Neon wie es nicht bloß scheint Beginn eines Romans

Ein junger Schriftsteller, der sich in Deutschland durch kleinere, jedoch von der Presse gefeierte, Veröffentlichungen einen Namen machen konnte, hat Aussicht auf eine erfolgreiche Karriere. Ausgestattet mit dem Stipendium eines renommierten Verlags zieht es ihn nach New York. Dort soll er an einer Kolumne arbeiten, um Geist und Wesen seiner Zeit zu erfassen. Nichts scheint hierzu aussichtsreicher als die neu gewonnene Anonymität, die ihn mit der Unbefangenheit staffiert, einen ironischen Blick auf die augenscheinliche Nervosität der Stadt zu werfen. Schon bald aber kehrt sich dieser Blick nach innen. Die Lichter der Boulevards erhellen weitaus mehr als die Nacht.  

Das Stipendium begann dann doch früher, als angekündigt. Dorothee würde mich am Grand Central Terminal abholen, dessen Empfangsbereich wie ein Museum aussah. Umbauarbeiten, von denen ich wusste, dass sie erst kürzlich stattgefunden hatten, verliehen den Fassaden der Eingangshalle etwas wie Erhabenheit, sofern ich das mit laienhaftem Kunstverständnis beurteilen wollte. Menschen streiften die Wände entlang. Ich glaube, um die präzisen Einkerbungen zu betrachten, von denen ich behaupten würde, sie seien wohl klassisch oder barock. Eine Subway-Filiale links und ein Blumengeschäft auf der rechten Seite brachen die nach elaborierter Hochkultur anmutende Oberfläche. Der Weg nach draußen war etwa hundert Meter lang. Unzählige Lämpchen, gelb aufblitzend, deren symmetrische Anordnung vielleicht beruhigend wirken sollte, erwärmten den Gang so künstlich, dass ich ihn mit Kopfschmerzen verlassen würde. Ein bedrückendes wie endliches Szenario vor meinen Augen. Im Grunde kein schlechtes Set für einen Horrorfilm. Nirgends Notausgänge.

An der Luft schlug mir Zugwind auf die Brust. Mein Atem war tief, als eine Frau – es musste eben Dorothee sein – meinen Namen rief. Ihre rechte Hand winkte aus einem Taxi. Ein Mercedes im verblassten Gelb. Eine Farbe, die ein Kind bestenfalls als Hautfarbe bezeichnen würde. Vermutlich hatte Dorothee mich erkannt, weil ich beirrt umherblickte, Menschen auf mich aufliefen oder über meinen Rollkoffer stolperten, und das alles gleichzeitig. Ich ging also zu dem hautfarbenen Wagen, vergewisserte mich ihrer Person und stieg ein. Im Auto fragte sie, ob ich eine angenehme Reise hatte. Tatsächlich gab es während des Fluges keine Turbulenzen. Weil mich diese nett gemeinte Plattitüde aber langweilte, dachte ich daran, wie viel Energie es mich kosten würde, ihr die ganze Zeit ein unaufdringliches, also gerade noch glaubwürdiges Maß an affektierter Höflichkeit vorzuspielen. Es verging eine Weile, bis ich sagte, dass ich den Flug über geschlafen hätte. Der Fahrer, dessen Augen unter silbrigen Brauen in den Rückspiegel seiner Fahrerkabine wanderten, sah wieder auf die Straße, ehe ich seinen Blick erwidern konnte. Dann wechselte er den Radiosender und schimpfte. Wohl deshalb, weil er die Stille noch unangenehmer als ich empfand. Sein Ärger kompensierte sicher die Verzweiflung über den stockenden Verkehr und richtete sich gegen Fußgänger, die sich auf den Straßen nur langsam vom Fleck bewegten. Am Mirkshire Boulevard stiegen wir aus. Laut dem Städteführer, den mir meine Mutter tags zuvor geschenkt hatte, handelte es sich hierbei um einen hot spot, d.h. viele Sehenswürdigkeiten und so weiter im Umkreis von vier Blocks. Jetzt wunderte es mich, dass Dorothee mich abholen ließ. Zu Fuß wären es vielleicht zwanzig Minuten gewesen. Während der Fahrt hatte ich sonst kaum aus dem Fenster gesehen. Neben Reihenhäusern und Ampeln, die gleich als erstes Befremdlichkeit und Aufregung inmitten einer neuen Umgebung auslösen, fiel mir v.a. die Sauberkeit auf. Die Bürgersteige wirkten poliert, als ich mir einbildete, das Licht der Straßenlaternen spiegele sich auf dem rauen Asphalt. Ich dachte, dass Dorothees Parfum, dessen Geruch mich an die klinische Reinheit eines Operationssaals erinnerte, diesem Eindruck beipflichtete und ihm dadurch eine außergewöhnliche Bestätigung verlieh. Als hätte ich eine besondere Verbindung zweier Eindrücke herbei geführt, wollte ich meine Beobachtung als Ausdruck einer übertalentierten Auffassungsgabe begreifen. Solange ich hier blieb, würde ich immer wieder daran denken müssen.

Ich sah Dorothee nach. Sie trug einen korallfarbenen Mantel, der ihr zwar gut stand, aber überhaupt nicht zur Strumpfhose passte, mit der sie wohl versuchte ihre dunklen Krampfadern zu verbergen. Erst als wir vor Dorothees Haus standen, wandte ich meinen Blick von ihren Beinen ab und blickte hinter die Verglasung der Tür, an der ein Kupferschild hing. Bernard Wallace war darin eingraviert. Sie sagte mir, ich solle mich in die Küche setzen, sie wolle für mich kochen. Das tat sie fortan jeden Tag: Schnitzel, Frikadellen oder Schweinsbraten und ich fragte mich ob es sich bei der Zubereitung typisch deutscher Gerichte um einen Ausdruck von Willkommenskultur handelte, der sich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschloss. Das fettige Essen triefte so sehr, dass es mich, selbst wenn ich glaubte, keine Ansprüche stellen zu dürfen, geradezu anekelte. Nach weniger als einer Woche mehrten sich talggefüllte Unreinheiten auf meiner Stirn. Sie erinnerten mich an ein Minenfeld.

Am Abend traf ich im New Lock Museum die anderen Stipendiaten meines bisher ersten und einzigen Verlegers. Mein Gesicht verdeckte ich während der Einführungsvorträge, die alle 30 Minuten durch Raucherpausen unterbrochen wurden. Je nachdem an welchem Ende einer Sitzbankreihe ich saß, legte ich es in die linke oder in die rechte Hand. Außerdem glaubte ich, dass es mir so gelingen würde, gewissermaßen Desinteresse zu demonstrieren. Ich hatte den Eindruck, es funktionierte. Nicht so bei Malu. Ich saß neben ihr und wusste nur deshalb, wie sie hieß, weil man uns darum bat, Namensschilder aufzutürmen. Unweigerlich stellte sich ein Gefühl ein, das mich daran erinnerte, wie ich bereits in der Uni immer versucht hatte, mich solchen Aufforderungen, v.a. jenen, die Kollektivität bewirkten, zu entziehen. Vor Malu lag Der Fremde. Die Originalausgabe. Das Cover kannte ich von meiner Amazon Wunschliste oder sonst woher. Als ich neben ihr Platz nahm, fiel mir auf, dass es eine französische Ausgabe war. Vielleicht hatte sie französische Wurzeln, sprach französisch oder verstand es zumindest. Vielleicht empfand sie aber auch, dass man einem Autor zugestehen müsse, sein Werk in dessen Muttersprache zu lesen, selbst wenn man es nicht verstand. Diese Vorstellung, ungeachtet der Tatsache wie hübsch sie war, hätte mich abgestoßen. Während den Pausen bemühten sich alle darum, irgendwie ins Gespräch zu kommen. Bevor wir uns jedoch unsere offensichtliche Überforderung eingestehen würden, ergaben wir uns intuitiv einer stickigen Plattheit, die sich im Wesentlichen auf organisatorische Belanglosigkeiten belief. Mich überraschte, dass es den meisten unfair vorkam, den Mindestvorgaben in Sachen Textproduktion, etc. nachzukommen. Wozu waren wir denn hier? Ich hatte noch überhaupt nicht darüber nachgedacht, hier zu leben, sondern bloß hier zu arbeiten, was zu schreiben und mich irgendwie in den Vordergrund meiner Gönner zu spielen.

[…]

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