Bald im Kino: The House That Jack Built

Mit The House That Jack Built hat der dänische Skandalregisseur Lars von Trier nach über sechsjähriger Cannes-Abstinenz wieder ordentlich für Furore auf den diesjährigen Filmfestspielen gesorgt und ein weiteres Mal seinen Ruf als einer der kontroversesten Filmemacher unserer Zeit zementiert. Ein von Trier-Film wäre schließlich kein richtiger von Trier-Film, wenn dieser nicht schon im Vorfeld reichlich Gesprächsstoff aufkommen lassen würde. Aufgrund einiger als zu drastisch empfundenen Darstellungen von Gewalt in Teilen des Films, verließen zahlreiche Zuschauer den Kinosaal bei der Weltpremiere in Cannes vorzeitig. Diverse Szenen wurden mit Buhrufen kommentiert. So sorgte der Film bereits im Voraus für allerhand Aufmerksamkeit. Doch trotz einiger negativer Zuschauerreaktionen konnte The House That Jack Built im Anschluss minutenlange Standing Ovations einfahren. Von Trier hat es scheinbar einmal mehr geschafft, ein höchst umstrittenes Filmwerk zu entwerfen. Eigentlich ist es genau das, was wir mittlerweile von einem Lars von Trier-Film erwarten dürfen. Ob sich ein Kinobesuch für seinen neuesten Streifen lohnt, erfahrt ihr nun in unserer Kritik.

Ein Mann mit ernstzunehmenden Problemen

Als Schauplatz der Handlung dient die USA der 1970er Jahre. In The House That Jack Built führt uns Lars von Trier einen Außenseiter der Gesellschaft, in Form eines Serienkillers, vor Augen. Von Trier erzählt in fünf Kapiteln die Geschichte des hochintelligenten Jack (Matt Dillon) und seiner Entwicklung zum Serienmörder. Wir begleiten den Protagonisten Jack über einen Zeitraum von zwölf Jahren und werden dabei Zeugen von fünf Morden, die in ihrer Ausübung immer absurder werden. Die einzelnen Vorfälle erleben wir aus der Perspektive von Jack. Jeden der Morde betrachtet er als ein eigenständiges Kunstwerk. Jack bespricht seine Probleme und Gedanken mit einem mysteriösen Mann namens Verge (Bruno Ganz). Zwischen diesen Figuren entstehen diverse Gespräche über unterschiedliche Motive und Epochen der Kunstgeschichte und den Sinn von Kunstwerken. Mittels eigenwilliger Reflexionen über die Kunst versucht Jack seine Taten zu rechtfertigen. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird der stark neurotische Jack bei seinen Taten unvorsichtiger und läuft immer mehr der Gefahr auf von der Polizei entdeckt zu werden. Und dies nur um sein Ziel zu erreichen: Ein ultimatives Kunstwerk in Form einer Kollektion all seiner Morde, manifestiert in einem von ihm selbst gebauten Haus.

Mehr Lars von Trier geht nicht

Lars von Trier erschuf sich seinen Ruf als Skandalregisseur unter anderem durch Filme, wie Idioterne (1998), Antichrist (2009), Melancholia (2011) und Nymphomaniac (2013). Die genannten Filme enthalten nicht nur explizite Gewaltdarstellungen, sondern thematisieren zum Teil auch die Geschichten von geistesgestörten Menschen. Er inszeniert jedes seiner Werke einzigartig und brilliert durch seine ästhetische Raffinesse hinsichtlich technischer Umsetzung und Innovation. Diese spezielle technische Umsetzung wird in The House That Jack Built unter anderem durch bildhafte Metaphern gekrönt, die man als eine Analogie auf die Filmfiguren verstehen darf. Von Trier schafft eine solche Analogie, indem er beispielsweise unschuldige Zeichentrickschafe in Kontrast zu einem sich die Lippen leckenden Tiger schneidet. Des Weiteren ist The House That Jack Built dahingehend besonders, dass durch die Montage einiger Filmszenen auf Lars von Triers frühere Filme verwiesen wird. The House That Jack Built ist somit das erste selbstreferenzielle Werk des Filmregisseurs.

Von Trier setzt seinen Film mit derart technischem Geschick um, dass wir als Zuschauer an dieser bösen Geschichte durchaus Spaß haben. Das Erzähltempo ist, anders als in vorherigen Trier-Filmen, ‚relativ‘ schnell gehalten und wird durch weitere Montagen aus der Kunstgeschichte und der Verwendung von popkulturellen Melodien aufgelockert. Zudem verleihen die Gespräche zwischen Jack und Verge aus dem Off dem Film eine philosophische Note und regen den Zuschauer zum tieferen Nachdenken über die moralischen Abgründe des Menschen an. Die Dialoge in The House That Jack Built sind originell, eindrucksvoll und wirken häufig sogar poetisch. Die Handlung ist absolut unvorhersehbar, sodass wir Zuschauer in gewisser Weise den Opfern von Jack ähneln. Wir haben keinen blassen Schimmer, was als nächstes auf uns zu kommen mag.

Provokation und Exzess

The House That Jack Built ist ein typischer Lars von Trier-Film. Im Kontext einer abstrusen Geschichte zeigt er uns provokative Gewaltdarstellungen. Die Gewaltszenen werden dabei schonungslos, ohne besondere Ästhetisierung, wie es beispielsweise in Tarantino-Filmen üblich ist, dargestellt.   Im Gegensatz dazu wird der Rest des Filmes durch eine unkonventionelle Erzählweise, den stilisierten Kapitelübergängen und daraus resultierenden Off-Gesprächen kunstvoll in Szene gesetzt. Allen voran zum Ende hin wird Lars von Triers Film zunehmend abstrakter und in seiner Inszenierung stark verfremdet. Von Trier zeigt uns die Hölle. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Erwähnenswert sei auch die schauspielerische Leistung von Matt Dillon. Der US-Schauspieler liefert in The House That Jack Built unserer Ansicht nach seine bisher beste Karriereleistung ab. Mal ist er ein Psychopath der übelsten Sorte, mal ist er ein seriös wirkender Mann des mittleren Alters. In diesem Film kauft man ihm einfach alles ab. Leider führt uns der Trailer bzw. das Marketing des Filmes zu der Annahme, dass Uma Thurman eine tragende Rolle spielt. Dies ist jedoch nicht der Fall. Ihre Geschichte ist, wie die von allen weiblichen Charakteren im Film, sehr schnell erzählt. Zu der Figur des gewohnt starken Bruno Ganz würden wir mit jedem Wort zu viel verraten. Daher verzichten wir an dieser Stelle auf eine Kommentierung seines Charakters.

Das Uhrwerk Orange des 21. Jahrhunderts?

Von Triers neuester Film lässt einige Parallelen mit Stanley Kubricks Uhrwerk Orange erkennen. Als Kubricks Werk im Jahre 1971 in die Kinos kam, war er aufgrund der im Film gezeigten Brutalität und Frauenfeindlichkeit höchst umstritten. Ebenso kontrovers scheinen die Reaktionen auf The House That Jack Built zu sein, denn ähnlich wie Kubricks Film, welcher die Gewaltdarstellungen im Medium Film auf eine neue Ebene hievte, verhält sich auch von Triers Werk. Es gibt dort einzelne Szenen, die man in einem derartigen Ausmaß noch nie gesehen hat. Deshalb lässt sich The House That Jack Built unter diesem Aspekt auch als das Uhrwerk Orange des 21. Jahrhunderts bezeichnen. Von Trier sprengt nämlich die Grenzen der Brutalität und Frauenverachtung in einer bisher nicht erbrachten Art und Weise.

Ein Film zum Erinnern!

Zugegebenermaßen ist The House That Jack Built mit einer Laufzeit von etwa zweieinhalb Stunden bestimmt nicht für jeden ein Film fürs Kino. Einen Besuch würden wir euch aber auf jeden Fall ans Herz legen, denn The House That Jack Built ist nicht nur ein Werk, welches sich unweigerlich ins Gedächtnis des Zuschauers einbrennt, sondern auch ein äußerst spezieller Film, den man in unserer heutigen Zeit in einer solchen Machart nur noch ganz selten zu sehen bekommt! Wer auch gerne mal ins Kino geht, um zu lachen, ist bei The House of Jack Built nicht gänzlich falsch aufgehoben. Die Dänen sind ja unter anderem bekannt für ihren etwas eigentümlichen Humor. Diesen Humor kann man The House That Jack Built deutlich anmerken. Wir lachen an Stellen, bei denen man sich fragen muss: Darf man das? Von Trier interessiert sich weniger für den Suspense-Faktor, sondern ergründet vielmehr die Tiefen des menschlichen Verstands eines Serienmörders. Wer bei diesem Film also einen klassischen Slasher-Horror erwartet, ist bei Jack und seinem selbstgebauten Haus sicherlich an der falschen Adresse.

The House That Jack Built startet am 29.11 in den deutschen Lichtspielhäusern.

Du möchtest weiterlesen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.