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Die sechs besten Alben des Jahres 2015. Bis jetzt.

2015 hat bisher gut geliefert. Auch wir warten jedes Jahr sehnsüchtigst auf die neuesten LPs unserer liebsten Klang- und Gefühlsakrobaten. Psychotonika für Körper und Geist. Keiner sollte auf gute Musik verzichten müssen. Niemals. Das mediaZINE bemüht sich deshalb um eine kleine Auswahl, die ihr euch gerne antun dürft, wenn ihr mal wieder keinen Bock auf den gewohnten Durchlauf eurer spotify-Listen habt. Wir stellen sechs Alben vor, die’s in unsere Topliste geschafft und ganz nebenbei Schwergewichte wie Sufjan Stevens, Giorgio Moroder oder die Mumford & Sons auf die Bretter geschickt haben. Enorm guter Sound garantiert. Wir behalten uns daher das Recht vor als Quelle genannt zu werden, solltet ihr eure Liebchen, Eltern oder wegen uns auch eure Haustieren künftig mit den Worten „Alter, kennt ihr den Shit schon?“ empfangen. Ohren auf!

 

1. Brandon Flowers – The Desired Effect

Mit Flamingo bemühte sich Brandon Flowers 2010 noch um eine von Pop-Folk und Country beeinflusste Hommage seiner Heimat: Las Vegas, Nevada. Auf The Desired Effect bietet der Frontmann der Killers nun ein Pastiche der 80er Jahre an. Man vermisst Basslinien, Gitarrenriffs gibt’s gleichermaßen selten. Stattdessen spazieren die Songs entlang eines systematisch und höchst gekonnten Pfades rhythmischer Handclaps und Piano-Melodien. Unter der Anleitung des begnadeten Produzenten Ariel Rechtsheid, der 2013 bereits Haim dazu verhalf, mit Days Are Gone das vielleicht krasseste Album des Jahres zu produzieren, konnte Flowers ein glitzerndes Allerlei aus Synthesizer-Pop und Disco-Sounds zusammenleimen. Clubhits der 80er Jahre wie Smalltown Boy werden für I Can Change noch mal aufbereitet. Tatsächlich wirkt’s an dieser Stelle weniger verzweifelt als schlicht on point. Catchy Hooks und das flashige Vivre der New Wave Ära lassen zwar das lyrische Genie vermissen, jenes man noch zu Killers-Zeiten so sehr an Flowers schätzte. Nichtsdestotrotz ist The Desired Effect eine abwechslungsreiche Reise durch verschiedene Genres der Musikgeschichte. Neben den bereits genannten Einflüssen bekommt man beispielsweise in Diggin‘ Up The Heart eine gehörige Portion Rockabilly auf die Ohren, während sich der Sänger in The Way It’s Always Been an seinen heimataffinen Songwriterwurzeln orientiert. Brandon Flowers ist fortan ein Popstar. Sein Talent als Ausnahmekünstler hat er dahingehend eingetauscht. Es spricht jedoch für ihn, dass ihm diese Wandlung zum vielleicht besten Popalbum des Jahres verholfen hat.

 

Key Tracks: I Can Change, Still Want You, Diggin‘ Up The Heart

Für Fans von: Pet Shop Boys, Duran Duran, Culture Club

 

 

2. Courtney Barnett – Sometimes I Sit And Think And Sometimes I Just Sit

Courtney Barnetts Debütalbum ist eine überragende Fusion aus Narratologie, Wortspielen sowie den Grundessenzen des 90er Jahre Grunge, Garage und an manchen Stelle sogar Tweet. Alltag, Routine, Langeweile, Oberfläche und Banalität werden durch metaphorische Brisen ausgeklügeltster Images begleitet. Ihre Geschichten erinnern einerseits an das Herz eines Kindes: verspielt, verschmitzt und jederzeit carefree. Andererseits auch an den Willen eines Wolfes: stark, ausdauernd, mutig, ehrlich, aber auch ein bisschen einsam. Sie bildet gewissermaßen die Mitte einer sinnbildlichen Phalanx, die fernab kommerzialisierter Erfolgsambitionen Probleme besingt, denen sich jeder, der ehrlich genug ist sich seinen Scheiß einzugestehen, zugetan fühlen dürfte. Es geht um die normalsten Dinge. Viel Futter für die fatalismusaffinen Twentysomethings, die uns allgegenwärtig ihre Lebensphilosophie durch den Aufdruck ihrer Jutebeutel zu vermitteln versuchen. Leider ist hier detailgetreues Geschick, Aufmerksamkeit und der feine Geist der Sensibilität gefragt. Während sich nahezu jeder am Nabel seiner Umwelt speist und im Grunde bloß Produkt derselben ist, wagt Sometimes I Sit And Think And Sometimes I Just Sit den oppositionellen Sprung ans andere Ufer. Jenes der Einfachheit und Ehrlichkeit. Wir wissen alle, dass dort noch immer die „Wenn du keinen Bock drauf hast, dann fick dich doch selbst“-Regeln gelten. Courtney sei’s gedankt.

 

Key Tracks: Elevator Operator, Pedestrian At Best, Depreston

Für Fans von: Bob Dylan, Colleen Green, Patti Smith, Sleater Kinney

 

 

3. Will Butler – Policy

Policy ist ein Wirbelsturm, der ´ne halbe Stunde durch dein Zimmer fegt. Will Butler, kleinerer Bruder Win Butlers, dem Mastermind von Arcade Fire, wird sich dennoch an den Erfolgen dieser Band messen müssen. Auch deshalb orientiert sich Will vielleicht nicht ganz loyal an dem, was wir von Arcade Fire durchaus schon gekannt haben. Mit Take My Side beginnt das Album im Tempo einer hitzigen Verfolgungsjagd und erinnert zwangsläufig an die vom Punk bestimmten Tracks seiner Band, denen man auf Funeral oder The Suburbs begegnet. Policy wirkt etwa wie eine Hommage, die die Musikhistorie von Arcade Fire zu kuratieren versucht. Butler aber, nicht bloß multitalentierter Instrumentalist, sondern außerdem bereits für ´nen Oscar nominiert (er steuerte die Filmmusik zu Spike Jonzes Her bei) tut gut daran sich in Policy an den Ursprüngen seiner musikalischen Genesis zu orientieren. In Anna platzieren sich neben grotesk-unkontrollierten Piano-Einlagen, die so klingen als seien Katzen am Werk, ebenfalls ziemlich simple Einsprengsel elektronischer Button-Klänge, die jedoch überzeugen können. Mit Finish What I Started oder Sing To Me kredenzt Butler zwei Balladen. Emanzipation abgeschlossen? Vielleicht. Man muss Policy einfach mit diesem gewissen Maß an Naivität begreifen wollen. Nicht zuletzt die Lyrics selbst legen dies nahe: “I will buy you a pony / We can cook it for supper / I know a great recipe for pony macaroni.“ So albern das auch klingen mag, Policy will genau das. Das Album gibt einem letztlich nicht mehr als man möchte. Oder braucht. Zu den zehn besten Scheiben des Jahres gehört es bisher aber dennoch.

 

Key Tracks: Take My Side, Anna, Witness

Für Fans von: Arcade Fire, The National, Foals, Talking Heads

 

 

4. Belle & Sebastian – Girls in Peacetime Want To Dance

Fünf Jahre nach Write About Love veröffentlichen die Sonnenstrahlreiter von Belle & Sebastian ihr neuntes Studioalbum. Girls In Peacetime Want To Dance hebt sich dabei mordsmäßig von seinen Vorgängern ab. Das Septett um Stuart Murdoch zeigt sich diesmal sehr politisch. Die Songs von Belle & Sebastian schaffen es trotzdem, noch die profane Kindlichkeit ihrer blauäugigen Protagonisten zauberhaft ins Narrativ zu überführen. Im Grunde handelt sich immer noch um super Gutenachtgeschichten für den überforderten Ypsiloner. Da sich die Band allerdings selbst bereits in den Vierzigern befindet, sei ihnen gestattet auch mal über Maschinengewehre sprechen zu dürfen. Lyrisch kann Girls In Peacetime Want To Dance sowieso überzeugen. Den absoluten Stunner gibt’s gleich zum Auftakt. In Nobody’s Empire thematisiert Murdoch seine Erkrankung am Chronischen Erschöpfungssyndrom. Seiner Aussage nach handelt es sich hierbei um den womöglich persönlichsten Song, den er je geschrieben hat. Wer Belle & Sebastian kennt, weiß, dass eine solche Aussage nicht gerade ignoriert werden kann. Mit The Party Line wagen sich die Glasgower auf das Terrain des Europop, bieten darüber hinaus aber wie gewohnt einen gekonnten Cocktail aus Melancholie und Optimismus. So kitschig das nun klingt: Girls In Peacetime Want To Dance ist wie der Duft eines frisch gemähten Rasen. Wie will man’s nennen? Neuausrichtung, Emanzipation oder ästhetischer Bruch? Das Album liefert ein tolles Set an bunten, hungrigen und beruhigenden Songs. Aqua Mala und Xanax für die Ohren zugleich.

 

Key Tracks: Nobody’s Empire, The Party Line, The Cat With The Cream, The Everlasting Muse

Für Fans von: Cut Copy, New Order, The Gentle Waves

 

 

5. Colleen Green – I Want To Grow Up

Colleen Green will erwachsen werden. Der Titel erklärt sich von allein. Ein Geständnis, dass sich im Laufe von I Want To Grow Up jedoch ein paar nervenaufreibenden Proben stellen muss. Einerseits genervt von Infantilität, andererseits dem Rausch frönend um sich Ängsten des postadoleszenten Lebensabschnitts zu verweigern, besingt die kalifornische Songwriterin existenzielle Probleme einer Generation, die alles haben, aber nichts dafür tun will. Kommt dir bekannt vor? Dann solltest du, wenn du auf Grunge, Punk oder Garage stehst, unbedingt mal reinhören. Green verlässt sich zwar auf die Simplizität konventioneller Bass- und Gitarrenriffs, erinnert dabei mit ihren zarten Vocals zum Teil, die junge Deborah Harry. Einen Cut gibt es in der Mitte des Albums. In Deeper Than Love begleiten wir Green auf eine Reise mit Synthesizern, untermalt von einem hypnotischen Bass. Ein Bewusstseinsstrom, der das Gefühl von Liebe in seiner modernen Vorstellung an den Pranger stellt:

 

“Some day I hope for a lover to kill me
It’s the closest I can hope to get to anybody
It’s the closest I can come to being really free
And it’s a ring of questions on my mind lately“

 

Musikalisch als auch lyrisch reift Green nicht wirklich zu dem heran, was sie im Titel noch angekündigt hat. Muss sie auch nicht. Es scheint als wüsste sie ganz genau, was sie gut kann. Und das macht sie dann auch. Hohe Qualität auf niedrigem Level macht das dritte Album der Rockgöre aus Los Angeles definitiv zu einem Bestandteil dieser Liste.

 

Key Tracks: I Want To Grow Up, Pay Attention, Deeper Than Love, Grind My Teeth

Für Fans von: X, Blondie, Courtney Barnett

 

 

6. Jamie xx – In Color

Zum Abschluss dieser Liste stellen wir die Frage: Was geht eigentlich mit The xx? Einiges. Ja, wirklich. Jamie xx, kreatives Genie im Hintergrund der Band und mittlerweile solo unterwegs, hat in den letzten sechs Jahren an einem elektronischen Meisterwerk getüftelt, dessen Veröffentlichung du wahrscheinlich erstmal verpennt hast. Ging uns jedenfalls so. Autsch. In Color heißt dein Sommeralbum und besticht nicht bloß durch Features seiner ehemaligen – und hoffentlich auch baldigen – Bandmitglieder, sondern überzeugt darüber hinaus durch idyllische Mystik, karibisch-warme Leichtigkeit und ausgesprochen progressive Wachmacher. Allesamt lupenrein. Bis ins letzte Detail ausproduziert. Neben den friedvollen Einflüssen aus Bandzeiten gibst außerdem einen herausragenden Hip Hop-Exkurs mit Young Thug. Man hört außerdem die Anfänge der britischen Technoszene à la Underworld raus. Jamie xx fokussiert sich auf klaren Sound. Sein Fundament bleibt trocken. Es ist geschützt vor inflationär aufweichenden und dazu immer noch saubilligen Saxophon-Samples. In Color ist lauwarm. Wohlig aufreizend. Ein Sommerregen, für den es sich lohnt seinen Regenmantel im Schrank zu lassen. Ernsthaft: hier werden eher Stimmungen als Klänge erzeugt. 2015 wird zeigen ob diese Scheibe zu toppen ist. Tendenz: vor allem nach dem zehnten Durchlauf schwer vorstellbar.

 

Key Tracks: Gosh, Stranger In A Room, Loud Places, I Know There’s Gonna Be (Good Times)

Für Fans von: The xx, Four Tet, Caribou, Underworld

 

 

BILD: Lizenz: CC0 Public DomainQuelle: pixybay, Autor: unsplash

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