender Panik komme ich nicht weit. Als ich aufwache, liege ich im Sanitäterzelt. Auf einer Trage. Meine Freundin steht daneben und hält Cola bereit. Ich dachte schon öfter an die Angst. Wer nicht? Gespürt habe ich sie damals zum ersten Mal.

Fünf Jahre ist das her. Mittlerweile ist die Angst ein ständiger Begleiter. Immerzu zieht sie mir am Ärmel. Man kann versuchen, sich zu arrangieren. Mehr aber nicht. Es ist schwierig jemandem Angst als Krankheit zu erklären, wenn dieser selbst nicht betroffen ist. Ein unerträglicher Zustand physischer Übererregtheit. Täglich. Kreisende Gedanken, schreckliche Gedanken, katastrophierende Gedanken. Für jede Situation des Alltags sind sie sinngebend, wenngleich sie das Leben oft und immer öfter zu etwas Sinnlosem degradieren. Man muss lernen damit umzugehen. Mut ist keine Tugend. Sie ist vielmehr ein Potential. Und ja: es hilft ungemein mutig zu sein. Manchmal also lässt es sich ganz gut aushalten, manchmal aber ist der graue Terror kaum zu ertragen. Alles dreht sich mehr um Fragen als um Antworten. Was, wenn das wieder passiert? Warum passiert mir das? Ausgerechnet hier? Ob es wohl jemandem aufgefallen ist? Vor allem aber: warum kann ich nichts dagegen tun?

Ich begann vor allem Angst zu haben, fürchtete ohnmächtig und bloßgestellt zu werden. Während meiner schlimmsten Panikattacken hoffte ich nicht zu sterben. Irgendwann fürchtete ich mich vor dieser Schutzlosigkeit, dem Ausgesetztsein. Ich hatte Angst vor der Angst.

Anfangs nahm ich Angst als etwas sehr diffuses wahr. Sie hatte sich mir ja noch nicht vorgestellt. Ein Segen sozusagen, denn sorgenerfüllte Denkmuster manifestieren sich subtil als ein Teil unbewusster Wahrnehmung. Man beginnt sie als ein allgegenwärtiges Schicksal zu exponieren. Ich konnte lange Zeit auf kein Konzert mehr gehen. Irgendwann fühlte ich mich auch in der Uni nicht mehr sicher. In engen Seminarräumen war die Luft dünn. Reihenlampen an der Decke muteten wie die Lichter eines Operationssaals an. Mein dauerhafter Erregungszustand führte bald dazu, dass meine Sinne mit allem überfordert waren. Die Sonne war immer zu hell. Der Verkehr, selbst bei geschlossenem Fenster, unerträglich laut. Ein unaufhörlicher Ausschuss von Stresshormonen stellte sich ein. Ich war verspannt, hatte Taubheitsgefühle, Stechen in der Brust und ein Gefühl im Schädel, so als wäre dieser vollkommen auszementiert. Schnell war klar, dass ich nicht gesund sein konnte. Es war also bloß etwas Organisches. Oder nicht?

Als Angstpatient ist man damit beschäftigt, ziemlich oft in sich hinein zu hören. Introspektion aber ist das schlimmste Übel. Die Angst speist sich daran. Schlägt mein Herz noch? Ist der Puls okay? Dabei ist es offensichtlich, dass jede Rückversicherung alle Zweifel bloß vergrößert. Im Alltag bemüht man sich den Stress, dem man ausgesetzt ist, zu verbergen. Darüber reden hilft, wenngleich ich dazu neigte, irrsinnigen Aufwand zu betreiben, um letztlich eine Maske aufrecht zu erhalten, die davon ablenken sollte, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Wegen sich einstellenden psychosomatischen Funktionsstörungen, tingelte ich lieber von Arzt zu Arzt. Benommenheit, Schwindel, Sehstörungen, Tinnitus, Missempfindungen. Man erlebt die Welt, der man sich sonst immer so zugehörig fühlte, bloß noch gedämpft. Wie durch einen farblosen Filter. Generalisierte Ängste bedeuten dann auch, dass etwa Kopfschmerzen die Vorboten eines Schlaganfalls sein müssen. Ich kann nicht mal grob um den Daumen peilen, bei wie vielen Ärzten ich war. Jeder von ihnen bescheinigte mir beste Gesundheit. Bis man mich an einen Psychologen überwies.

Das Wort Angst fiel hier zum ersten mal. Mein Gefühl, die Kontrolle in meinem Leben an einen Zustand abtreten zu müssen, den ich bis dato einfach nicht begreifen konnte, hatte einen Namen. Schnell wurde eine psychoanalytische Anamnese abgehalten. Lebensgewohnheiten, biografische Angaben sowie Parameter, die im Wesentlichen das gegenwärtige Wohlbefinden hinterfragten und so weiter. Was ich immer noch nicht sehr ernst nahm, verweigerte mir ein autonomes Leben. Im Seminar saß ich, wenn ich es überhaupt dorthin schaffte, möglichst nah an der Tür. Im Supermarkt kaufte ich nur noch dann ein, wenn ich absehen konnte, wie kurz oder lang die Schlange an der Kasse sein würde. Beim Fussballtraining kontrollierte ich nach jedem Sprint meinen Puls. Das mache ich nun auch abseits des Feldes. Jeden Tag. Mehrmals.

Panikattacken kommen unverhofft. Manchmal geradezu überfallartig. Bei mir meistens abends, wenn der Tag lang war und die Nerven schon lange gegen meine Schädelwände klopften. Mittlerweile habe ich sie gut im Griff. Ein möglicher Trigger, ein die Angst auslösendes Moment, wie die Ärzte befinden, ist Erschöpfung aber durchaus. Auch die Erwartungshaltung an die Angst ist für Panikattacken maßgeblich. Ich tat alles, um diese Krankheit zu rationalisieren. Es ist der falsche Weg. Angst will nicht verstanden werden. Sie will Gesellschaft. Konfrontation ist die beste Therapie. Und dabei geht es keinesfalls darum, die Angststörung als solches zu romantisieren. Auch wenn ich bisher nur wenig kennen gelernt habe, das sich so überwältigend wie die sedierte Wonne einer überstandenen Panikattacke anfühlt. Noch mal: es wird jemanden, der eben nicht unter Angststörungen leidet, geradezu absurd vorkommen, dass ich ohne jeden Grund Angst mit Gedanken und Situationen verbinde, denen man eine ausgehende Gefahr einfach nicht zuschreiben würde. Haben sich jedoch körperliche Symptome wie erhöhte Herzfrequenz, zittrige Hände oder ein übersteigertes Fluchtbedürfnis erstmal als alltäglich etabliert, so scheinen diese Begleiterscheinungen ganz berechtigte Reaktionen auf die Umwelt zu sein. War es anfangs lediglich die Konzerthalle, die ich mied, so gab es auf dem Höhepunkt meiner Angsterkrankung nur noch wenige Orte, an denen ich mich sicher fühlte. Gewagt habe ich trotzdem alles. Uneingeschränkt. Es durfte einfach nicht sein, dass ich mich dermaßen fremdbestimmen ließ. Dennoch: für jede möglich eintretende Situation musste ein Fluchtplan bereit stehen. Auf jeden Fall.

Ich wurde in eine psychotherapeutische Tagesklinik eingewiesen. Diese war in erster Linie tiefenpsychologisch ausgerichtet. Das heißt, dass hier zunächst einmal der Grundstein gelegt wird, um Ängste überhaupt nachvollziehen zu können. Ihren Ursprung findet man eigentlich nie. Trotzdem wirkt es geradezu katharsisch, sich unter Anleitung psychologischer Expertise seiner Vergangenheit zu widmen. Persönlich glaube ich deshalb mehr an die Therapeuten als an die Therapie selbst. Es tut gut, sich den Fragen zu stellen, die man selbst nicht herzuleiten imstande ist. In eine Klapsmühle hatte ich nie gehen wollen. Am Ende aber waren es vor allem die Mitpatienten, die mir bewusst machten, dass man sich im Grunde kaum von Menschen unterscheidet, die psychisch gesund sind. Sie funktionieren bloß besser. Und eine Seele kann man nicht eingipsen. Es brauchte seine Zeit, bis ich das akzeptieren konnte.

Momentan mache ich eine kognitive Verhaltenstherapie. Gerade für Panikpatienten lassen sich Angststörungen hierdurch möglicherweise widerrufen. Ich glaube nicht daran. Ich glaube aber sehr wohl an einen angemessenen Umgang mit der Angst. Ich glaube außerdem daran, dass man sich auf vieles einstellen kann, nicht aber auf ein seelisches Ungleichgewicht. Auf ein hormonelles schon gar nicht. Klar, es gibt Medikamente. Die haben Nebenwirkungen. Selbstverständlich fürchte ich mich auch vor diesen.

In meinen ersten Sitzungen mahnte mich der Therapeut dazu an, die Angst willkommen zu heißen. Jedes mal, wenn sie sich bemerkbar mache, solle ich sie mit offenen Armen empfangen und bereits im Vorfeld antizipieren. Eine Strategie, die Angst als ein Konzept subjektiver Wahrnehmung offenbart. Wie gesagt: Konfrontation ist das Stichwort. Denn jedes mal, wenn man merkt, dass man die Angst überwunden hat, festigen sich wiederum Denkmuster, die völlig normale Alltagssituationen immer weniger mit ihr besetzen. Es geht darum die Maske, die etwa vor gesellschaftlichem Unverständnis schützt, fallen zu lassen. Es ist eine schwere Maske und letztlich braucht nur jener ihren Schutz, der sich ohne sie bedroht fühlt. Irrationale Ängste sind der Ursprung dieses Regelkreises. Es gilt ihn zu durchbrechen.

Auch wenn ich es nicht sollte, verschweige ich die Krankheit zum größten Teil noch immer. Mein Therapeut würde mich wohl dafür rügen. Für ihn ist es notwendig und in der Theorie die logische Schlussfolgerung, dass sich Linderung nur durch Offenbarung und Auseinandersetzung einstellen kann. Nun ja, vielleicht in der Theorie. Im Alltag hilft es wenig. Es ist manchmal ein so hoffnungsloses Unterfangen, dass es schwerfällt nicht zu resignieren und der Angst recht zu geben. Doch man lernt dazu. Man lernt viele Dinge. Vor allem lernt man Entscheidungen bewusster zu treffen. Man lernt zu differenzieren, was einem gut tut und was nicht. Das ist schwieriger als es sich anhört. Man lernt so allerlei, bloß lernt man nicht wie man es schafft, keine Angst zu haben. Auf Konzerte gehe ich trotzdem wieder.

Foto: Amanda Dalbjorn

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