Dialoger – Die Rattenfänger der Gemeinnützigkeit Spendensammler von Non-Profit-Organisationen, ihr habt ein Aggressionsproblem. Und ich jetzt auch.

Der Weg durch die Siegener Innenstadt wird von Frühling bis Herbst zum Spießrutenlauf: An jeder Ecke springen einem Dialoger, Mitarbeiter von Non-Profit-Organisationen, in den Weg und wollen einen mit grenzdebilen Sprüchen zum Abschluss eines Spendenvertrags bewegen. Unsere Autorin hat genug davon. Eine Abrechnung (mit der Möglichkeit zur Versöhnung).

„Hey! Hey du mit dem Jutebeutel!“

Kacke, denke ich, hoffentlich läuft hier noch son‘ Träumer wie ich rum, der Jutebeutel als Instrument der individuellen Angepasstheit trägt. Fehlanzeige. Nur ich, mein alberner Beutel und dieser super-lässige Zopf-Träger. Also schaue ich auf mein Handy und tue super busy.

„Hey, warte doch mal eben. Ich will dich was fragen.“ Er ist nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt. Ich kann ihn förmlich schon riechen, diese Mischung aus cooler Verwegenheit und der Angst, zum 13. Mal an diesem Tag ignoriert zu werden. Ich habe ein bisschen Mitleid und bleibe stehen, aber er ist mir eh schon in meine Laufbahn gesprungen. „Ich hab eigentlich gar nicht so viel Zeit gerade“, sage ich zaghaft.

„Du hast doch aber bestimmt kurz Zeit, was Gutes zu tun.“ Och bitte, der Standard. Dir fällt doch sicher was besseres ein. „Bist du Studentin?“

„Jaaaaa.“ Ich strecke mein Ja gekünstelt in die Länge, in der Hoffnung, dass mir in der Zeit eine Ausrede einfällt, warum ich eben keine Zeit für ein bisschen Welt-Rettung habe. Ich bin wohl aber ebenso unkreativ wie mein Gegenüber.

„Ja geil, Studenten sind die nettesten Leute!“ Okay, das ist mir jetzt echt zu flach, zumal kurz zuvor in der überfüllten UX1 zwischen Achselschweiß und Rucksäcken, mit denen man nach Timbuktu auswandern könnte, keiner von uns Studenten mehr so richtig nett war.

„Sorry, ich muss echt weiter, ich muss schnell zum Bus“, sage ich, während ich um ihn herumhüpfe und hoffe, dass er nicht von der Unlogik, in dieser Richtung eine Bushaltestelle aufzusuchen, Kenntnis nimmt.

„Als ob“, höre ich ihn mir pampig hinterherschnoddern. Ja, du Leuchte, das war gelogen und ich bin auch nicht stolz drauf. Aber immer ehrlich zu sein zählt auch nicht zwingend zu den beruflichen Schlüsselkompetenzen eines Dialogers, also eines Menschen, dessen Job es ist, für gemeinnützige Organisationen in der Öffentlichkeit Spendenverträge mit Privatpersonen abzuschließen.

Wer ist hier das Lügenschwein, hä?

Als ich mich mal an einem Stand einer bekannten Organisation erkundigt habe, ob ich mich auch einfach informieren kann, ohne anschließend einen Vertrag vor den Latz geknallt zu kriegen, antwortete mir die nette junge Frau mit einem ‚Ja klar‘. Knappe 5 Minuten später wollte sie schon zum Papierkram übergehen. Mal abgesehen davon, dass bei kritischen Nachfragen, wie sie meine Freundin gelegentlich gerne stellt, bezüglich mieser Geschäfte mancher Organisationen entweder mit Unwissenheit seitens des Dialogers oder mit schlichter Relativierung zu rechnen ist. Ich bin nicht das einzige Lügenschweinchen hier.

Gerne wird bei der Spendenakquise auch behauptet, der Dialoger selbst sei ja auch Student, hätte nicht viel und würde sich trotzdem mit einer ganzen Menge an der Unterstützung der Organisation beteiligen, „weil die ja sooooo tolle Sachen machen, das muss man einfach unterstützen“. Das hatte ich sogar geglaubt, bis ich erfuhr, dass die Dialoger der großen Non-Profit-Organisationen ja gar nicht nur für die Organisationen ihres Herzens arbeiten. Stattdessen arbeiten sie über Agenturen, die sie je nach Bedarf für die unterschiedlichen Auftraggeber einsetzen und ich würde stark bezweifeln, dass jeder dieser Mitarbeiter all seine Kohle in jeden einzelnen Arbeitgeber steckt, bei denen er sich in den Semesterferien ja eigentlich was dazuverdienen möchte. Eben genannte Unwissenheit ließe sich durch die Arbeit für unterschiedliche Organisationen übrigens auch erklären.

Vielleicht rettet eurer Scheiß tatsächlich das letzte Breitmaulnashorn, wer weiß das schon.

Also, liebe Dialoger, eigentlich habe ich ja gar nichts gegen euch und euren Job. Meine Nebenjobs und die meiner Freunde sind ja auch nicht besser, wir drehen den Leuten ja meist auch nur Scheiß an, den sie nicht brauchen, und euer Scheiß rettet vielleicht tatsächlich das letzte Breitmaulnashorn, wer weiß das schon. Und die von euch, die gutmütig an ihrem Stand stehen, ein paar Flyer fliegen lassen und versuchen, Leute höflich anzusprechen, stören mich ja auch kein bisschen. Vielleicht kommt man auch tatsächlich nur über die direkte Ansprache an wichtige Spendeneinnahmen.

Was ich mir aber wirklich wünschen würde von den Hardcorelern unter euch, den aggressiven In-den-Weg-Stellern und Schlechte-Gewissen-Einredern: Ein wenig Verständnis dafür, dass man als Bewohner der Innenstädte, der täglich mehrmals durch die Fußgängerzone laufen muss, an besonders nervigen Tagen gut und gerne siebenmal angequatscht wird. Da hat man nicht immer Bock sich zu rechtfertigen. Schon gar nicht, wenn eure flotten Anquatsch-Sprüche aus einer lustigen Flotter-Anquatsch-Spruch-für-Fundraiser-Lostrommel zu kommen scheinen. Nein, meine Freundin sieht standardmäßig nicht „total nett“ aus, man sagt ihr sogar nach, sie habe ein Resting-Bitch-Face. Und nein, mein Freund hat keinen „nicen Style, Mann“, die Löcher in seinen Schuhen rühren daher, dass er gerade keine Kohle für neue hat. Und nochmals nein, meine Freundin raucht nicht, weil sie cool ist, sondern weil sie süchtig ist (Originalzitat: „Raucher sind immer die Coolsten!“).

Wir kriegen das mit uns schon wieder hin.

Vielleicht können wir uns in Zukunft versöhnen. Ich versuche, euch nicht zu ignorieren und zumindest Hallo zu sagen, denn als Luft behandelt zu werden ist schließlich auch nicht respektvoll meinerseits. Und ihr denkt euch kreativere Sprüche aus, lasst mich einfach passieren und wenn ich gerade keine Zeit oder Lust habe, verpasst mir bitte nicht diesen Blick voller Abscheu, den ich nur Menschen verpasse, die sich in der Pommesbuden-Schlange vordrängeln. Ich weiß, ganz schön viel verlangt, aber das bekommen wir hin. Gemeinsam für die Nashörner!

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