Bald im Kino: Der Leuchtturm Ein abtrünniges Märchen über innere und äußere Finsternis

Die Wellen schmettern gegen den Bug. Das Scheppern des Motors hält dem Wellenschlag entgegen. Das Meer schreit, während der Mensch schweigt. Das Boot legt an. Zwei Männer gehen an Board, zwei andere an Land. Das Boot zieht wieder ab. Eine Schicht, die für die einen endet, für die anderen gerade erst beginnt. Vier Wochen. Eine Insel. Und ein Ziel: Leuchtturmwache. Für die beiden Seemänner Ephraim Winslow und Thomas Wake wird es Zeit den Wahnsinn kennenzulernen. Es beginnt der Abstieg in die finstersten Ecken des menschlichen Verstands, die womöglich nur durch eins erleuchtet werden können: den titelgebenden Leuchtturm. Ob uns Der Leuchtturm überzeugen konnte oder bloß mit seinem Arthouse-Flair geblendet hat, verraten euch die nachfolgenden Zeilen.

Waschechtes Seemannsgarn

Nachdem Robert Eggers bereits 2014 mit The Witch Freunde des Schauderhaften überzeugen konnte, erzählt er mit seinem neuen Flick Der Leuchtturm nun eine weitere Horror-Story. Dabei darf man den Begriff Horror bei diesem außergewöhnlichen Werk nicht falsch verstehen. Wirklichen Horror gibt es hier kaum. Stattdessen baut sich das Abscheuliche hier durch das auf, was man als menschlichen Wahnsinn beschreiben würde. Der Leuchtturm erzählt nämlich die Geschichte zweier Männer, die in ihrer Isolation der Einsamkeit und dem eben daraus resultierendem Wahnsinn verfallen. „Boredom – eviler than the devil. Makes men to villains“, prophezeit Thomas Wake voller Inbrunst seinem Gegenüber und bringt die Handlung des 109-minütigen Streifens treffend auf den Punkt.

Die ersten paar Minuten fällt kein Wort. Die beiden Herren sind nicht besonders redensfroh, sondern erfreuen sich zunächst einmal der Ruhe durch die Abgeschiedenheit. Man hört nur das Meer und hin und wieder das Krächzen einer Möwe, der im Verlauf der Geschichte eine gewichtete Rolle zukommt. Die Kamera fährt langsam an der Außenmauer des Übergangs zum Leuchtturm entlang, dann die Fassade des Turms hinauf, über die Leuchtkabine, bis auf die Spitze. Wir lernen jede Diele, jeden Ziegel und jeden Nagel dieses abgeschotteten Plätzchens kennen. Nach knappen zwei Stunden haben wir genug von dieser Insel. Man stelle sich nur einmal vor, man wäre, wie die Wächter, wochenlang dort. Oder waren es im Nachhinein doch nur ein paar Tage? Schließlich wird ein isolierter, vom Wahnsinn befallener Mann blind gegenüber jeglichem Zeitempfinden.

Der Tod des Klabautermanns

Das Zusammenspiel von Robert Pattinson und Willem Dafoe ist dabei ein wahrer Sturm der Emotionen. Ein wahres Wechselspiel der Missgunst und des Wohlwollens. Von stillstehenden Close-Ups regungsloser Gesichter, über fröhliche Szenen Shanty-trillernder, dazu tanzender Saufkumpanen, bis hin zu zügellosen Tobsuchtanfällen, bei denen jede sich in der Nähe befindende Möwe einen raschen Abflug machen sollte. Sie lachen, sie weinen, sie singen, sie tanzen, betrinken und prügeln sich, sie furzen und wichsen, hassen und lieben sich. Die beiden Darsteller liefern sich ein rigoroses Kräftemessen nach dem anderen, das sich – abgesehen von den rar gesäten Momenten der Harmonie – in einen wutentbrannten Kampf unter Unehrenmännern entwickelt.

Die Insel, die dabei als Metapher für den geistigen Zustand der Männer fungiert, leidet unter diesem ausufernden Kampf. Wenn etwa das Dach undicht oder das Erdgeschoss vom Regen überflutet wird, so heißt dies, dass nicht nur die Fassade des alten Gebäudes Risse kriegt. Der menschliche Verstand scheint, ebenso wie etwas Materielles, dem Verfall zu erliegen, wenn er nicht anständig gepflegt wird und öffnet dem Wahnsinn so allmählich die seine Türen. Der menschliche Wahnsinn ernährt sich wie ein Parasit von der diabolischen Kameradschaft und spätestens gegen Ende des Films kann diese Formulierung vollends verworfen werden, denn was diese beiden Gestalten hier abziehen, ist alles andere als menschlich. Am Ende waren wir nur noch verwirrt, verstört und vollkommen weggeblasen von Pattinsons und Dafoes ekstatischen Schauspiel.

Old but gold?

In seiner Inszenierung brilliert Der Leuchtturm wie kaum ein anderes Werk aus den vergangenen Jahren. Es scheint, als würde man bei diesem Streifen die Filmgeschichte der letzten 120 Jahre aufarbeiten. Die tristen Schwarzweiß-Bilder im 4:3-Format sorgen für klaustrophobische Ängste und legen das Setting der einsamen Insel in ein Gewand der trostlosen Schönheit. Und wenn etwa ein Mann den anderen verfolgt und diese Szenerie einem unnatürlich schnellen Bewegungsmuster unterliegt, so fühlt man sich in die Zeit des Stummfilms zurückversetzt und nimmt dies zudem durch die Verwendung im modernen Kontext als eine Form der Situationskomik, beinahe als eine Art Farce oder Spottbild wahr. Es ist einer der zahlreichen Momente, die dem Streifen eine beinahe surreale Komponente verleihen und den skurrilen Charakter des Films formen.

Zugleich nutzt Eggers aber auch die Inszenierung um die Zustände der beiden Seemänner zu veranschaulichen. Die Leuchtturmwächter offenbaren ihre Gefühle zunächst selten durch Worte. Vielmehr rückt die Kamera an ihre Gesichter, ihre Augen und Münder und verrät uns so beispielsweise den Zorn, der in Ephraim steckt, als Thomas ihm wieder einmal den Zutritt in die Leuchtkabine verwehrt. Pattinsons Augen erfüllt eine tobende Schwärze, während Dafoes grantige Gesichtszüge seinen Jähzorn verraten. Die heruntergekommenen Räume, die verwinkelten Treppen, die wütende See. Aufnahmen, die das Bild der beiden Protagonisten um weitere Facetten ergänzen. Statt den Figuren einfach gestrickte Dialoge in die Münder zu legen, lässt Eggers die Bilder die Geschichte erzählen. Das ist old-faishoned Cinema, gepaart mit der Raffinesse des modernen Filmemachens.

Fazit

Der Leuchtturm erweist sich als ein Horror-Film über innere und äußerliche Finsternis, der die Grenzen des Gewohnten überschreitet und mit seiner außergewöhnlichen Machart sowie dem überragenden Schauspiel fasziniert. Der Leuchtturm hat etwas Mystisches, regelrecht Monströses an sich und entpuppt sich als ein abtrünniges Märchen über Einsamkeit und den Verfall der Menschlichkeit. Das ist Arthouse-Kino der ganz besonderen Sorte.

 

Der Leuchtturm startet am 28. November in den deutschen Kinos. 

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