Hass im Netz - Warum?

Du bist scheiße Eine Auseinandersetzung mit Hass in Deutschland

„Scheiß Moslems, wenn das so weitergeht regieren die in 20 Jahren Deutschland“, sagt minnimaus08. „Du hast ja gar keine Ahnung, Nazischwein!“, erwidert schokohase365.

Wie oft ist sowas im Netz zu lesen? Beleidigungen, Beschimpfungen, Hass. Unter dem YouTube-Video, in dem Menschen auf der Straße nach ihrer Meinung zum Islam befragt werden, in den Kommentaren zur Berichterstattung eines Onlinemagazins über die Vorfälle in Bautzen. Kaum eine Diskussion über die Flüchtlingslage in Deutschland, über die „Islamisierung des Abendlandes“, über Migration und Integration bleiben auf dem Boden der Fakten. Früher oder später driftet sie ab, wird zum Schlachtfeld eines Krieges zwischen „Gutmenschen“ und „Rechtem Dreck“, bei dem es nur noch um das Kämpfen geht.

Im Februar dieses Jahres dann eine große Stimme, die sich gegen den Hass in der deutschen Öffentlichkeit erhebt. Bei der Preisverleihung der „Goldenen Kamera“ findet Journalistin Dunja Hayali in ihrer Dankesrede die richtige Beschreibung für das, was sie monatelang beobachten konnte: „Keiner hört keinem mehr zu. Worte werden einem im Mund verdreht, aus dem Zusammenhang gerissen. Und wenn man nicht die Meinung des Gegenübers widerspiegelt, dann ist man ein Idiot, eine Schlampe, ein Lügner oder total ferngesteuert.“ Ihr Appell an die Vernunft eines jeden Mitmenschen, ihr Appell, Andersdenkende zu respektieren, offen zu sein und fair zu bleiben, trafen offenbar nicht überall auf fruchtbaren Boden.

Fruchtbarer Boden. Der ist wohl nur unter Menschen zu finden, die sozial sind und ihr eigenes Handeln stets reflektieren können. Vielleicht sogar nur Menschen, die eine gute Bildung genossen haben. Studierende.

Erst kürzlich wurde ich vom Gegenteil überzeugt. In der Facebook-Gruppe der Universität Siegen wurde ein Bild gepostet, das eine weiße Wand mit „Pro AFD“-Aufschriften zeigt. Dies sorgte für Aufruhr in der Unigruppe. Diskussionen brachen aus unter dem Bild – wohl auch konstruktive. Aber selbst hier, in einer Gruppe voller Menschen, die einem Hochschulabschluss entgegenstreben, findet man Hass, Beleidigung, Beschimpfung.

„Was soll das denn bringen, dieser ganze Hass?“

Das fragt sich neben Dunja Hayali auch Ali Can. Der Student aus Gießen setzt sich für friedliches interkulturelles Leben ein und betreibt die „Hotline für besorgte Bürger“. Hier kann anrufen, wer mit Ali über „Erfahrungen, Fragen, Ärger oder Sorgen bzgl. der zunehmenden Flüchtlinge bzw. Asylbewerber in Deutschland“ sprechen möchte.

Für den Hass im Netz findet er eine mögliche Erklärung. Es geht ums Ego. „Wir sind zwischenmenschlich so konfliktgeladen, einfach weil unser Ego verletzt werden könnte und wir auf unserem Recht beharren wollen.“

Eine persönliche Situation, in der man Angst hatte, dass das Ego verletzt wird, fällt sicherlich jeder Leserin und jedem Leser ein. Die Reaktion darauf ist meist Abwehr. Wenn die Mutter einen als Kind dazu aufgefordert hat, bitte das Zimmer aufzuräumen, denn es sei so chaotisch. Wenn der Sandkastenfreund einem die Schaufel weggenommen hat. Da reagiert man nun einmal etwas böse und nicht selten führen solche kleinen Meinungsverschiedenheiten zu Streit, dem man eigentlich leicht aus dem Weg gehen könnte.

Es ist also verständlich, wenn man ausfallend wird und sich wehren möchte, nachdem man als „Dreck“ bezeichnet wurde. Doch damit gerät das Hauptthema aus dem Fokus. Wessen Meinung die „richtige“ ist, kann nicht aus gegenseitigen Beleidigungen hervorgehen.

„Alles, was im Leben passiert, wird verschieden gedeutet. Während der eine die Seite sieht, sieht der andere die andere Seite. Allein solche Sachen zu erkennen und zuzulassen, nimmt auch den Druck, dass andere falsch sind und du richtig oder umgekehrt. Gut und schlecht gibt es in dem Sinne nicht. Was war vor 200 Jahren gut? Das ändert sich doch ständig.“

Ali Can nimmt lieber sein Ego zurück, wenn er beleidigt wird. „Ich denke mir: ‚der beleidigt nicht mich, sondern eine Person in seinem Kopf‘. Das ist die Kunst. Die Kunst, sein eigenes Ego zurückzunehmen und scharfsinnig zu verstehen, was eigentlich Sache ist.“

Die Kommentare unter dem Video der Rede von Dunja Hayali sind deaktiviert. Das ist wohl ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sich etwas ändern muss.

 

An dieser Stelle könnte ich den Artikel beenden. Mit einem starken Appell. Doch was bietet sich nun mehr an, als meine eigene Meinung zum Thema „Ausländer“ vorzutragen?

„Wir verlangen, dass Geflüchtete nicht allein aus wirtschaftlichen Interessen zu uns herüberkommen dürfen. […] Gleichzeitig aber feiern wir in fünf verschiedenen Fernsehsendungen Weiße, die ohne guten Grund und ohne Kultur- oder Sprachkenntnisse in andere Länder gehen, weil sie sich davon […] ein glücklicheres Leben erhoffen. ‚Auswanderer‘ und ‚Abenteurer‘ nennen wir sie dann…“

Diesen Worten der Autorin Noah Sow aus ihrem Buch Deutschland Schwarz-Weiß schließe ich mich an. Viele Menschen vergessen, dass sie selbst in 99,99% der Welt „Ausländer“ sind. Und egal, in welchem Land man sich befindet, man ist weder friedlicher noch gewalttätiger noch irgendwie anders als in dem, in dem man geboren wurde oder aufgewachsen ist. Denn jeder Mensch ist durch seine Kultur und seine Familie (oder andere nahestehenden Mitmenschen) geprägt. Die Welt ist so groß, da ist es doch klar, dass Unterschiede herrschen. Diese Unterschiede sind vielseitig, sie sind eine Chance. Eine Chance dafür, sein eigenes kleines Universum von außen betrachten zu können und sich selbst weiterzuentwickeln. Auch, wenn man für eine kulturelle Eigenart einmal kein Verständnis aufbringen kann, sollte man demgegenüber erstmal offen sein. So wie Ali Can, Dunja Hayali, Noah Sow und unzählige andere Menschen dazu auffordern. Und jetzt auch ich.

Nun dürft ihr mir zustimmen, mir zujubeln, mich für meine Meinung feiern. Oder ihr hasst mich, beschimpft mich für das, was ich geschrieben habe. Aber denkt daran: Es ist nur eine Meinung. Keine Richtlinie. Kein Gesetzbuch. Kein Grund für Euphorie, kein Grund für Beleidigung.

Nur eine Diskussionsbasis…
  

Dankesrede Dunja Hayali

 

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