Nirvana Bleach Cover Club 27

Club 27 – Nirvana und der hölzerne Löffel

Nach der Redaktionssitzung: „Leute, wir bringen bald schon die 27. Ausgabe raus!“ Ein Schlaumeier (Ich) entgegnet: „Das heißt aber jetzt nicht, dass wir in den Club 27 eintreten wollen, oder?“ Für alle, die nicht wissen was der Club 27 ist: Musiker, die mit 27 an den Folgen des Rocks gestorben sind! Neuestes Mitglied seit 2011: Amy Winehouse. Mein Witz wird jedenfalls zu Recht belächelt und jemand meint, wir könnten ja einen Artikel zum Club 27 schreiben. Ich werde angeguckt und sage nur: „Kurt Cobain. Nirvana. Erstes Album!“

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Bleach heißt die erste Platte der Grunger aus Seattle. Mann, das war die Scheibe, wegen der ich mir meine erste Klampfe gekauft habe! Ich weiß noch genau, wie ich auf das Album gestoßen bin. Ich war 14 und stöberte mich wieder mal durch die Musiksammlung meines Vaters. Dann zog ich Nirvana raus. Weil mir das Cover gefiel. Als Fan von Pink Floyd wusste ich nämlich, dass man ein Album nach dem Cover bewerten kann! „Papa, was ist das für eine Gruppe?“ Er: „Gefällt mir nicht. Der Sänger schreit immer wie am Spieß!“ Bingo! Endlich eine Möglichkeit zur Rebellion! Denn wenn dein Vater Led Zeppelin und Black Sabbath feiert, ist das spaßige Pubertäts-Anecken sehr schwierig. Und deutschen Gangsterrap, den man in den 2000ern im Radio hören konnte, fand ich scheisse.

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Blew ist der erste Track auf Bleach. Und außerdem der erste Nirvana-Song, den ich bewusst gehört habe. Perfekter Opener! Man wird konfrontiert mit einer Bassline, die an eine Doom-Metal erinnert. Fun Fact: Die Band hatte einen Tag vor den Aufnahmen die Instrumente schon runtergestimmt auf D. Und am nächsten Tag stimmte man die Instrumente nochmal runter, also jetzt auf C, weil man vergessen hatte, dass die Klampfen schon runtergestimmt waren. Alkohol? Nicht unwahrscheinlich. Das Ergebnis war jedenfalls ein Riff von monströsem Ausmaß. Die Rockgeschichte ist voll von solchen dummen Zufällen. Der Black Sabbath-Gitarrist Tony Iommi verlor an seinem letzten Arbeitstag in einer Firma die Fingerkuppen seiner Greifhand, weil er die Macht einer Stanze unterschätzt hatte. Er dachte aber nicht ans Aufhören und bastelte sich aus Gummi neue Fingerkuppen.  Die Kraft in seinen Fingern war durch den Unfall natürlich verringert worden. Iommi zog die Konsequenzen und stimmte die Gitarrensaiten runter. Sie lassen sich so leichter greifen. Sie klingen aber auch böser! Das Ergebnis dieses Unfalls: bloß die Erfindung des Heavy Metals! Aber zurück zur Nirvana-Scheibe.

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Der zweite Track heißt Floyd the Barber und das Riff war das erste, das ich mir auf der Gitarre beigebracht habe. Es erinnert an einen Rhythmus, den Trunkenbolde auf einem Fußballspiel grölen würden. Ein E-Powerchord wird zweimal gedämpft angespielt und darauf folgt dreimal ein D#-Powerchord. Powerchords sind typisch für Kurt Cobains Songwriting. Anstatt volle Akkorde zu spielen, verkürzt man diese und spielt lediglich die Grundnote und die Quinte, manchmal auch noch die Oktave. Diese Technik ist der Grundbaustein vieler Rock-, Metal- und Punkbands, welche die Grunge-Mukke der 90er heftig beeinflusst haben. Cobains Lyrics können durchaus amüsieren. Ein gestörter Frisör namens Floyd pinkelt einem Kunden auf dem Frisörstuhl ins Gesicht. Es wird noch stranger. Könnt Ihr ja selbst nachlesen. Kurt Cobain: Voice of a Generation!

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About a girl… Der dritte Track des Albums zeigt, was für Eier die Jungs von Nirvana hatten. Einen Poptrack auf das Album zu pressen war in der Szene mutig, um nicht zu sagen suizidal. Und ich wette es gab mehr als einen der Kurt dafür als Pussy bezeichnet hat. Man hört raus, wie sehr Cobain The Beatles geschätzt haben muss. Er schrieb das Lied um seine damalige Freundin zu beschwichtigen. Diese war sauer darüber, dass Kurt den ganzen Tag zu Hause verbrachte und Songs schrieb, während sie für beide arbeiten ging, um die gemeinsame Wohnung zu finanzieren.

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School ist wieder ein Song, der fetzt. Ich höre den Black Sabbath-Einfluss im Hauptriff. Textlich lässt der Song erraten, dass Kurt die Schule gehasst hat. Der Refrain lautet ernsthaft „No recess!“ Das heißt so viel wie „keine große Pause!“ Erneut amüsant. Er leiht hier offenkundig seiner jüngeren Version eine Stimme um den Schulfrust rauszulassen.

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Love Buzz ist im Original ein psychedelischer Song von der niederländischen Rockgruppe Shocking Blue. Nirvana verwandeln das Teil in eine Mischung aus Pop und Punk und Gegröle. Das Ding groovt ohne Ende und man kann nur mutmaßen, wie sich die Mienen der Metalheads 1989 verzogen haben müssen, als Nirvana den Track live gebracht haben. Die größte Überraschung auf Bleach!

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Okay, der nächste Track, der ist so eine Sache! Ich habe schon recht beängstigende und bedrohliche Musik von Black Metallern gehört. Die malen sich die Gesichter weiß an und sehen dann irgendwie aus wie Pinguine. Über den Teufel wird viel gesungen. Aber deren Musik klingt zahm im Vergleich zu Track sechs von Bleach. Paper Cuts heißt das Ding und ich kenne keinen heftigeren Song. Die Vorstellung, sich mit einem Blatt Papier das Fleisch zwischen den Fingern zu zerreißen, lässt mich erschaudern. Und dieses unbehagliche Gefühl vermitteln auch die dissonanten Gitarren des Tracks. Die Lyrics auch. Kurt singt von einer Person, die von den Eltern in einen Raum eingesperrt wurde und nur gelegentlich „gefüttert“ wird.

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„Newspapers spread around, soaking all that they can.“

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Die Line fasst den Terror der Lyrics wohl gebührend zusammen. Wenn ich sage Kurt singt, meine ich eigentlich Kurt schreit, als würde er mit einem hölzernen Löffel ausgeweidet werden. Zugegeben: er grölt sich mehr oder minder durch das ganze Album. Aber Paper Cuts könnte der Track gewesen sein, der meinen Vater damals zum Abstellen der Musik bewogen hat. Ich habe noch nie jemanden so schreien hören wie Kurt Cobain. Der Song ist legaler Wahnsinn. Mein Anspieltipp!

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In Negative Creep versichert uns das lyrische Ich, dass es ein eher unglückliches Geschöpf ist. Die Gitarrenlines sind abgehackt und klingen in Kombination mit dem Getrommel von Chad Channing fett. Channing wurde später dann gekickt, weil Kurt Channings Getrommel für zu eingeschränkt hielt. Dave Grohl, der jetzt Sänger, Gitarrist und Songwriter der Foo Fighters ist, wurde zum legendären Drummer der Grunger. Gemessen an Cobains Selbstmord hat Negative Creep einen voraussagenden Charakter:

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„I`m a negative creep and I`m stoned.”

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Oder geht es gar nicht um Kurt?

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„Daddy`s little girl ain`t a girl no more.“

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Cobain hat sich immer wieder darüber aufgeregt, dass seine Fans so viel Bedeutung in seine Texte legen. Die Texte für Bleach hat er nach eigenen Aussagen auf dem Weg zum Studio geschrieben. Die Texte seien Konglomerate aus Lines, die er sich hin und wieder notierte. Liest man sich manche der Texte durch, macht diese bescheidene Aussage durchaus Sinn…

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In Scoff will Cobain seinen Alk zurück:

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„Gimme back my alcohol!“

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Das krakeelt er zwölf Mal ins Mikro und erklärt zudem, dass er sich nicht als Faulenzer einschätzen würde. Wahrscheinlich gingen ihm irgendwelche Philister auf den Sack damit, dass er keinen 9 to 5 Job hatte. Seine Freundin zum Beispiel …

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Swap Meet lief 2006 auf meinem Mp3-Player, als ich als Austauschschüler in Seattle das EMP Museum betrat. Es geht um ein Pärchen, das sich auf Tauschbörsen herumtreibt. Der Song enthält eine meiner Lieblingslines aus Kurts Feder:

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„She loves him more than he will ever know. He loves her more than he will ever show.”

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Ich hatte 2006 das Schweineglück, dass mich eine Gastfamilie aus der Gegend, aus der Kurt Cobain und Jimi Hendrix stammen, aufnahm. Im Museum sah ich dann Dinge, die einen Musikfan zum Sabbern bringen können. Das Woodstock-Outfit von Hendrix und seine Klampfe … Unnnnnd, und da wären wir wieder beim Album – die verschrotteten Gitarren von Kurt Cobain aus der Bleach–Phase waren ausgestellt. Die Jungs haben ähnlich wie The Who ihre Instrumente nach dem Gig zu Schrott verarbeitet. Wer Bleach hört, wird merken, dass das irgendwie zur Band passt.

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Mr. Moustache hat ein Gitarrenriff, das ein wenig an die frühe Phase von Metallica erinnern kann. Kirk Hammett, Leadgitarrist von Metallica, beteuerte auch, dass Kurt ein Fan gewesen sei. Kurts Lieblingstrack von Metallica soll wohl Whiplash von Kill em`all gewesen sein. Könnte durchaus sein! Worum es in Herr Schnörres gehen soll, weiß ich aber beim besten Willen nicht. Kurt wäre stolz!

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Sifting ist ein weiterer Anspieltipp! Ich kenne viele Nirvana-Fans. Aber irgendwie kenne ich keinen, der diesen Song nennen würde, ginge es darum, ein Ranking der Lieblingslieder zu erstellen. Ab der 80. Sekunde kommt auch wieder der hölzerne Löffel zum Einsatz! Und wieder geht es wohl irgendwie um Kurts Erfahrungen mit der Schule.

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„Teacher said, Preacher said, don`t have nothing for you!”

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Für Kurt gab es in der Schule einfach nix zu holen. Und das ist auch gut so.

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Big Cheese hab ich textlich auch nie verstanden. Aber die Tunes auf Bleach sind einfach alle gut. Das ist auch der Grund, warum dieser Review die Trackliste von vorne bis hinten abarbeitet. Jeder Track hat das Recht auf ein paar Zeilen. Denn entweder überzeugen die Hook, oder die Riffs oder die Lyrics. Auch wenn viele Lyrics albern oder amüsant sind. Und die Lyrics zu Big Cheese sind, glaube ich zumindest, zusammengewürfelter Blödsinn. Aber catchy! Kurt mischte Pophooks mit heftigen Riffs. Kein Wunder, dass zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Bleach mit Nevermind ein Album rauskam, das fast nur aus Hits bestand. Ich sag nur The Beatles– Einfluss! Kurt hatte, wie auch die Pilzköpfe, ein unfassbar gutes Gespür für eingängige Melodien.

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Bleach endet mit dem Track Downer. Ähnlich aufbauender Songname wie Negative Creep, was? Der Text von Downer ist nach Cobains Aussage einfach nur peinlich. Downer sei prätentiös, denn der Track sollte eine politische Message haben, doch in Wahrheit hatte Kurt von Politik wenig Ahnung. Aber der Song funktioniert trotzdem. Natürlich ist es ideal, wenn Text und Musik gut zusammen gehen. Aber ich bin ein Verfechter der Idee “music first, lyrics later“. Ähnlich hat Kurt es auch mal in einem Interview gesagt. In diesem Kontext macht sein Ärger über die Auslegung seiner Lyrics auch wieder Sinn.

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Bleach: 42 Minuten und 37 Sekunden, die es wert wären, dass Ihr sie bei spotify mal abcheckt! The Melvins meet Black Sabbath and The Beatles.

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Und zum Abschluss: Ihr könnt euch absolut sicher sein, dass es eine 28. Ausgabe des MediaZINE geben wird. Für Eure Unterstützung danken wir Euch!

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Artikel: Mario Löhr

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Bild: Lizenz: CC-BY-2.0 – Quelle: Flickr – Autor: Guille.17 – Titel: Bleach by Nirvana

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