Bald im Kino: Doctor Sleep

Stanley Kubricks Shining ist heutzutage eine absolute Horror-Ikone und Jack Nicholsons diabolischen Blick, den er aufsetzt, während er durch die zerhackte Tür ‚‚Here’s Johnny!‘‘ ruft, kennen wohl nicht nur Vertraute des Klassikers. Bekannt ist allerdings auch, dass Kultautor Stephen King, auf dessen Bestseller die Verfilmung beruht, diesen Film nicht ausstehen kann – zu kalt sollen ihm die Charaktere sein. In einem Tweet erklärte King, dass ihm Mike Flanagans aktuelle Umsetzung seines literarischen Nachfolgers von 2013 zugesagt. Ob Doctor Sleep (oder in Deutschland unter dem glorreichen Titel Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen) wirklich die nötige Wärme erzeugen kann und wie groß das Shining im Film sonst ausgeprägt ist, erfahrt ihr nun.

The Shining

Danny Torrance (Ewan McGregor), Sohn vom gefürchteten Jack Torrance, ist erwachsen geworden und leidet seitdem an den traumatischen Ereignissen, die im Overlook Hotel ihren Ursprung fanden. Zwar hat er seine zahlreichen Traumata allesamt weggesperrt, der Alkoholismus begleitet ihn im Erwachsenenalter dennoch. Er nimmt sich vor, sein Leben wieder in eine neue Bahn zu lenken und trifft auf Billy (Cliff Curits), der ihm eine Wohnung und eine Anstellung im Hospiz besorgt und fortan als dessen Freund agiert. Auf der Krankenstation benutzt Danny sein Shining, um den Sterbenden die Angst vor dem bevorstehenden Tod zu nehmen.

Acht Jahre später kontaktiert ihn die junge Abra Stone (Kyliegh Curran), bei der das Shining besonders ausgeprägt ist, über telepathische Kreidebilder. Sie berichtet ihm, dass eine übernatürliche Gruppierung unter Anführerin Rose the Hat (Rebecca Ferguson) Shining-Kinder entführen und ihnen gewaltsam den Tod herbeiführen, um sich von deren Macht zu ernähren, damit die Sekte ein längeres Leben erhält. Danny und Rose verbünden sich, um nicht auch Oper ihrer Machenschaften zu werden.

Alkohol, oh Alkohol

Mit rund 152 Minuten Laufzeit müssen die Charaktere zunächst mehr oder weniger detailliert eingeführt werden und allen voran Ewan McGregor kann zu Beginn seine Kult-Rolle als Drogenjunky in Trainspotting zum Vorbild nehmen, denn auch hier lernen wir ihn kennen wie er im volltrunkenen und berauschten Zustand neben einer Frau aufwacht, die ins Bett gekotzt hat. Während Danny und auch die Sekte rund um Rose, die einige Szenen zu Beginn erhalten, um klassisch Charakter & Motivation einzuführen, sehen wir die junge Abra in einem kurzen Moment als eine Art X-Men-Freak. Die überdurchschnittlich lange Laufzeit würde nicht so negativ ins Gewicht fallen, wenn alle Charaktere gleichermaßen zur Geltung kommen.

Gespielt ist das besonders von Newcomerin Kyliegh Curran hervorragend, da sie quasi in verschiedene vielschichtige Rollen schlüpfen muss. Nicht nur bietet ihr eigener Charakter eine Vielzahl von prägnanten Emotionsausbrüchen, sondern muss sie stellenweise auch die anderen Protagonisten mimen, die über das Shining in sie kehren. Im Gegensatz zum allgemeinen Duktus erkenne ich zwar Rebecca Fergusons Bemühungen, ihrer Rolle als Sektenführerin gerecht zu werden, und besonders bei dramatischen Gefühlswechseln spielt sie gut, allerdings wirkt ihr mysteriöses und bestimmendes Wesen in ruhigeren Momenten unauthentisch. Cliff Curtis (der schon in Training Day als ambiger Gangster überzeugen konnte) als guter Samariter ist als persönliches Highlight hervorzuheben, der dem Film auch bis zum Schluss gut gestanden hätte.

Here’s Danny! (oder auch Heil Kubrick!)

Doctor Sleep ist gespickt mit zahlreichen cleveren Ideen, stellenweise schönen Einzelszenen und einer schaurigen Atmosphäre, die gänzlich ohne billige Effekte oder den klassisch verpönten Jumpscares auskommt. Insbesondere der telepathische Machtkampf zwischen den verschiedenen Parteien sorgt für einige Gänsehaut-Momente und auch der überraschend hohe Fantasy-Anteil, der innerhalb der Sekte ihren Anklang findet, weiß zu überzeugen. Die Settings sind generell gut in Szene gesetzt, gefilmt & vertont, wenn auch der inszenatorische Eigenanspruch fehlt. Lediglich in einer Sequenz, in der Rose the Hat durch die Lüfte fliegt, wird der Anschein erweckt, dass der Zuschauer hier etwas Neues sieht. Umso erfreulicher die einzelnen Momente mit dem gut aufgelegten Cast sind, desto weniger funktioniert die Handlung als Ganzes: Schematische Motivationen der Charaktere, ein vorhersehbarer Handlungsverlauf und ein generell erwartbarer Schluss. Die Bösen wollen Böses, die Guten wollen dies bekämpfen, ich will was Neues sehen. Was wird wohl geschehen?

Die Huldigung Regisseur Mike Flanagans an Stanley Kubricks Werk sorgen während der Geschichte auch mittels subtiler Referenzen für Kopfnicken und Flüstern ‚‚Das kenne ich doch!‘‘ des Publikums. Da der Film allerdings im Overlook Hotel mündet, das bereits in Shining der zentrale Ort des Grauens war, schreckt Flanagan nicht davor zurück zahlreiche Anspielungen an diesen zu liefern. Die Szenerie des (indirekten) Vorgängers werden sogar mit identischer Inszenierung und ähnlich aussehenden Schauspielern nachgedreht und in den traumatischen Kontext des Charakters Danny eingebaut. Diese szenischen Nachbauten bieten allerdings keinen Mehrwert, da Kenner des Originals mit einem müden Lächeln verweilen, während der Rest überhaupt keine Ahnung hat, warum das gerade geschieht. Auch die restlichen Bestandteile des Endes lassen an Flanagans erwünschte Eigenständigkeit zweifeln und so erscheint das Finale, im Gegensatz zum bisher Gesehenen, erschreckend blass. Das Ableben von Rose the Hat wird ihrer Figur nicht gerecht und Danny Torrance mimt hier zwar kurz den Jack Torrance, an Jack Nicholsons Wahnsinn kommt dies allerdings nicht ansatzweise heran. Dass die Nackenhaare nicht aufrecht stehen, wenn das verschneite Overlook Hotel in Erscheinung tritt und das betörende Main-Theme aus Shining ertönt, kann man jedoch nicht behaupten.

Dem Tod kannst du nicht entkommen

Während Horror-Regisseur Mike Flanagan schon mit gelungen Genre-Vertretern wie Still oder Ouija: Ursprung des Bösen sein inszenatorisches Vermögen beweisen konnte, stand ihm bei Doctor Sleep nicht nur ein höheres Budget zur Verfügung, sondern auch ein Stoff, der Themen wie die menschliche Psyche, Traumata und Tod behandelt. Die schaurigsten Szenen sind hier nicht die oberflächlichen Grusel-Momenten mit obskuren Gestalten. Wenn Danny sich mit den Sterbenden im Hospiz unterhält und diesen mit dem Shining die Angst vor dem Tod nimmt, entfaltet sich der wahre Schrecken des Films: Die Urangst vor dem Tod. Auch ein längeres Leben, wie es die Sekte erzwingen will, schützt einem nicht vor dem Ableben. Und dennoch gibt es diese hoffnungsbringende Moral der Geschichte. Die, dass man trotz traumatischen Ereignissen nicht aufgeben soll und seine Ängste bekämpfen muss. Die, dass man keine Angst vor dem Tod haben muss, sondern das Leben genießen soll. Und so plakativ, wie hier beschrieben, zeigt es der Film nicht, sondern rückt die Geschichte in den Vordergrund, um Angesprochenes mitfließen zu lassen.

Fazit

Mike Flanagan schafft einen atmosphärischen Horrorthriller mit starken Einzelszenen, generischen narrativen Elementen und einer Nostalgieschleimspur zum Ende hin. Während der Cast des Filmes in den emotional aufgeladenen Szenen sein Potential ausschöpfen kann, sind es besonders die kleinen Momente, die Doctor Sleep die nötige Wärme geben und über den Durchschnitt eines solide inszenierten Schockers manövrieren.

Doctor Sleep startet am 21. November in den deutschen Kinos.

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