boehmermann

Böhmermann, Schmääääh und Satire. Über die Transformation des Frechdachses zum Fuchs.

Die Schmähkritik erhitzt des Landes Gemüter. Gar nicht so schlecht, einen Tag lang nichts von Flüchtlingen zu hören. Nervt auch nur noch. Politisch wie gesellschaftlich, gleichsam auch medienwissenschaftlich wird Böhmermann stattdessen zum lagerspaltenden Frechdachs stilisiert. Altbackene Verfechter des Gehorsams und bewährter Anstandskonventionen stehen jenen gegenüber, die insbesondere zu einem fähig sind: der differenzierten Kontextualisierung. Nichtsdestotrotz gibts richtig Ärger im Präsidentenpalast.

.

Satire gibt es nicht zum Nulltarif

.

14 Zeilen, vermeintlich (!) gerichtet an Erdoğan himself, haben gereicht, um richtig Welle zu machen. Unter ästhetischen Gesichtspunkten hat sich Böhmermann vielleicht nicht den größten Gefallen getan. Die plumpe Paarreimung eines Grundschülers, der obszöne Slang eines Mittelstufenschülers (eher Haupt- als Gesamtschule) und die stolperhafte Vortragsweise eines Studenten, der sich wünschte fernab ätzender Referate auch anders an seine Credits zu kommen, verdeutlichen sehr, dass es bei Böhmermann irgendwie nicht läuft. Rein inhaltlich bemerkt jeder – allen voran der notorische Esel – dass es sich um Schund handelt. Ist ja auch so! Nach der Ausstrahlung des Neo Magazin Royale wird gegen den Satiriker – wenngleich noch geklärt werden muss, ob er überhaupt als solcher bezeichnet werden kann – Strafanzeige gestellt. Uh! Von Beleidigung ist die Rede. Sehr wohl! Unser Grundgesetz gibt der türkischen Regierung Recht. Spielwichtig ist Paragraph 103. Hiernach können [Verfasser räuspert sich], nein, müssen Beleidigungen gegenüber ausländischen Staatsoberhäuptern rechtlich verfolgt werden. Die künstlerische Meinungsfreiheit stellt dies auf die Probe. Hach. Wenn es sonst nichts ist. Und zum Glück wird dies allein kaum ausreichen, um Böhmermann zu rehabilitieren. Dieser Fink!

.

Neo Magazin Royale. 31.03. Irgendwann abends. Keine Ahnung, wann sie den Bums ausstrahlen. Jedenfalls: hinter Böhmermann weht im digitalen Background die Flagge der Türkei. Jenem Land, das nicht erst seit gestern darauf hofft, in die Europäische Union aufgenommen zu werden. Wäre vielleicht sogar denkbar, wären da nicht diese verflucht modernen Richtlinien einer demokratischen Gesellschaft. Ob dies so ist, darf anderswo diskutiert werden. Ich weiß schon. Die Vereinigten Staaten kontrollieren uns. Denkt nicht, ich hätte das nicht gewusst. Zurück zum Thema. Was genau hat Böhmermann eigentlich gemacht? In besagter Sendung hat er – so wie er es selbst nennt – eine Schmähkritik formuliert. Ganz gezielt gegen den türkischen Präsidenten. Das hat er deutlich gesagt. Dieser anstandslose Philister fickt bestimmt selber Ziegen! Nun, wie kann es sein, dass sich ein vermeintlicher Affront binnen kürzester Zeit zur buchstäblichen Staatsaffäre aufbauscht? Dem Verständnis zuliebe, hier noch einmal Böhmis Text zum Nachlesen:

.

„Sackdoof, feige und verklemmt,


ist Erdogan, der Präsident.

Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner,


selbst ein Schweinefurz riecht schöner.

Er ist der Mann, der Mädchen schlägt

und dabei Gummimasken trägt.

Am liebsten mag er Ziegen ficken

und Minderheiten unterdrücken,
Kurden treten, Christen hauen

und dabei Kinderpornos schauen.

Und selbst abends heißts statt schlafen,

Fellatio mit hundert Schafen.

Ja, Erdogan ist voll und ganz,

ein Präsident mit kleinem Schwanz.“

.

So weit, so gut. Über Geschmack lässt sich streiten. Nicht aber über die Forderungen der türkischen Regierung, den Satiriker unter Strafverfolgung zu stellen. Entscheidend ist die Frage, wie unsere Regierung mit dieser Forderung umgeht? Es liegt nahe, dass wir uns als solche, die in der Lebenswelt digitaler Strahlkraft im seichten Gewässer des kulturindustriellen Aufschreiskandandalismus treiben, für Böhmermann aussprechen müssen. Endlich mal wieder Stellung beziehen. Bloß nur keine Haltung wahren. Mit verschränkten Armen sieht man einfach cooler aus. Etwa nicht? Appell an künstlerische Freiheit? Was für Appell an künstlerische Freiheit? Lasst uns mal lieber so tun, als hätten wir die Deutungsebenen des Gedichts entschlüsselt. Nah, dazu später. Politisch scheint Böhmermann gerade für eine ganze Menge Hysterie zu sorgen. Panik, die insbesondere eines bewirkt: die Offenbarung einer fragwürdigen Haltung unseres wunderbaren Vaterlandes gegenüber denen – denen da, die anderen halt – die nicht bloß neidisch auf unsere freiheitsproklamierenden Gesetze sein sollten, sondern sich gleichermaßen auch noch abgucken können, wie hier vor allem eines praktiziert wird: astreine Satire.

.

Die Transformation des Frechdachses zum Fuchs

.

Was Böhmermann der Debatte um seine Person einfach voraus hat, ist, dass er bewusst den Hinweis gab, es handele sich bei seinem Gedicht um sogenannte Schmähkritik. So transformiert sich der Frechdachs zum Fuchs. Der Unterschied zur Satire ist klar. Satire stellt, oftmals durch hyperbolisches Überspitzen der inhaltlichen Ebene, Missstände, Probleme und manchmal auch einfach Dinge dar, die scheißegal sind. Eigentlich geht es nämlich gar nicht um Tayyips Pimmel als vielmehr darum, künstlerische Wertmaßstäbe, die es in unserem Land zu schützen gilt, aufzuzeigen. Meine Oma findet mich kacke, wenn ich ihr sage, dass es gar nicht um Erdoğan geht. „Um wen denn sonst? Sag mir das mal!“ Ich wende mich ab, verweile einen kurzen Moment in der Tür, an der ein Kupferstich hängt, welcher mich daran erinnert, verdammt noch mal dem Herrn gegenüber ehrfürchtig zu sein, drehe mich dann noch mal um und gebe letztlich zur Antwort: „Hast du noch Apfelsaft?“

.

„Das darf man nicht machen.“ Böhmermann selbst unterbrach sein Gedicht. In der Mitte etwa. Gleichsam ließ er verlauten, dass Schmähkritik „in Deutschland verboten“ ist. Ich sag ja: ein Fuchs. Ein süffisant eingefädelter Hinweis, der wiederholt deutlich macht, dass Böhmermann entsprechend jeder Strafverfolgung zumindest künstlerisch – und das durchaus passabel – gewappnet ist. Sein Medipack hat einen seltsamen Namen. Es heißt kommunikative Metaebene. Etwas Verbotenes tun ist eine schlimme Sache. Ein Beispiel für Verbotenes zu nennen, also etwas, dass man auf keinen Fall tun sollte, ist schon was anderes. Böhmermann klafft in eine Nische, die künstlerisch vor allem deshalb wertvoll ist, weil sie den Inhalt als nichtssagend relativiert, obwohl sie den Anschein macht, es ginge um nichts anderes. Nicht nur clever, sondern auch weise ist der Fuchsvater. Böhmermanns Symbiose aus Schmähung und Satire erhebt die Form zur Maxime des satirischen Gegenstand. Damit ist sie unantastbar. Ihr Verweishorizont ist der, der sich auf die Kunst bezieht.

.

Die Metaebene der intendierten Ankündigung seines Gedichts („Keine bösen Wörter!“) diktiert sinnentleerte Ausdrücke als künstlerisches Stilmittel. Es gibt zwar eine Botschaft, aber keinen Inhalt. Dieser, und auch hierzu bedarf es des kontextuellen Selbstverständnisses einer absolut durch-digitalisierten Lebenswelt, wird von den Genies unserer Zeit ohnehin als nichtig decodiert. „Schweinefurz“, „ficken“ und „Schwanz“ sind semiologische Platzhalter. Nichts weiter. Bedeutungen haben sie nicht. Andernfalls verweise Böhmermann ja tatsächlich auf den bestimmt dicksten Schwängel der osmanischen Umlaufbahn. Igitt! Weil dies aber nun angezweifelt werden kann, entzieht sich Böhmermanns Schmähkritik einem Vorwurf ganz sicher. Nämlich dem der Beleidigung. Stattdessen sendet er eine Botschaft. Vor allem mittels der Art und Weise, wie er sein Gedicht vorträgt. Noch mal: vor dem Hintergrund ihrer Metaebene, der Bewusstwerdung etwaiger Diffamierung als juristisches Haar in der Suppe, funktioniert das Gedicht als subversiver Protest. Ganz einfach.

.

Warum daraus nun so ein Wirbel entstanden ist, liegt auch daran, dass es ein Merkmal der prätentiösen Anstandspolitik ist, Sachverhalte stets auf ihren Inhalt zu prüfen, sich dabei ihres Kontextes zu verweigern, um dann aus einer Position heraus argumentieren zu können, die den Künstler samt seiner kreativen Schaffenskraft diskreditiert. Letztlich zeigt die Haltung gegenüber Böhmermann, wie man als Teil der Gesellschaft Satire begreifen möchte. Es gibt im digitalen Zeitalter einfach diesen Widerhall, der Kontextualisierungen einfordert. Kein Gesetzbuch der Welt vermag dies zu verstehen.

.

Allein die Tatsache, dass wir über Schmähkritik diskutieren, zeigt doch, dass Böhmermann wahrhaftig eine Botschaft gesendet hat, die wir entschlüsseln. Und zwar überall dort, wo sie uns begegnet. Für uns Journalisten, Medienwissenschaftler und Kulturkritiker ist die künstlerische Freiheit die unantastbarste aller Leitlinien. In einer Gesellschaft, deren angepasste Grundhaltung oftmals nur am Arsch des Konformismus klebt, fällt es schwer, gehört zu werden. Sofern man nicht den waghalsigen und tollkühnen Grenzgang (seit wann eigentlich ist Mut keine Tugend mehr?) einer Schmähkritik als subtilen Versuch neuzeitlichen Aufbegehrens unternimmt, bleibt einem – nach meiner Überzeugung – nicht mehr soooo viel übrig. Das Wichtigste ist, dass uns diese Überzeugung schützt. Selbstverständlich muss gefragt werden, was Satire darf. Wie weit kann sie gehen? Durch die Debatte, die nun entstanden ist, können diese Fragen geklärt werden. Alleine deshalb bekommt Böhmermann Recht. Worauf es ihm ankommt, ist die Form. Der Medienwissenschaftlicher Bernhard Pörksen hat kürzlich bei Anne Will darauf hingewiesen, Böhmermann habe „einen Hybrid geschaffen“. Die Schmähsatire. Dieser verdammte Fuchs.

.

Über die Dinge, die wir schützen müssen

.

Das Gedicht öffnet vielerlei Funktionsebenen. Der Stil allegorisiert die Grenzüberschreitung. Er provoziert sie jedoch nicht. Erst in der rezeptionellen Wahrnehmung findet dies statt. Nach dem Motto: Alter, hat der nicht gesagt! Es geht halt auch darum Köpfe zu waschen und aufzuzeigen, was als juristisch anfechtbar geschützt werden muss. Erdoğan stellt Zeitungen unter Staatskontrolle, unterbricht investigative Recherchen. Systematisch geht er gegen jene vor, für die Meinungsfreiheit zur sehnsuchtskolorierten Wunschvorstellung verkommt. Was hätte eine Strafverfolgung Böhmermanns wohl zur Folge? Sie würde die Ausprägung unseres Verständnisses auf Meinungsfreiheit erschüttern. Jetzt mal ganz ehrlich. Das wär doch blöd.

.

„Herr Erdogan, […] Es gibt Kunstfreiheit – Satire und Kunst und Spaß – das ist erlaubt.“ Böhmermanns Hinweis wirkt wie eine schematische Vorbereitung seines Vorhabens. Er weiß genau, was er tut. Sicherlich im Bewusstsein, ein Grenzgänger zu sein. Sicherlich auch im Bewusstsein, dass er Grenzen einzuhalten hat. Wenngleich dies nicht die Paradedisziplin der Kunst – eigentlich ist sie das Sprachrohr des Tabuisierten, des Unterdrückten, etc. – ist, so hält sich Böhmi aus genannten Gründen doch sehr strikt daran. Die Kanzlerin hingegen attestiert ihm eine „bewusst verletzend[e]“ Intention. Für eine Welt, in der Meinungsfreiheit nicht zur Frage steht, hat Frau Merkel dann wenig übrig, wenn sie befürchten muss, die Türkei als Auffangfilter der Flüchtlingskrise zu verlieren. Fuck. Am Ende geht es doch wieder nur um diese nichts als Ärger bringenden Flüchtlinge!

.

Fassen wir Böhmermanns Schmähkritik als Ulk auf! Ein Ulk, der uns vor Augen führt, was in unserer Gesellschaft so schätzenswert ist. Nehmen wir ihn deshalb nur halb so ernst. Wir tun gut daran. Wirklich. Die bloße Absurdität des Gedichts stellt die Dinge natürlich überspitzt dar. Das darf sie aber auch. Schade, dass das nicht alle so sehen. In der Mediathek des ZDF ist die Schmähkritik verschwunden. So ein behinderter Arbeitgeber.

.

Artikel: Benni Bender

.

Bild: CC-BY-SA-3.0  Wikpedia, Jonas Rogowski, Titel: Jan Böhmermann in Rostock 2014 

Du möchtest weiterlesen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.