Bald im Kino: Wir

Zwei Jahre ist es bereits her, als Jordan Peeles vielfach ausgezeichnetes Regiedebüt die großen Lichtspielhäuser erobern konnte. Gleichermaßen bei Publikum und Kritikern beliebt, entwickelte sich Get Out zu einem weltweiten Kassenschlager und spielte über 250 Millionen Dollar ein. Viel Lob erntete der US-amerikanische Filmemacher nicht nur für ein originelles Drehbuch, sondern auch für seinen innovativen Umgang mit den Konventionen des Horrorgenres. Vermarktet als ein scheinbar simpler Horrorfilm, entpuppte sich Get Out als ein satirischer Psychothriller, in dem der Regisseur Motive des alltäglichen Rassismus auf seine ganz eigene Art und Weise thematisierte. Dementsprechend hoch fallen nun die Erwartungen an Peeles neuesten Spielfilm aus. Ob Wir den Hoffnungen gerecht wird und sich ein Kinobesuch lohnt, erfahrt ihr nun in unserer Kritik.   

Ein klassisches Horrorszenario als Tarnung

Familie Wilson möchte lediglich den Sommer in einem Strandhaus in Nordkalifornien genießen. Doch das Gemüt der Eltern und ihrer beiden Kinder Zora und Jason wird schnurstracks auf die Probe gestellt, als ungebetene Besucher vor ihrem Haus aufkreuzen und sich als ihre Doppelgänger herausstellen. Die obskuren Gestalten reagieren auf keine der Aufforderungen des Vaters, das Grundstück zu verlassen. Auch ein Baseballschläger in seiner Hand scheint daran nichts ändern zu können. Die Situation eskaliert schließlich, als die Fremden in das Ferienhaus eindringen wollen.

Auf den ersten Blick liefert uns Jordan Peele ein klassisches Horrorszenario à la The Strangers oder The Purge. Friedvolle Menschen werden – sagen wir mal – von weniger friedvollen Menschen bedroht. Ähnlich wie Get Out stellt sich Wir aber alles andere als ein traditioneller Horror-Slasher heraus. Vielmehr nutzt Peele das Medium Horrorfilm ein weiteres Mal, um seine zahlreichen für das Genre unüblichen Ideen unterzubringen und ein größeres Publikum zu erreichen. Die Handlung verläuft dabei keineswegs genretypisch und bietet zudem einige Überraschungsmomente, die auch ohne den Einsatz von plumpen Jump Scares bestens auskommen. Was anfänglich noch wie eine übliche Home-Invasion wirkt, offenbart sich im weiteren Verlauf als kniffeliger Psycho-Survival-Thriller mit makabrem Beigeschmack. Ließ sich Rassismus bei Get Out noch relativ problemlos als Leitmotiv des Filmes bestimmen, fällt dies in Wir schon um einiges schwerer. Direkt zu Beginn taucht ein kryptischer Text über mysteriöse Tunnel unterhalb der USA auf. Anschließend zeigt uns Peele ein junges Mädchen im Jahre 1986, welches mit ihren Eltern einen schockierenden Ausflug erlebt. Nach minutenlangen Opening Credits mit Hasenkäfigen im Hintergrund springt die Erzählung zur Familie in die Gegenwart. Schon nach den ersten Minuten wird uns bewusst, dass hier mehr drinsteckt, als ein flüchtiger Blick hergeben könnte. Peele verstrickt die komplexen Aussagen des Films nämlich hinter starken Bildern und Metaphern. Somit dürfte es dem Zuschauer bei seiner ersten Sichtung nicht allzu leicht fallen, Peeles Intentionen auf Anhieb erkennen und nachvollziehen zu können. Der Rewatch Value ist damit garantiert!

Jordan Peele ist keine Eintagsfliege

Der Oscarpreisträger beschäftigt sich auch in seinem zweiten Werk mit interessanten und wirkungsvollen Thematiken wie den Ängsten und der Spaltung der Gesellschaft sowie dem Bösen, das jedem von uns innewohnt. Peele ist ein weiteres Mal in der Lage mit vielen absurden Momenten einen Kontrast zur Horroratmosphäre zu erzeugen, ohne das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Seine Werke lassen sich weder als klassische Horrorfilme, noch als Horrorkomödien kategorisieren. Dadurch resultiert gewissermaßen ein Art Genre-Mix, den es zu definieren gilt. Jene Gradwanderung zwischen ernstem Horror und satirischem Unterton wird in Wir auf ein neues Niveau gehoben und könnte in naher Zukunft zu einem Markenzeichen des Filmemachers werden.

Der Regisseur schafft es erneut eine bedrückende Stimmung zu erzeugen und eine großartige Schauspielleistung aus seinen Darstellern herauszuholen. Allen voran Oscarpreisträgerin Lupita Nyong‘o hinterlässt mit ihrer kuriosen Doppelrolle einen bleibenden Eindruck. Es ist jedoch nicht so, dass die anderen Figuren im Film untergehen. Jedes der vier Familienmitglieder erhält seinen Moment zu brillieren – auch die Kinder. Die Rolle des Black Panther-Darstellers Winston Duke verleiht dem Film obendrein etwas Leichtigkeit und sorgt mit einigen lockeren Sprüchen für Gelächter. Peele setzt direkt zu Beginn auf eine Briese Humor und schafft auf diese Weise dreidimensionale Charaktere, mit denen man leicht mitfiebern kann. Jordan Peele beweist damit, dass es sich bei ihm nicht um ein– wie man so schön sagt – One-Hit-Wonder handelt.

 

An Wir werden wir uns erinnern!

Ein raffiniertes Drehbuch gepaart mit herausragenden schauspielerischen Darbietungen lässt Wir zu einem würdigen Nachfolger von Get Out werden. Peele hat ein weiteres originelles Filmwerk erschaffen, welches sich nicht vor seinem Vorgänger verstecken muss. Da sich zum Ende hin die Ereignisse überschlagen und auch ein paar Logiklöcher entstehen, wird der Zuschauer das Kino vielleicht ein wenig irritiert verlassen und sich zudem die eine oder andere Frage stellen, ohne eine glasklare Antwort auf diese zu finden. Dies sorgt allerdings für reichlich Gesprächspotential und das ist schließlich etwas, was einen Film unter anderem interessant macht. Eins steht auf jeden Fall fest: Wir werden uns an ein erstklassiges Filmerlebnis erinnern!

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