Album Cover Courntey Barnett

Banalität, Alltag und Poesie – Review zu Courtney Barnett´s Debüt „Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit“

Aus Down Under schwappt derzeit ein Sound über den Pazifik, den auch du bald kennen wirst. Courtney Barnett ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Nicht zuletzt, weil sie Songwriting in einer Zeit kommerzialisierter Etikettenmukke auf ein seltenes Level ehrlicher Faszination gebracht hat. Kein Scheiß. Ihr Debüt ist das Album, was du gesucht hast um den Frühling einzuläuten (wenn er denn kommt). Wir haben für euch reingehört.

 

Courtney Barnett is the next big thing. Dass die australische Künstlerin in ihrer Heimat bereits mächtig durchstarten konnte, ist auch hierzulande kein Geheimnis mehr. Vergangenen Herbst klapperte sie jeden Schuppen ab, in denen sonst nur deine Kumpels oder die Bekannten von irgendwelchen Kumpels spielen. Im November war ich im Kölner Studio 672 dabei. Der Gig, ein überschaubares Publikum, völlig überforderte Kellnerinnen und sogar das Kölsch hatten an diesem Abend was besonders Heimisches. Zu diesem Zeitpunkt gab´s jedoch nicht viel mehr als das, was Courtney Barnett auf einer Double EP zusammengeleimt hatte. Davon unbeeindruckt haute sie mit A Sea Of Split Peas eine der krassesten Platten des letzten Jahres raus. Dieser Tage erschien dann wirklich ihr Premierenalbum Sometimes I Sit And Think And Sometimes I Just Sit. Was diese Scheibe besonders auszeichnet? Sie ist das musikalische Gegenstück zu den allesfressenden Müllschluckerpraktiken der gegenwärtigen Musikindustrie.

 

Barnett erzählt Geschichten aus dem Leben. Alltag, Routine, Langeweile, Oberfläche und Banalität werden durch metaphorische Brisen ausgeklügeltster images begleitet. Ihr narrativer Stil ist einerseits wie das Herz eines Kindes: verspielt, verschmitzt und jederzeit carefree. Andererseits wie der Wille eines Wolfes: stark, ausdauernd, mutig, ehrlich, aber auch ein bisschen einsam. Sie bildet gewissermaßen die Mitte einer sinnbildlichen Phalanx, die fernab kommerzialisierter Erfolgsambitionen Probleme besingt, denen sich jeder, der ehrlich genug ist sich seinen Scheiß einzugestehen, zugetan fühlen dürfte. Offen gestanden bin ich recht unverhofft auf Courtney gestoßen. So zufällig, dass ich es gar nicht mehr genau weiß. Avant Gardener war der erste Song, den ich je von ihr hörte. Ob das letzten Sommer war? Ich weiß es wirklich nicht mehr. Danach jedenfalls war ich, wie man so schön sagt, angefixt.

 courtney

 

Sometimes I Sit And Think And Sometimes I Just Sit kommt unverhofft wie der Musterungsbescheid. Manchmal wirken die Texte unsicher und zweifelnd. Bei genauerem Hinhören wird deutlich, dass hier Weitreichenderes auf der Agenda steht. Ein Lied nach dem anderen läd ein zur Selbstreflexion. Barnett ist gänzlich demaskiert, ihre Gefühle offenbaren sich jedem, der sie hören will. Und wie sie da nun steht, so völlig entblößt, da will man ihr eigentlich das Herz ausschütten. Man hört hier nicht bloß hin, vor allem hört man zu.

Besungen werden die normalsten Dinge. Viel Futter für die fatalismusaffinen Twentysomethings, die uns allgegenwärtig ihre Lebensphilosophie durch den Aufdruck ihrer Jutebeutel zu vermitteln versuchen. Leider ist hier detailgetreues Geschick, Aufmerksamkeit und der feine Geist der Sensibilität gefragt. Während sich nahezu jeder am Nabel seiner Umwelt speist und im Grunde bloß Produkt derselben ist, wagt Courtney Barnett den oppositionellen Sprung ans andere Ufer, jenes der Einfachheit, der Ehrlichkeit, eben dort wo noch die „Wenn du keinen Bock drauf hast, dann fick dich doch selbst“-Regeln gelten. Die Allegorie des netten Mädchens von nebenan liegt nahe. Mehr aber auch nicht.

 

Barnett´s Geschick Geschichten zu erzählen, erinnert ein wenig an Bob Dylan, vielleicht der geistreichste Wortjongleur der Popkultur. Oder an die luftig leichte Schwerelosigkeit eines Stuart Murdoch, vielleicht auch eines Conor Oberst. Andererseits werden Einflüsse der Grunge- und Noise-Ära in Pedestrian at Best deutlich. Hier stellt sie unsere degenerierte Gesellschaft infrage, die vollkommen amoralisch dem mediatisierten Leben frönt, das uns bisweilen zu Trugbildern unserer verkommenen Vorstellungen dekonstruiert hat:

 

Underworked, oversexed
I must express my disinterest
The rats are back inside my head
What would Freud´ve said?

 

Im Laufe des Albums hört man auch ein bisschen Tweet und 60er Garage raus. Der Einfluss ihres Idols Patti Smith ist kaum von der Hand zu weisen. Eigentlich will man Courtney zur besten Freundin haben, wirkt sie doch so als könne sie nicht nur gute Ratschläge verteilen, sondern als sei sie vor allem auch ehrlich und einfühlsam genug um dir zu sagen, was du gar nicht hören willst. Nicht so wie deine Freunde. Die Lyrics sind eindringlich. Vor allem deshalb, weil sie roh in ihren Mund und unverdaut hinaus gelangen, der Realität entsprechend authentisch (ich hasse dieses Wort eigentlich wie kaum ein anderes) aus den Boxen ins Ohr wandern. Das alles speist sie mit einer gesunden Portion lakonischem Humor. Dabei macht sie aus Wichtigem Unwichtiges, aus Unwichtigem noch Unwichtigeres, Banalität wird zum obersten Gebot bis man sich irgendwann fragt: Bringt sie das grade echt so genial rüber? Das Simulakra der Musikindustrie, jener Schein der pathetischen Botschaft, die uns immer wieder glauben lässt einzelne Songs wären nur für uns geschrieben worden, werden hierbei ein bisschen der Lächerlichkeit preisgegeben. Es geht halt eben auch ehrlich. Und gut. Vielleicht sogar ein kleines bisschen zu gut.

 

Mittlerweile schmückt ihre junge Vita sogar Auftritte bei Jimmy Fallon oder Ellen DeGeneres, die, so mag man fast vermuten, gar nicht zum Wesen des rotzlöffeligen und karohemdentragenden phony kid passen. Aber nun über das Wesen einer Künstlerin den Stab zu brechen, wäre irreführend. Die Musik spricht für sich.

Für 18 Euro gibst Courtney übrigens am 12.04. im Berliner Heimathafen (Neukölln) zu bestaunen. Wer zufällig durch die Hauptstadt tingelt, hat jetzt eine gute Alternative nicht ins Wachshaus oder auf den Fernsehturm zu gehen. Sich ihr Zeugs bei spotify reinzuziehen ist (ich erwarte jetzt einfach mal nichts anderes) absolute Pflicht.

 

Titelbild: Lizenz: CC BY-SA 4.0 – Quelle: wikipedia – Autor: the skinnyTitel: Courtney Barnett Es la caratula del album

Bild im Text: Peter Marcel Schneider

Du möchtest weiterlesen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.