Statuen Academy Awards

Die Oscars 2015 – Politisiertes Hollywood und ein bemitleidenswerter Gastgeber

Die 87. Academy Awards waren alles andere als herausragend, die Preisvergaben so vorhersehbar wie noch nie. Neil Patrick Harris, Star aus How I Met Your Mother startete zwar fulminant, blamierte sich anschließend jedoch zusehends. Am Ende stand er buchstäblich entblößt dar. Auch die ein oder andere Dankesrede, an diesem Abend zur Vertretung politischer Standpunkte genutzt, wirkte – und vielleicht ist das eben der Schleier, von dem sich das Dolby Theatre an diesem Abend nicht befreien konnte – zu aufgesetzt. Doch es gab auch Licht am Ende des Tunnels. Ein Rückblick. (BB)

 

Selbstverständlich sehen wir ein, dass Hollywood nun mal Hollywood ist und ein gewisser Grad an Inszenierung nicht bloß erwünscht ist, sondern auch die Dinge allegorisiert, die an diesem Abend ja die Hauptrolle spielen: schauspielerische Darstellungen, fiktive Welten, traumhafte Kostümierungen, möglicherweise sogar echte Gefühle. Oder aber eher nicht.

 

Von einem Fettnäpfchen ins nächste – Neil Patrick Harris entblößt sich

 

Besonders Neil Patrick Harris, auf den ich mich persönlich am meisten gefreut hatte – abgesehen davon, dass ich hoffte The Grand Budapest Hotel würde alles abräumen – , tat sich in seiner Rolle als Gastgeber schwer. In Anlehnung an die an diesem unter anderem zum besten Film gekürte Hollywood-Satire Birdman, die die Blasiert- und Affektiertheit jenes Showgeschäfts herausragend karikiert, trat Harris lediglich in einer weißen Baumwollunterhose auf die Bühne. Diese Parodie auf Michael Keaton, der im Film stark desorientiert durch New York geistert, war nicht bloß misslungen. Man sah Harris sogar noch auf der Bühne an, wie dumm er sich selbst dabei vorkam. Lediglich sein Opener zur Show war sagenhaft. So hatte er in einer broadway-reifen Darbietung die Geschichte der Oscars zum Teil chronologisch rekonstruiert, sich selbst in ausgewählte Szenen absoluter Meilensteine wie Star Wars eingebettet. Am Ende gesellte sich noch Anna Kendrick, die zarte und wirklich charismatische Musicalschauspielerin dazu und sang mit Harris im Duett. Für etwas mehr als fünf Minuten hatte er dem Dolby Theatre den Glanz verliehen, den man sich erhoffte. Danach war er eigentlich bloß noch bemüht von einem ins nächste Fettnäpfchen zu treten. Nachdem zum Beispiel Citizenfour, jener Geschichte, die den Leidensweg des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden dokumentiert, ein Oscar verliehen wurde, bemerkte Harris, dass Snowden selbst „because of some (t)reason“ nicht an der Veranstaltung teilnehmen könne. Snowdens Freundin, die den Preis auf der Bühne mit entgegennahm war nicht weniger genervt als der Rest im Saal. Doch auch anderorts verstummten Harris‘ Witze an diesem Abend.

 

Musikalisches Spektakel und Patricia Arquettes fragwürdiger Vortrag zur Emanzipation der Frau

 

Abgesehen von seinem fehlendem Fingerspitzengefühl sowie seiner krankhaften Marotte durch herbeigeführtes Schweigen und Starren möglicherweise ein paar Mitleidslacher zu ergattern, waren die musikalischen Darbietungen diesem Abend bestimmt nicht die schlechtesten in der Geschichte der Academy Awards. Insbesondere die Auftritte von Lady Gaga und Tim McGraw waren würdig und gaben der Veranstaltung etwas zurück, dass bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich auf der Strecke geblieben war. Übertroffen wurde jedoch alles von der Performance John Legends und des Rappers Common, die Glory, den Song aus der filmischen Biografie Selma, die den Kampf Martin Luther Kings für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten der 1960er Jahre erzählt, herausragend darboten, wenngleich dem Ganzen ein bisschen zu viel Drama, ein bisschen zu viel Pathos beiwohnte. Das Schlimmste war jedoch als weiße Wohlstandsprominente eingeblendet wurden, die sich so verheult gaben als hätten sie wirklich eine Vorstellung davon was es bedeutete als Afroamerikaner 1963 in Alabama zu leben. Rührseligkeit hin oder her, selbstverständlich war der Auftritt, der zudem vor einer Kulisse stattfand, die die Edmund Pittus Brücke darstellte, wahnsinnig gut. Nichtsdestotrotz hatte das einen faden Beigeschmack. Möglicherweise deshalb, weil Hollywood nun mal Hollywood ist und es schwer fällt das alles, gänzlich unzerkaut, zu schlucken. Auch an anderer Stelle wurde politische Korrektheit höchst pedantisch inszeniert. Nachdem Patricia Arquette den an diesem Abend einzigen Oscar für Boyhood als Beste Nebendarstellerin einheimste, schwang sie eine Rede zur Gleichberechtigung der Frau. Es ging dabei um Lohngleichheit und all das was man immer wieder hört, wenn emanzipatorische Kräfte freigesetzt werden, die unter den Umständen eines so affektierten Rahmens richtig gedeutet werden müssen. Dass es gravierende Benachteiligungen für Frauen gibt, die zweifelsohne für eine ignorante Gesellschaft sprechen, ist nennenswert und unglaublich wichtig. Ich sehe es aber nicht ein mir das von einer Oscargewinnerin erzählen zu lassen, während Frauen in diesem missratenem System mitunter 70 bis 80 Stunden in der Woche arbeiten müssen um sich davon vielleicht gerade mal die Gesichtslotion leisten zu können, die Frau Arquette an diesem Abend nicht davor bewahren konnte, wie eine gekochte Tomate auszusehen. Man könnte ja auch sagen, dass Patricia Arquette die Stimme stellvertretend für alle Frauen auf der Welt erhob. Nur musste sie dazu erst einmal einen Oscar gewinnen. Und wieder: Ich kaufe Hollywood das alles nicht ab. Und dennoch: Oscar verdient und so. Bleibt die Frage, warum dies der Einzige blieb, den Boyhood an diesem Abend erhielt. So galt das Familiendrama, das über 12 Jahre lang gedreht wurde im Vorfeld als haushoher Favorit für die Kategorie Bester Film. 

 

Licht am Ende des Tunnels – Everything is awesome und Craig Moore

 

Kommen wir zu den wirklich tollen Momenten der 87. Oscarverleihung. Richtig erfrischend war die Interpretation des Songs Everything is Awesome aus dem Lego Movie. Für diese Zeit war wirklich alles awesome. Mark Mothersbaugh, ehemals Frontmann der Band Devo, gleichzeitig aber auch verantwortlich für die Musik des Lego Movie, hatte mich kurzzeitig wieder aufhorchen lassen, als ich bereits mit meiner Müdigkeit zu kämpfen begann. Dann wurden auch noch Lego-Oscars verteilt. Der Abend wirkte zum ersten mal so richtig unbeschwert, das ein oder andere Lächeln das die Kameras nun einfingen sah gar nicht mehr so aufgesetzt aus. Ein bisschen waren alle aus dem Häuschen, wie in einer Ferienfreizeit. Das hatte was! Diesem Spektakel schloss wenig später das alljährliche In Memorium-Segment an, in dem jenen Koryphäen des Showbusiness gedacht wurde, die im Jahr zuvor verstorben waren. Zwar hatte man alle Anwesenden darum gebeten nicht zu applaudieren, doch – und meine Güte, das hat mich vielleicht überrascht – es wurde sich nicht daran gehalten. Wenngleich die Ovationen bei Robin Williams noch recht spärlich ausfielen, so löste sich jene Angespanntheit kollektiv auf als Mike Nichols, unter anderem Regisseur von Die Reifeprüfung oder Der Krieg des Charlie Wilson, als Letzter auf der Leinwand erschien. Nichtsdestotrotz – das Highlight, jedenfalls mein persönliches Highlight des Abends stand noch bevor. Als Graham Moore auf die Bühne kam um den Oscar für das Beste adaptierte Drehbuch entgegen zu nehmen, hatte ich zum ersten Mal den Eindruck jemand sei an diesem Abend aus tiefstem Herzen ehrlich. Moore, der zunächst einmal darauf verwies wie unfair es eigentlich sei, dass er nun auf dieser großen Bühne stünde, und das obwohl sein Idol Alan Turing, um dem es in jenem gekrönten Film The Imitation Game geht, nie eine derart vergleichbare Ehre zu Teil geworden wäre. Turing – das sei kurz erwähnt – hatte übrigens großen Anteil daran, den sogenannten Enigma Code zu entschlüsseln, der zur Codierung des Nachrichtenverkehrs der Nazis im Zweiten Weltkrieg verwendet wurde. Turing aber war gesellschaftlich geächtet, denn er war homosexuell. Hieran anknüpfend verwies Moore darauf, dass augenscheinliche Verdorbenheit oder das, was die Gesellschaft als solche erachte, jeden von uns nicht davon abhalten sollte, an sich selbst zu glauben: „Stay weird, stay different, and then when it’s your turn and you are standing on this stage, please pass the same message along.“, verkündete Moore, nachdem er kurz zuvor gestanden hatte, dass er sich mit 16 Jahren das Leben nehmen wollte. Es waren seine Worte die nachhallten, als ich kurze Zeit später endlich ins Bett fallen konnte.

 

Bleibt noch zu sagen, dass dieser Abend in erster Linie Alejandro González Iñárritu, dem Regisseur von Birdman gehörte. Birdman räumte die Big Four (Bester Film, Beste Regie, Beste Kamera sowie Bestes Originaldrehbuch) ab. Mit der Ausbeute Wes Andersons picturesquen The Grand Budapest Hotel war ich einverstanden, wenngleich deren Auszeichungen, ebenfalls 4 Oscars, eher zu den weniger bedeutenden Kategorien Bestes Szenenbild, Beste Kostümdesign, Beste Make-Up und Hairstyling sowie Beste Filmmusik zählen, die allerdings darauf verweisen, dass Wes Anderson – um noch einmal schnell Partei zu ergreifen – auch vielmehr Träume erschafft als dass er Filme dreht.

 

Die Gewinner im Überblick

 

Bester FilmBirdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Beste Regie – Alejandro González Iñárritu für Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Bester Hauptdarsteller – Eddy Redmayne in Die Entdeckung der Unendlichkeit

Beste Hauptdarstellerin – Juliane Moore in Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Bester Nebendarsteller – J.K. Simmons in Whiplash

Beste Nebendarstellerin – Patricia Arquette in Boyhood

Beste Originaldrehbuch – u.a. Alejandro González Iñárritu für Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Bestes adaptiertes Drehbuch – Graham Moore für The Imitation Game 

Bester Animationsfilm – u.a. Don Hall für Baymax

Bester fremdsprachiger Film Ida (Polen) von Pawel Pawlikowski

Bester animierter Kurzfilm – u.a. Kristina Reed für Feast

Bester Kurzfilm – u.a. James Lucas für The Phone Call

Bestes Szenenbild – u.a. Anna Pinnock für The Grand Budapest Hotel

Beste Kamera – Emmanuel Lubezki für Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Bestes Kostümdesign – Milena Canonero für The Grand Budapest Hotel

Bester Dokumentarfilm – u.a. Laura Poitras für Citizenfour

Bester dokumentarischer Kurzfilm – u.a. Dana Perry für Crisis Hotline: Veterans Press 1

Bester Schnitt – Tom Cross für Whiplash

Bestes Make-Up und Hairstyling – u.a. Frances Hannon für The Grand Budapest Hotel

Beste Filmmusik – Alexandre Desplat für The Grand Budapest Hotel

Bester Filmsong – John Legend und Common für Glory aus Selma

Bester Ton – u.a. Craig Mann für Whiplash

Bester Tonschnitt – u.a. Bub Asman für American Sniper

Beste visuelle Effekte – u.a. Paul Franklin für Interstellar

 

Bild: Lizenz: CC BY 2.0 – Quelle: flickr.com – Autor: cliff1066(TM) – Titel: Best Actress Academy Awards

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