Der Mensch ist eine Insel… Besuch ist aber okay.

„Spending warm summer days indoors
Writing frightening verse
To a buck-toothed girl in Luxembourg“

  • The Smiths – Ask

 

Obwohl es scheint, als sei dem postmodernen Menschen nichts wichtiger als die Ausprägung und Darstellung der eigenen Individualität, ist die Vorstellung des Alleinseins für viele fast unerträglich. Sei es aufgrund der Furcht vor dem anhaftenden Makel der sozialen und emotionalen Isolation, der Angst, etwas zu verpassen, oder einfach weil die eigenen Gedanken zu laut werden.

Die, wenn auch nur temporäre, Abgeschiedenheit – wie sie einst Thoreau in seiner Blockhütte und später Jack Kerouac am kalifornischen Big Sur zu nutzen versuchten – ist für den kulturgebundenen Menschen des 21. Jahrhunderts längst nur noch ein Mythos. Denn der immerwährende Interaktionsfluss ist durch unzählige Kanäle gewährleistet. Diese finden ihre Erfüllung schließlich in einem absoluten Kommunikationszwang, dessen Hülsen keinem eindeutigen Zweck mehr dienen. Wer jedoch versucht, seiner Identität nur durch ein Kollektivbewusstsein Sinn zu stiften, wird schnell merken, dass wir unser soziales Korsett, das uns doch so viel Halt für ein stabiles Leben geben soll, jetzt schon zu eng geschnürt haben.

Sollten denn einmal die Quellen der Interaktion versiegen bleibt noch immer die Substitution über die Parasozialität. Ich denke an den Freund, der sich beim Essen nur noch wohl fühlt, wenn er die passende Serie dazu gefunden hat. Netflix und andere dienen neben der Zerstreuung ebenso als Methadon des Kollektivierungsjunkies.

 

Einsam, aber nicht allein

Zwar werden Begriffe wie „Alleinsein“ oder „einsam“ häufig synonym verwendet,  jedoch  bedarf es einer semantischen Differenzierung. Man kann davon ausgehen, dass Alleinsein ein zwar von anderen Menschen solitärer, aber dennoch neutraler Zustand ist. Einsamkeit dagegen hat keinerlei Verknüpfung zu der physischen An- oder Abwesenheit anderer Individuen, sondern ist vielmehr die Interpretation des Gefühls, nicht gebraucht zu werden, keine Beachtung oder Anerkennung innerhalb des eigenen sozialen Gefüges zu bekommen. Wer kennt nicht das Gefühl, sich inmitten der Masse von Menschen verloren zu fühlen? Deine Freunde sind mal wieder besoffen oder buhlen – ungemein schäbig –  um die Gunst der Gastgeberin, während du Sauerstoff gegen verschweltes Nikotin tauschst und überlegst, ob du dein Bier besser mit der rechten oder linken Hand festhältst. Einsam, aber nicht allein. Mit ebendiesem Gefühl artikuliert sich erst die Unzufriedenheit über bereits bestehende zwischenmenschliche Beziehungen. Alleinsein dagegen, der Verzicht auf jegliche (para)sozialen Reize, sowie die von Erwartungen gelöste Reflexion, ermöglicht neue Perspektiven auf sich selbst und das eigene Umfeld. Wie eine Künstlerin oder ein Künstler während mehrmonatiger Arbeit die Distanz zu seinem Objekt verliert, verschmelzen auch wir irgendwann mit der Vorstellung eines vollkommenen, symbiotischen Gefühls, ohne den eigenen Bezug zu wahren.

Das zoon politikon, also der Mensch als soziales Wesen, hat seinen statischen  Charakter überwunden und ist heute auf der sozialen Landkarte fast grenzenlos vernetzt. So lange die Textur auf der Oberfläche stimmt, werden die eigenen Bedürfnisse dem Gemeinschaftsgefühl untergeordnet. So wird die auf Instagram entworfene Individualität schnell zu einem kollektiv gewordenen Plagiat und der Druck, sich am liebsten vierzuteilen, degradiert jede Verabredung lediglich zu einer Option.

Gerade in den wärmeren Monaten des Jahres scheint die Akzeptanz für Rückzugsmomente deutlich geringer als zur melancholisch-romantisierten Winterzeit. Wenn Joints und etwas zu warmer Riesling rufen, fällt es schwer, das Bedürfnis nach den eigenen vier Wänden zu rechtfertigen – vor allem vor sich selbst.

 

Vom Fensterladen zum Schierlingsbecher

Der Konformitätsdruck manifestiert sich nicht bloß durch die Kippe auf dem Schulhof oder dem ersten Tequila-Absturz. Auch die kollektivistische Eventkultur folgt Regeln, die trotz des vorgeblichen Vergnügungsfaktors eng mit Erwartungen, Zwängen und normativer Codierung verknüpft sind.

Soll heißen: Wer im Sommer die Fensterläden dichtmacht, hat sich aus der gut sortierten Karte berauschender Getränke ausgerechnet für den Schierlingsbecher entschieden. Auf  Eis serviert mit einem Schuss Heidelbeersaft gegen den bitteren Geschmack.

Der gesellschaftliche Hang zur maximalen Selbstoptimierung setzt Rückzugsgebärden häufig mit seelischer Verarmung gleich. Dies ist jedoch nicht selten die Reaktion auf eine kurzweilige Unterbrechung der externen Wohlfühlpipeline. Wie jemand, der angesichts eines relativen ökonomischen Wohlstands niemals an den Fall einer möglichen Unterversorgung gedacht hat, in eben dieser Situation mit Panik reagiert, sind auch viele Menschen ohne äußere Einflüsse mit sich selbst überfordert.

Jedoch ist, zumindest subjektiv betrachtet, ein postmaterialistischer Trend in Richtung eines minimalistischen Lebenswandels zu beobachten, der sich als Abkehr von der konsumorientierten Massengesellschaft verstehen lässt. Der Wohnraum wird entrümpelt, umgestaltet und auf das Wesentliche reduziert. Nahrung ist nicht bloß eine konservierte Selbstverständlichkeit und vorgebliche Statussymbole sind dem understatement gewichen. So sehr ich diesen reflektierten Umgang mit unserer Umwelt auch begrüße, wünsche ich mir trotz allem, dass die Menschen eben diese Achtsamkeit auf sich selbst projizieren. Sich die Zeit zu nehmen, die es bedarf, seine eigene Ordnung aufrechtzuerhalten oder (wieder)herzustellen.

Ich bin eine Insel und ihr dürft mich gerne besuchen. Vielleicht bin ich gerade nur nicht da.

 

Von Jan Rottmann

Bild: Lizenz: CC, Quelle: flickr.com, Autor: Andrea Ullius, Titel: Åland – Järsö, Nåtö, Kastelholm
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