Angst, sonst nichts. Über die leise Tyrannei der Seele

Ich weiß nicht mehr wann die Angst anfing. In den letzten Jahren sind genug Therapeuten alle erdenklichen Entwicklungsszenarien durchgegangen. Angst findet nur im Kopf statt heißt es. Angst ist lebensnotwendig. So was sagen sie zumindest. Andernfalls säße heute ein Säbelzahntiger im Kittel vor mir. Eine eigentlich sehr amüsante Vorstellung. Bringen tut sie gar nichts. Angst wird zur Krankheit, wenn sie aus völlig irrationalen Gründen auftritt. Unaufhörlich. Trigger, wie die Ärzte sie nennen, rufen die Angst auf den Plan. Es klingt vielleicht seltsam, aber die Angst ist immer da.

Freud, Narzissmus und die Selfie-Culture Antiquierte Gedankenspiele und die Notwendigkeit ihrer Neubewertung im digitalen Zeitalter

Für Sigmund Freud stand eines fest: narzisstische Dispositionen – eben auch in Anlehnung an die mythologische Figur – sind Ausdruck eines verdorbenen Hanges zur Selbstvernarrtheit und finden im Zuge außerweltlicher Isolation statt. Dass sich diese Einschätzung gerade in Zeiten objektiv messbarer Selbstdarstellung als völlig überholt erweist, beglaubigen die sozialen Praktiken des digitalen Zeitalters. 

Platten(teller): Gothic Tropic – Fast or Feast Auf der Suche nach Wohlklang? Gothic Tropic aus L.A. hätten da was fürs Sonnenbad.

Leidenschaftlich gerne und machmal nur bloß mittelscharf geben wir unseren Senf zu größtenteils unentdeckten, unserer Meinung nach aber kostbaren Neuerscheinungen der Popkultur. In unserer Rubrik Platten(teller) stellen Redakteure_innen des mediazine musikalische Novitäten aus allen erdenklichen Spektren vor. Benni Bender hat sich „Fast or Feast“ gegeben, das Debüt der hybriden, aber (Vorsicht!) keinesfalls selbstgefälligen Kalifornier_innen Gothic Tropic.

Immer gleiten dieselben Filter vorüber Der mythologische Narziss als Sinnbild digitaler Kulturkritik

Wenn bei André Gides Narziss-Interpretation von einem Traktat die Rede ist, tritt recht schnell zu Tage, dass das, was folgt, ideeller Natur entspringen muss. Vielleicht sogar einem Missionierungsbestreben. Dass sich der mythologische Narziss ebenso wie die Textform aus der Antike erhoben, scheint in diesem Fall v.a. deshalb zweitrangig, weil der Autor egomanische Selbstverliebtheit als Signum der modernen Gesellschaft verurteilt. Interessanter noch: Gide antizipierte das, was wir heute unter Selfie-Culture verstehen. Der Mythos von Narcissus dient hier gut und gerne als Blaupause. Dabei mutet Gides Anprangerung sehr eindringlich wie bildhaft an. Ovid, Urheber der mythologischen Sage, wird sich im Grab umgedreht haben.

I´ll see you again in 25 years Auf Sky Atlantic gibt es fortan die 3. Staffel von Twin Peaks zu sehen

Twin Peaks. Staffel drei. Endlich. Nach längerer Schaffenspause serviert uns David Lynch die mutmaßlich reichhaltigste Fortsetzung seines kultigen Opus Magnum. Zu erwarten ist ganz sicher ein verdrehtes Sammelsurium: schriller, pittoresker, vielleicht verstörender. Morgen Abend gibt´s Gewissheit.

Neon wie es nicht bloß scheint Fortsetzung eines Romans

[…] Durch die Drehtür hindurch und eine Wendeltreppe hinunter, stand ich vor zwei massiven Schwingklappen, wie ich sie in etwa aus der Kneipe meines Großvaters kannte. An der Bar saßen zwei Männer. Beide trugen Anzüge. Einer hatte seinen Schlips zu einem Stirnband gebunden und ich dachte, dieses Bild aus irgendeinem, wahrscheinlich amerikanischen, Film zu kennen, denn viel zu häufig entnahm ich bestimmte Wahrnehmungsmuster meiner cineastisch-ikonographischen Erziehung. An einem Rundtisch in der hinteren Ecke des rechteckig gelegten Altbaus vermutete ich Studenten. Als Erstes fiel mir jedoch die räumliche Symmetrie ins Auge. Über die Tische hinweg bewirkte sie etwas von einem Bild oder einer Postkarte. Das lag vor allem daran, dass der Raum in den […]

Neon wie es nicht bloß scheint Fortsetzung eines Romans

[…] Direkt vor Dorothees Wohnung war es noch viel lauter, als es vom Fenster aus immer ausgesehen hatte. Fünf Mädchen, ineinander gehakt, kreischten den Refrain von I don´t wanna miss a thing. Im Kampf um den Wein, den sie einander herumreichten, ergaben sich die hochhackigen Absätze mit jedem Schritt dem Gewicht, das auf ihnen lastete. Ein paar Typen, die ich unweigerlich als Proleten ausmachte, augenscheinlich Bankdrücker, skandierten irgendeinen Mist, bei dem lediglich der Kreuzreim entscheidend ist. Ich machte mich auf den Weg zur nächsten Metro. Die 103 stand abfahrbereit. Wie immer. An der 79 Street, die direkt am Hudson liegt, stieg ich aus und war irritiert, dass ich mich an […]

Neon wie es nicht bloß scheint Fortsetzung eines Romans

[…] Zettelbotschaften hatte ich schon als Teenager romantisch gefunden und sie stets mit jener Aufregung verteilt beziehungsweise in Empfang genommen, wie sie in diesem Alter – auch wegen des ersten libidinösen Aufbegehrens seit der phallischen Phase – nun mal typisch ist. Ich stellte mir mich aus Malus Perspektive vor. In dieser Inszenierung hätte ich die Nachricht nicht sofort gelesen. Mit blitzenden Augen würde sie nun beobachten, wie ich den Zettel in meinem Portemonnaie als Beleg einer auflodernden Romanze oder als Relikt einer schicksalhaften Eingebung bergen würde, bloß um ihn mir, sobald ich zurück in Dorothees Wohnung wäre, neben meine Unterlagen auf den Schreibtisch zu legen. Dann fiel mir auf, dass […]