Spinnennetz

Die Spinnen und die Fliegen

 

 

Klick, klick, klick. Das Gesicht von Martin, 23, erscheint fahl im Angesicht seines Laptops. Dabei ist der Sozialwissenschaftsstudent braun gebrannt vom vergangenen Wochenende. „Saugeil“ sei das Musik-Festival gewesen sagt er, lächelt kurz auf und widmet sich dann wieder seinem Computer. Fünf Tage hatte er kein Internet, auf dem Zeltplatz/Acker des Festivals gab’s halt einfach kein Netz. Jetzt gilt es, die hochgeladenen Fotos durchzusehen. Auf der Seite des Festivals bei Facebook. Klick, klick, klick. Ist sie so drauf, diese Generation der 18- bis 25-Jährigen von heute? Braungebrannt und trotzdem blass? Oder schlicht und einfach immer vernetzt?

 

Die Fliegen dieser Netzwelt

 

Eine Straßenbahn im Ruhrgebiet, an einem Werktagsmorgen, irgendwann kurz nach acht. Von den 30 PassagierInnen schauen 28 auf ihr Handy, ihr Smartphone, ihr Tablet. Die übrigen zwei schauen abwesend aus dem Fenster, in ihren Ohren stecken Kopfhörer. Es ist fast still, nur das Ruckeln und Surren der Straßenbahn ist zu hören. Die meisten müden Augen schauen so, als ob sie gar keine Lust auf Kommunikation hätten. Früher oder später verfolgen sie aber doch das Tippen der Finger auf dem Bildschirm. Noch schnell einen Smiley hinter der Nachricht herschicken. Kommunikation um der Kommunikation willen. Die neue Generation von Erwachsenen, die jetzt heranwächst kann sich kaum noch an eine Zeit erinnern, in der die Menschen nicht immer mit einer Hand – und mit einer Gehirnhälfte – am Smartphone waren.

 

 

Doch was bedeutet das, jederzeit auf alles und jede(n) zugreifen zu können? Die Selbstdarstellung der Jungen ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Ein warmer Sommerabend im Garten einer Studierenden-WG irgendwo in NRW. Teelichter und Lichterketten erhellen die bunt zusammengewürfelten Picknickdecken und Sofas. Die Reste der Geburtstagsparty der Gastgeberin Greta sollen heute weggetrunken werden. Nachdem die – natürlich – veganen Essensreste und der Tofu auf den Grill geschmissen wurden und es immer dunkler wurde, wird die Digitalkamera herausgeholt. Die Kamera, ein Geschenk zum gestrigen Geburtstag von Greta, ist ein Spielzeug für Erwachsene. Es werden Rädchen gedreht und Knöpfe gedrückt, Bilder entstehen wie am Fließband. Die Stimmung bei Greta und ihren FreundInnen ist fröhlich und ausgelassen. Niemand schaut gelangweilt auf sein Smartphone, ob irgendjemand etwas Neues bei WhatsApp geschrieben hat. Jeder Schnappschuss ist ein Lacher. Und dann kommt dieser Satz in das Halbdunkel der Teelichter: „Haha, Michelle, das wäre doch ein geiles neues Profilbild bei Facebook.“ Das Netz ist wieder da, umspannt auch alle, die offline sind. Sie sind wie Fliegen, die sich darin verfangen. Sie fliegen mitten hinein, weil sie es nicht wahrnehmen oder weil sie keine Richtung ohne dieses Netz sehen.

 

 

Die Spinnen dieser Netzwelt

 

Doch nicht jede und jeder, der sich bei der mittlerweile monströsen Datenkrake angemeldet hat, nutzt diese hauptsächlich zur Selfie-Verbreitung. Timo und Helen beispielsweise. Timo sitzt in Jogginghose und Muskel-T-Shirt auf dem Sofa in der geräumigen Wohnung seiner Eltern bei Köln und skypt mit Helen, die es sich auf dem Bett ihres Wohnheimzimmers in Frankfurt an der Oder bequem gemacht hat. Die beiden sind Anfang 20, gut ausgebildet – und fantastisch vernetzt. Während Timo vor 3 Jahren mit der Austauschorganisation AFS ein Jahr als Freiwilliger in Paraguay gearbeitet hat, war Helen mit der gleichen Organisation ein Jahr freiwillige Lehrassistentin in Kolumbien. Da sie die Arbeit in der Schule nicht auslastete, half Helen an Wochenenden zusätzlich der NGO Techo (dt. Dach) beim Bau von einfachen Häusern für wohnungslose Familien. Zurück in Deutschland traf sie Timo auf einer Vereinsversammlung von AFS. In Paraguay hatte auch er Techo kennen gelernt und war von der Idee begeistert, mit einfachen Mitteln die Situation von armen Familien in Lateinamerika zu verbessern. Helens Augen leuchten auf als sie später erzählt: „Mit ein paar anderen AFSerInnen haben wir dann Anfang des Jahres Techo Deutschland gegründet und sammeln Spenden um die Wohnungsbauprojekte in Südamerika zu unterstützten.“

 

Die junge Frau sieht nicht aus wie die Weltverbesserin aus dem Bilderbuch: Weder hat sie ihre langen lockigen Haare zu Dreads gefilzt, noch trägt sie Batikhosen und Nasenpiercings. An der international ausgerichteten Europa Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder ist sie während der Vorlesungszeit meist in einem schlichten Pulli zur Bluse und Jeans anzutreffen. Dort studiert sie vergleichende Kulturwissenschaften – und bespricht sich an jedem Sonntag per Skypekonferenz mit Timo und den anderen Vereinsmitgliedern von Techo Deutschland. Sie sind die Spinnen, die das Netz erkannt haben und für sich weiterweben. Weltweit sind inzwischen 1,3 Milliarden Menschen bei Facebook angemeldet und seitdem der Konzern Anfang des Jahres den Messengerdienst WhatsApp aufkaufte, können der Chef Mark Zuckerberg und seine MitarbeiterInnen auf noch mehr Daten zugreifen. Damit weitet sich nicht nur Helens und Timos Netz ständig aus, wenn sie die selbstorganisierten Spendenveranstaltungen mit lateinamerikanischen FreundInnen und ehemaligen deutschen Freiwilligen im Netz bewerben.

 

Sie sind die neuen Internationalen, für die die Globalisierung in erster Linie eine riesige Chance ist. Global denken ist für sie und ihre gleichaltrigen MitstreiterInnen selbstverständlich – genauso selbstverständlich wie das Vernetztsein. Über Facebook und andere soziale Netzwerke macht Helen auf Spendenmarathons aufmerksam, an denen Timo und ein paar andere unverbesserliche Weltverbesserer für Techo Deutschland teilnehmen. Timo lädt das Logo und das Selbstverständnis ihres Vereins hoch und wirbt per Facebookeinladung für ein Benefizkonzert in Hamburg Anfang August, das Spenden für Techo sammelt. Den Organisator Jari hat Helen auf einem Vorbereitungsseminar für das Auslandsjahr in Kolumbien kennen gelernt.

 

Diese Seminare sind Pflichtprogramm für alle, die an dem Internationalen Freiwilligendienst von Weltwärts teilnehmen. Im Gegensatz zu Angeboten wie IJFD (Internationaler Jugendfreiwilligendienst) und CSP (Community Service Programm) wird Weltwärts vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert. 75% der Kosten trägt das Ministerium im Zuge der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Seit dem Programmstart von Weltwärts 2008 sind mehr als 20 000 Deutsche zwischen 18 und 28 Jahren mithilfe der Fördergelder ins Ausland gereist – und haben ein Jahr als Freiwillige in sozialen Projekten gearbeitet. Die Nachfrage ist groß – auf einen Weltwärtsplatz kommen 4 Bewerbungen, erklärt die Sprecherin von Weltwärts, Ute Lange.

 

Spinnen und ihre Karriere

 

Die neuen WeltbürgerInnen also – vernetzt und idealistisch. Oder doch nur auf der Jagd nach dem perfekten Lebenslauf, einer Möglichkeit, sich selbst möglichst gut darzustellen? Nicht alle WeltwärtslerInnen wollen die Welt verbessern. Luisa, 19, sitzt im Seminarraum einer Jugendherberge in Ostdeutschland und fächert sich die schwüle Sommerluft dieses Julinachmittags zu. Zwischen zwei Unterrichtseinheiten zur Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit und Grundlagen interkulturellen Lernens haben sie und ihre 30 Mitfreiwilligen eine kurze Pause.

 

 

Anfang August wird sie als Teilnehmerin des neuen Weltwärts-Jahrgangs für ein Jahr nach Indien fliegen. Sie zupft ihren dunkelbraunen Bob mit den blonden Strähnchen und ihre blass-rosafarbenen Shorts zurecht. Reckt ihr markantes Kinn nach vorn und erzählt von ihren Abiturprüfungen im Frühjahr. „Monate vor den eigentlichen Klausuren habe ich aufgehört, am Wochenende tanzen zu gehen. Ich habe nur noch gebüffelt.“ Und es hat sich gelohnt. Der Abischnitt von 1,2 soll kombiniert mit einem Auslandsjahr ihre Chancen auf einen Platz in ihrem Traumstudium „Deutsches und Englisches Recht“ verbessern. Das Auswärtige Amt ist Luisas großes Ziel. Ihre Augen glänzen bei diesem Gedanken – genau wie der Schweiß auf der Stirn. „Eine gute Vorbereitung für Indien“, sagt sie lächelnd und wischt ihn weg. Der Lebenslauf ohne Makel, in der jeder Schritt zum nächsten passt und der auf das eine große Ziel; den (vermeintlich) perfekten Arbeitsplatz hinarbeitet. Sind die jungen Erwachsenen von heute karrieregeiler und lebenslaufgesteuerter als die Generationen vor ihnen?

 

„Nicht unbedingt“, sagt Johanna Steinlechner, 65. Die Englischlehrerin ist seit einem Jahr in Rente und genießt den heißen Julitag in ihrem kleinen Garten außerhalb von Hannover. Auf der braungebrannten Haut erscheinen Denkfalten als sie hinzufügt: „aber die jungen Erwachsenen sind weniger selbstständig, weniger kreativ.“ Fast 40 Jahre hat sie in ihrem Unterricht die Heranwachsenden begleitet und beobachtet. Auch wenn der ein oder andere Timo, die ein oder andere Helen in ihrem Klassenzimmer saß, zieht sie eine ernüchternde Bilanz. Die Arbeitnehmenden von morgen seien oberflächlicher, ihre Bildung weniger breitgefächert als die ihrer Vorgänger-Generationen. Vor ein, zwei Jahrzehnten konnte man noch anspruchsvollere Werke, Shakespeare und Sartre, im Unterricht lesen – und darüber diskutieren. Das gebe der Lehrplan von heute nicht mehr her, seufzt sie. Theoretisch stünden ihnen die Türen in alle Richtungen offen, doch die jungen Menschen sähen das nicht mehr. Ähnliches stellt Johannas Mann, Professor für Biologie an der Uni Hildesheim, fest. „Da kommen manchmal Studierende an, die bei mir promovieren wollen. Doch sie schlagen mir kein Thema vor, das sie interessiert, fasziniert, fesselt. Stattdessen fragen sie mich: ‚Worüber soll ich meine Doktorarbeit schreiben?’“ Da gerät er ins Schimpfen: „Das müssen Sie MIR sagen, nicht andersherum!“.

 

Die Wurzel des Problems

 

 

Eine Jugend, die lieber denken lässt anstatt selbst zu denken. Ein erstes Ergebnis der Allherrschaft der Rechenmaschinen? Von wegen! – entgegnet Imre Grimm, Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung in einem Leitartikel vom Dezember vergangen Jahres. Dort klagt er über das Scheuklappendenken und die Gehetztheit der Anfang 20-Jährigen. Ein Jahr Gammeln zur Selbstfindung? Die Freiheit, Fehler zu machen? Um Himmels Willen! Bloß den Bachelor in Regelstudienzeit schaffen und sich dann dem Arbeitsmarkt anbieten. Und auch die sozialen Netzwerke greift er an: „Facebook bestärkt uns darin, unsere Biografien aufzurüsten, unsere Schwächen zu tarnen, uns gut zu verkaufen“.

 

Damit dringt der Journalist an die Wurzel des Problems dieser Immer-verfügbar-sein-Immer-gut-da-stehen-besser-gestern-schon-an-Morgen-gedacht-haben-Generation: Dieses Netz, in dem sich die arglosen Erwachsenen von morgen verfangen haben, ist das Produkt all ihrer Vorgänger-Generationen. Die Probleme haben die jetzt Jungen von den inzwischen Alten geerbt. Der demografische Wandel, ein fanatisch auf Konkurrenz-fixierter Kapitalismus und eine Erde, die schon jetzt manchmal andeutet, dass sie diese ständige Ressourcenausbeutung nicht ewig mitmachen wird – die Herausforderungen der Globalisierung betreffen die Menschen von heute und gehen von den Menschen von gestern aus. Die Kämpfe werden diese Erwachsenen von morgen ausfechten müssen.

 

Ob sie das mithilfe der sozialen Netzwerke, der Fördergelder der Bundesministerien oder den Lehrplänen der deutschen Schulen und Unis machen werden, liegt an den Martins, Gretas und Luisas, den Timos und Helens. Ob sie globale Lösungswege finden oder ausschließlich an ihrem eigenen gemachten Nest arbeiten, an diesem Pendelschlag entweder in die Wir- oder Ich-Richtung wird sich entscheiden, ob die 18- bis 25-Jährigen von heute die Spinnen oder die Fliegen in diesem Weltnetz der Jetztzeit werden.

Bild: Lizenz: CC0 1.0 Public Domain Quelle: Pixabay – Autor: TBIT

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