Apfel auf Bücherstapel

Buchrezension – Der unsichtbare Apfel

Von Kreisen, Dreiecken und ihrem Konflikt

 

In Robert Gwisdeks Debütroman geht es außerdem um das Volk von K, die Unendlichkeit und hundert Tage ohne Licht und Geräusche. Kurz: Um eine Reise zu sich selbst. Von Lisa Muckelberg

 

 

Hält man Robert Gwisdeks Debütroman „Der unsichtbare Apfel“ in den Händen, kann man bereits erkennen, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Buch handelt. Schon das Format, ein kleineres Hardcover in rauem Umweltpapier-grau, fällt ins Auge, beziehungsweise in die Hand, wo es gern verweilt. Abgebildet ist neben Titel und Autor ein simpler weißer Kreis, der mehr über das Buch verrät als der Klappentext.

 

Robert Gwisdek, Sohn von Schauspieler Michael Gwisdek, ist selbst Schauspieler, Filmemacher und als Käptn Peng musikalisch unterwegs. Wer ihn mit seiner Band „Die Tentakel von Delphi“ kennt, weiß, wie sehr der Frontmann die Worte und das Denken liebt. Eines seiner Lieder birgt oft mehr Inhalt als eine ganze Diskographie anderer Künstler.

 

Gwisdek spielt mit Worten wie ein Kind. Er legt sie auf die Goldwaage, zieht sie von hinten auf und beleuchtet all ihre verstecktesten Sinninhalte oder Leerinhalte. Er reiht sie aneinander, um sie wieder auseinanderzuziehen und dreht sich selbst das Wort im Munde um.

 

Den Leser erwartet kein gemütliches Buch, kein einfaches und schon gar kein lineares, womit wir wieder beim Kreis wären.
Gleich zu Beginn wartet Gwisdek mit einem Paradoxon auf: „Dieser Satz ist eine Lüge.“ steht auf der ersten Seite, es folgt eine Spirale, die die Ziffern 0 bis 9 verbindet und auf der dritten Seite dann das Gegenstück: „Dieser Satz ist wahr.“
Die Deutung dessen, wie auch sonst vieles in dem Roman, bleibt dem Leser selbst überlassen.

 

Doch noch beginnt der Roman recht konventionell. Es geht um Igor, ein Kind, das die Welt mit anderen Augen sieht. Igor ordnet Kisten in Kisten in Kisten und bastelt einen Neutralisator für mit negativer Stimmung geladene Gegenstände, wie der Haarbürste seiner Mutter.  Seine größte Sorge ist die Unendlichkeit des Universums, er empfindet seinen Körper als lästig und versucht sich von ihm zu lösen. Außerdem versucht er zu schmelzen und zählt Flecken, Atemzüge und überhaupt alles.

 

Auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn im Leben schließt sich Igor mit 23 Jahren in einem Raum ohne Licht und Geräusche ein. 100 Tage will er das aushalten und berichtet von seinen Erfahrungen in Form eines Notizbuches. Ab hier wird es wirklich irritierend und der Leser wird immer tiefer in seine wirren Gedanken hineingezogen.

 

Dort geht die Reise weiter in ein surreales Reich der Imagination: Igor muss richten, das Volk von K verlangt es. Dann ist da plötzlich diese Gleichung 1+1=1, die ihm Kopfzerbrechen bereitet. Da ist ein Wald, der sich auflöst, da sind Kinder, die er füttern muss, dann sind da Dreiecke und Kreise, immer wieder Kreise.

 

Diese wundersamen Erlebnisse liest man halb gefesselt, halb abgestoßen.
Die Reise, die letztendlich in Igor selbst stattfindet, nimmt immer konfusere Formen an und wird teilweise unerträglich abstrakt, es finden sich fast zwanzig Seiten, die nur mit aneinandergereihten Ks gefüllt sind. Dass es dabei um den Kampf von Dreiecken gegen Kreise geht, nimmt man als erschöpfter Leser dabei wie selbstverständlich hin.

 

Man fragt sich, ob das ernst gemeint ist. Man fragt sich, ob es wichtig ist, ob man auch getrost weiterblättern darf oder ob es zu der Erfahrung gehört, die Igor durchmacht. Man fragt sich sowieso vieles beim Lesen diesen Romans.

 

Dieses experimentelle Buch testet die Grenzen des Zumutbaren aus und strapaziert sie dabei nicht selten, wenn man sich allerdings darauf einlässt und in Igors Logik einsteigt, kann es sich wirklich lohnen. Wer die Texte von Käptn Peng kennt und schätzt, kann sich hier auf eine noch viel tiefschichtigere Beschäftigung mit allen bereits gestellten Fragen freuen, anderen mag der Einstieg  etwas schwerer fallen.

 

Warum aber sollte man dieses Buch nun aber trotzdem lesen, wenn es doch so abstrakt und verworren ist? Robert Gwisdek schafft es, diese formalen und inhaltlichen Extravaganzen in einer ruhigen, bildlichen Sprache zu bändigen und einzufassen, sodass der Leser nie ganz verloren ist.

 

Tatsächlich finden sich unfassbar viele kluge und sorgsam gewählte Worte, die man sich am liebsten über das Bett hängen möchte.

 

Und so fühlt man sich nach dem Lesen von „Der unsichtbare Apfel“ irgendwie erhellt, hat das Gefühl, etwas Grundlegendes verstanden zu haben oder zumindest entdeckt zu haben, dass da etwas ist, das man verstehen könnte. Zugleich bleibt da die Unsicherheit, ob man vielleicht etwas zu ernst nimmt, was nicht ernst gemeint war.  Das Extravagante ist eben immer auch peinlich.

 

Fest steht, dass hier Kunst geschaffen wurde, wie auch die Songtexte auf ihre Weise schon dazu beitrugen und Gwisdek den letzten Teil der Fantasiereise verfilmt hat. Gwisdek ist mit Herz und Seele ein Künstler, der all dies zu einem Gesamtkunstwerk verbindet.
Ob das Buch allein diesem Anspruch gerecht wird, sei einmal dahingestellt.

 

Der unsichtbare Apfel
Robert Gwisdek
08.03.2014
Kiepenheuer & Witsch
368 Seiten, gebunden
12,99 €

 

 

Bild: Lizenz: CC0 Public DomainQuelle: pixabay.com – Autor: jarmoluk

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