Straße

Buchrezension – On The Road

Like A Rolling Stone
Warum Kerouacs Meisterwerk immer noch nichts von seiner Bedeutung verloren hat. Von Simon Kroll

 


Über Jack Kerouac ist bereits alles gesagt, was gesagt werden muss. Und genauso verhält es sich mit„On The Road“, seinem legendären Werk, über das bis heute unzählige Mythen im Umlauf sind.
„Kerouac opened a million coffee bars and sold a million pairs of Levi’s“ heißt es immer, aber nachgeprüft hat das sicher niemand und es ist auch gar nicht wichtig, ganz im Gegenteil, denn diese Aussage banalisiert Kerouacs Einfluss, sie verschleiert die tatsächlichen Errungenschaften der so genannten Beatniks. „The beat goes on“, das wird er immer, ob man möchte oder nicht, aber wer hat den Stein überhaupt ins Rollen gebracht?
Als sich Kerouac für sein Manifest einer liberaleren Welt wochenlang einbunkerte und Zeile für Zeile, Seite für Seite, Tag und Nacht lang durchschrieb, hätte er vermutlich nicht zu träumen gewagt, dass die Erlebnisse seines Alter-Egos Sal Paradise von der Jugend als eine Kriegserklärung an das prüde, amerikanische Spießertum der 1950er und 1960er Jahre verstanden werden wird. J. Edgar Hoover, Gründer und Direktor des FBI, bezeichnete die Beatniks gar als größte Bedrohung, die neben dem Kommunismus für die amerikanische Kultur bestehe. Er lag goldrichtig.
Kerouac zeigt den Menschen eine Alternative auf, er präsentiert der Jugend eine Realität, die irgendwo da draußen ist, die man nicht im Fernsehen sieht und auch nicht in Hollywood, eine Kultur, die gefunden werden will und die auch nur von denen gefunden werden kann, die bereit sind, vorherrschende gesellschaftlichen Zwänge zu überwinden. Freiheit beginnt vor allen Dingen im Kopf.
Es hat einen vermeintlichen Staatsfeind gebraucht, um dem Land of the Free zu erklären, was Freiheit wirklich ist. Amerika wusste vor Jack Kerouac lediglich, was es bedeutet, die „Freiheit zu“ etwas zu haben. Nach Jack Kerouac wussten sie auch, welche Möglichkeiten sich im Leben bieten, wenn man die „Freiheit von“ etwas erringt.
Beim Beat geht es nicht um „Sex, Drugs ’n‘ Jazz“, auch wenn Kerouacs Leben gerne darauf zusammengeschrumpft wird. Es geht auch nicht darum, sich den ganzen Tag lang von Apfelkuchen, Eiscreme und Whiskey zu ernähren. Vielmehr gilt es, dass Richtige zu tun, seinen Wünschen und Sehnsüchten nachzugehen und sich nicht fernsteuern zu lassen, sei es nun aufgrund der Angst vor dem sozialen Abstieg oder den vorherrschenden gesellschaftlichen Verpflichtungen und Leistungsanforderungen. Und genau aus diesem Grund hat „On The Road“ bis heute nichts von seiner Bedeutung verloren. Da stört es auch nicht weiter, wenn sich Kerouacs niemals enden wollender Bewusstseinsstrom regelmäßig in absurde Details verliert und man mit der Geschwindigkeit, mit der diese Geschichte erzählt wird, nicht immer Schritt halten kann. Ganz im Gegenteil, vielleicht ist gerade diese Eigenschaft das Geheimnis dieses Textes.
Kerouac überflutet seine Leser mit Eindrücken, er bietet unzählige verrückte Situation aus seiner Zeit auf der Straße an und es ist eben genau diese Vielfalt, die um so effektiver verdeutlicht, wie es ist, wenn man ohne Scheuklappen durchs Leben geht und sich stattdessen einfach auf die Menschen einlässt, die einem weit weg von Zuhause begegnen können. Man pickt sich beim Lesen seine Rosinen heraus und da verwundert es auch überhaupt nicht, dass der Einfluss Kerouacs in all den Jahren ein unvergleichlich breites Spektrum erreicht hat: Bob Dylan sagte einst, dass er nur wegen Jack Kerouac angefangen habe, Protestsongs zu schreiben und ganz gleich ob Frauenrechts- oder antirassistische Bewegungen, früher oder später fällt der Titel „On The Road“ ganz sicher.
Kerouac verkörpert die Inspiration, die den Stein ins Rollen gebracht hat und die vielen Generationen aufgezeigt hat, dass ein Leben abseits der spießbürgerlichen Langeweile wartet, wenn man sich nur traut, es zu suchen. Dieser Gedanke darf niemals sterben. Er muss weitergegeben werden, auch heute noch, auf das er neue Kerouacs hervorbringt, die in der Sprache ihrer eigenen Generation als Inspirationsquelle dienen und die Gesellschaft gemäß den eigenen Träumen unaufhörlich weiterformen.
Jack Kerouac: „On The Road“
Englisch, Taschenbuch
Penguin Classics, 2000
EUR 8,80, 281 Seiten

 

Diese Rezension entstand im Rahmen des Seminars „Literaturkritik und Buchrezension“.

 

Bild: Lizenz: CC0 Public DomainQuelle: pixabay.com – Autor: RyanMcGuire

 

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