Bald im Kino: 1917

Aufgrund der speziellen Inszenierungsweise erfuhr Sam Mendes neuestes Werk im Vorfeld viel Aufmerksamkeit. Der Skyfall-Regisseur lässt seinen Film nämlich so wirken, als sei der komplette Streifen am Stück und in einer einzigen Einstellung gedreht worden. An dieser beeindruckenden Umsetzung hat nicht nur der frisch gekührte Golden-Globe-Gewinner Mendes, sondern auch Hollywood-Kamerakoryphäe Roger Deakins seinen Anteil. Eines sei schon vorweggenommen: das Optische in 1917 ist zweifellos ein filmischer Augenschmaus. Doch zu einem meisterhaften Filmwerk gehört nun mal mehr als ein gutes Aussehen. Ob 1917 auch als Gesamtwerk überzeugen kann, erfahrt ihr nun in unserer Review.

Time is the Enemy

Wir schreiben das Jahr 1917. Der erste Weltkrieg hat seinen Höhepunkt erreicht, die Alliierten und Deutschen kämpfen mitten in Frankreich und ein Kriegsende scheint ferner denn je. Als sich die deutschen Truppen allerdings zurückgezogen haben sollen, wittert dies ein 1600 Mann starker britischer Trupp als Zeichen der Schwäche und geht selbst in den Angriffsmodus über. Dabei handelt es sich jedoch um einen Hinterhalt. Die einzige Hoffnung liegt nun bei den britischen Unteroffizieren Blake und Schofield, die den Auftrag erhalten haben, das Feindgebiet zu durchqueren und die Warnung zu übermitteln, sodass der Angriff rechtzeitig zurückgezogen werden kann. Aufgrund zerstörter Kommunikationskanäle zum dortigen Kommandanten gibt es nur diese Möglichkeit. Es kommt zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Mendes ging es vor allem darum „Zeit als ein reales Element zu betrachten“. Dies merkt man seinem Film an. Hier erleben wir die Geschehnisse ohne Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre in der Handlung umher zu springen, wie es bei so manch anderem Film der Fall ist. Hier folgt man den Geschehnissen in Echtzeit. Thematisch lautet die Frage: Werden die Soldaten die Mitteilung rechtzeitig übermitteln, um so Hunderte ihrer Landsmänner, darunter auch Blakes Bruder, vor dem sicheren Tod zu bewahren?

Die Unteroffiziere werden dabei durchaus solide von Dean Charles-Chapman und George MacKay gespielt, ohne wirklich zu glänzen. Auch die britischen Tinseltown-Stars Benedict Cumberbatch und Colin Firth sind zu sehen. Ihre Auftritte sind zwar nur von kurzzeitiger Präsenz, tragen aber zur Ambition des Filmes bei. 1917 möchte ein hochklassiger Hollywood-Kriegsfilm sein, der sich in seiner Machart von anderen Werken seines Genres abgrenzt. In 1917 steckt viel Herzblut drin. Und das merkt man von der ersten Sekunde an. Mendes wollte zu Ehren seines Großvaters, welcher in jenem Weltkrieg kämpfte und dessen Erzählungen ihn beeinflussten, einen intensiven und bildlich überragenden Film erschaffen. Es gelingt ihm größtenteils, doch so besonders der Echtzeit-Erzählstil einem auch vorkommen mag, muss es nicht gleich bedeuten, dass alles echt wirkt. 1917 trägt stets etwas Künstliches und Konstruiertes in sich, was man mag oder eben nicht.

One shot, one film?

Dass ein Film seine Handlung in einer einzigen, kontinuierlichen Einstellung erzählt, ist längst nichts Neues. Im Gegensatz zu Sebastian Schippers Victoria, bei dem es sich tatsächlich um einen echten One-Shot handelt, erzeugt Deakins Kameraarbeit lediglich die Illusion einer konsequent durchgeführten Plansequenz. Dies schmälert keineswegs die meisterhafte Leistung des Oscarpreisträgers. Deakins Bilder sind bildgewaltig, detailliert und zeigen uns im Kontrast zum schaurigen Krieg malerisch schöne Landschaften. Die Kamera fungiert als eine Art dritter Mann, der die beiden Unteroffiziere auf ihrer Kriegsodyssee begleitet. Rennen die Soldaten, dann rennt die Kamera. Bleiben sie stehen, dann ruht sie. Der Film hat einen Puls, den wir als Zuschauer durch die Bewegungen der Kamera spüren können. 1917 besteht aus Momentaufnahmen und Situationen, in denen wir nie lange verweilen. Die Übergänge zwischen den einzelnen Plansequenzen werden dabei gekonnt kaschiert, sodass die Illusion des One-Shots aufrechterhalten wird.

Des Weiteren spielt 1917 auch auf andere Filmklassiker des Kriegsgenres an. Wenn uns Deakins etwa durch die Schützengräben führt, können wir im Hintergrund nicht nur erschöpfte und vom Krieg gezeichnete Soldaten sehen, sondern werden auch an Kubricks Wege zum Ruhm erinnert. Sam Mendes neuestes Werk ist technisch nicht zu überbieten. Von den Toneffekten bis hin zur meisterlichen Kinematografie ist 1917 eine reine Glanzleistung. Auch der starke Soundtrack sei zu erwähnen, welcher besonders bei einer markanten Szene nahe des Endes seine volle Kraft entfalten kann. Daher erscheint es kaum überraschend, dass er zehnfach für den Oscar nominiert wurde, unter anderem für die Beste Kamera, beste Filmmusik und besten visuellen Effekte.

Das Visuelle überschattet alles

Der Plot in 1917 ist relativ einfach gestrickt. Leider kann man dies auch über die Charaktere sagen, welche bei der ganzen visuellen Brillanz doch ein wenig untergehen. Zu keiner Zeit erscheinen sie wirklich greifbar, noch dazu interessant. Wir folgen ihnen lediglich bei ihrer gefährlichen Aufgabe, ohne dabei clevere Dialoge zu hören. Mendes füllt sein Kriegsepos mit trivialen Dialogen über die Sehnsucht nach Heimat und Familie, ohne den Zuschauer wirklich emotional zu tangieren. Zur Verteidigung ließe sich zwar sagen, dass es möglicherweise gar nicht das Ziel des Films war, greifbare Charaktere zu erschaffen, sondern lediglich deren riskante Reise zu zeigen. Dadurch fällt es aber schwer mit ihnen mit zu fiebern, wenn wir uns nicht einmal richtig für sie interessieren können. Trotz, dass wir den beiden Soldaten folgen, sind es nicht die Figuren, die 1917 ausmachen. Der frühere Bondregisseur ist vielmehr an der visuellen Wirkung als an der eigentlichen Thematik seines Filmes interessiert. Dies hat zur Folge, dass 1917 abseits seiner technischen Virtuosität kaum eine Wirkung beim Zuschauer hinterlassen kann. Zudem wirkt die Szene, in der Schofield in einem Kellerversteck eine Zivilistin entdeckt, nicht nur deplatziert, sondern gänzlich unpassend zur angestrebten Authentizität des Filmes.

Fazit

Regisseur Sam Mendes hat mit mit seinem neuesten Werk ein weiteres Mal bewiesen, was für ein talentierter Filmemacher er ist. 1917 ist ein handwerklicher Schmankerl und ein Film mit vielen Schauwerten, der das Kriegsgenre ohne jeden Zweifel bereichert. Außer der filmischen „Echtzeit“-Erfahrung bleibt dem Zuschauer hingegen wenig übrig, was er aus den knappen zwei Stunden mitnehmen kann.

1917 startet am 16. Januar in den deutschen Kinos.

Du möchtest weiterlesen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.