Ein Weihnachtsfazit

Man nehme zwei Liter Glühwein, 500g gebrannte Mandeln, zwei Bratäpfel und einen Hauch „Last Christmas“, gebe sich all dem hin und innerhalb der nächsten Stunde sollte man „Vorweihnachtsfreude“ verspüren. Hat sie sich noch nicht ganz verfestigt, benötigt man noch eine Prise Vanillekipferl und ein paar Zimtsterne. Jetzt sollte dem besinnlichen Weihnachtsfest nichts mehr im Weg stehen. Das erste Türchen wird geöffnet. Die erste Kerze wird angezündet. Unsummen werden für mehr oder weniger sinnvolle Geschenke ausgegeben. Die Zeit verfliegt, nicht zuletzt, weil man sie so gut auf verschiedensten Weihnachtsmärkten verbummeln kann.

Endlich Weihnachten!

Dann ist es soweit. Weihnachtsmorgen. Draußen hängen tiefe Wolken über den Feldern und es nieselt leicht. Das werden wohl mal wieder graue Weihnachten. Ich widerstehe dem Drang mich noch einmal umzudrehen, um weiterzuschlafen und wälze mich aus dem Bett. Noch etwas müde vom nächtlichen Geschenke-Verpacken mache ich mich auf den Weg nach unten. Von Besinnlichkeit noch keine Spur. Während ich mich zu meinem Vater an den Küchentisch setze, eilt meine Mutter durch die Küche, wischt, spült, kocht und das irgendwie gleichzeitig. Mein Vater lässt die Zeitung sinken, verzieht das Gesicht und murrt: „Isch hän Zahnping!“. Er hat Zahnschmerzen. Na klasse. „Zahnping?! Dat is aber der janz falsche Zeitpunkt!“ ruft meine Mutter lugt zwischen zwei Töpfen hervor, und drückt meinem Vater den sämtlichen Hausbestand an Schmerztabletten in die Hand – „Sieh zu dat endlich alle Kisten ins Auto kommen, wir wollen schließlisch um Punkt 10 los!“ „Und Antonia-“ wendet sie sich an mich, als ich gerade in ein Stück Christstollen beißen will „- Musst du nicht langsam deine Tasche packen? Und sag deiner Schwester, sie soll die Geschenke für Oma und Opa runter bringen!“ Während ich noch schnell den letzten Rest meines Frühstücks verschlinge, spült mein Vater zwei Ibuprofen mit einem Schluck Kaffee runter, rappelt sich auf und geht in den Flur, um das Auto zu beladen. „Antonia, wo hast du das Geschenk für Papa?“ ertönt die verschlafene Stimme meiner Schwester, die soeben in der Tür aufgetaucht ist – „Auf meinem Sessel.“, antworte ich. „Livia! Jetzt sach nisch du bist gerade erst aufgestanden!“ „Nein, Mama. Ich hab auch schon die Geschenke runtergebracht.“ Glück gehabt. Nicht ganz um Punkt 10 sitze ich mit meinen Eltern und meiner Schwester im überladenen Auto und wir machen uns auf den Weg.

„Et kann losjehn!“

Nach etlichen Jahren feiern wir noch einmal im Haus meiner Großeltern in der Eifel.  Mit dabei sind Opa Peter leidenschaftlicher Pfeifenraucher, verheiratet mit Oma Waltraud seit zwei Monaten überzeugte Nicht-Raucherin. Dann wären da noch meine Eltern, die perfekte Ergänzung aus erwachsenem Realismus und ewig-jugendlichem Leichtsinn. Außerdem Opa Willi, passionierter Weinkenner, und seine Frau Oma Cläre, knallharte Geschäftsfrau. Und nicht zu vergessen meine Zwillingsschwester Livia, kreativer Kopf der Familie, und meine Wenigkeit. 

Die Fahrt zieht sich über etliche Felder, vorbei am Tagebau und durch Dörfer, die Namen wie „Lüxheim“  oder „Frauwüllesheim“ tragen. Mein Vater geht noch einmal die Checkliste durch, um sicherzustellen, dass für die bevorstehende Völlerei alles besorgt ist. Rotkohl? Check! Ahornsirup? Check! Dann der Schreck. Wir haben das Walnuss-Eis vergessen! Ein fulminanter Bestandteil des Desserts. Zwei Möglichkeiten. Lassen wir das Eis weg und bleiben bei karamellisierten Feigen und Birnenkompott? Oder fahren wir einen Umweg, suchen wir nach einem Supermarkt, Ewigkeiten nach einem Parkplatz, drängen uns durch volle Gänge vor bis zu den Kühlregalen, streiten uns mit gestressten Rentnern um das letzte Walnuss-Eis und stellen uns an der Kasse eines überforderten Kassierers an? Tja, leider haben die gestressten Renter das Walnuss-Eis abgestaubt. Dafür schmilzt jetzt Cashew-Vanille im Kofferraum vor sich hin. Mist. Jetzt aber weiter, sonst kommen wir noch zu spät.

„Lasst et üch schmäcke!“

Nach einer knappen Stunde im vollbesetzten Auto, sind wir am Schauplatz unseres diesjährigen Weihnachtsfestes angekommen. Anstatt wie üblich in überschwängliche Begrüßungen zu verfallen, betritt mein Vater mit bedrückter Miene das Wohnzimmer. „Cläre, isch sag’s lieber gleisch. Isch hab ’ne schleschte Nachrischt. Isch hän Zahnping! Die janze Zeit schon!“ begrüßt er meine Großmutter. „Ohwei! Wat machen wa denn jetzt? Hier wa trinken erstmal ein Glas Prosecco, zum Anstoßen!“ Dem ersten Prosecco folgt ein zweiter und ein dritter. Leicht beschwipst gibt Oma Cläre den Anstoß für unser Weihnachtsmenü, das bereits seit Oktober geplant wird. Rindfleischsuppe, Linsencurry mit Garnelen, zwischendurch ein paar Kekse. Dann Knödel mit Braten, Rotkohl und Sauce. Das Essen erstreckt sich über den ganzen Nachmittag und um 18 Uhr sitzen wir alle pappsatt im Wohnzimmer. „Nä, wat haben wir wieder alles jejessen! Keinen Bissen bekomm’ isch mehr runter.“ Genüsslich streicht sich mein Opa über den vollen Bauch. Oder wie meine Ur-Oma zu sagen pflegte: „Jesund und satt, wie schön ist dat!“ 

Gemeinsam sitzen wir um den Adventskranz, in der Ecke brennt der Ofen, alte Fotoalben werden herausgekramt und noch ältere Geschichten werden zum zehnten Mal erzählt. Langsam kommt die langersehnte Besinnlichkeit auf. Erschöpft vom Essen und geborgen im Kreis der Familie, schlafe ich auf dem Sofa ein. Geweckt werde ich kurz darauf von der aufgeregten Stimme meiner Oma Waltraud: „Kind, et ist Zeit für die Kirsche.“ Eilig werden Stiefel, Mantel, Schal und Mütze angezogen. Draußen hat es gefroren. Vor der Kirche steht ein kleines Orchester, das „Ihr Kinderlein kommet“ spielt. Schon beim Betreten der Kirche schlägt einem der Geruch von Weihrauch entgegen. Ein beeindruckender, mit Lichtern geschmückter Tannenbaum steht neben dem imposanten Altar. Der Küster zündet eilig gefühlt 1000 Kerzen an, bevor Orgeltöne erklingen und der Priester und die Messdiener den Mittelgang entlang schreiten.

Zusammen mit meiner Mutter und meinen Großeltern sitze ich in der ersten Reihe. Wenn man schon nur einmal im Jahr geht, will man schließlich alles mitbekommen. Krippenspiel, Vater Unser, Glaubensbekenntnis, Tochter Zion, der Leib Christi und Unmengen von Weihrauch hinterlassen ein leicht schwummriges, aber durchaus seliges Gefühl von Weihnachtlichkeit. Zurück im Haus meiner Großeltern haben doch alle wieder genug Platz für etwas zu Essen. Zeit für das sehnlichst erwartete Dessert. Mein Vater steht schon in der kleinen Küche, kocht Birnen mit Marzipan ein, karamellisiert Feigen und holt das Eis aus der Truhe. Um halb 10 sitzen wir alle wieder versammelt am Esstisch, das letzte Mal ist ja schon eine Weile her.  „Dat is ja mal ’n leckeres Eis! Wat is das für eins?“, fragt mein Opa Peter. „Cashew-Vanille“, antworte ich. „Haste jut ausjesucht, Kind.“ Dass es eigentlich nur eine Notlösung war, verschweige ich einfach mal. Hauptsache et schmeckt! Zum Abschluss gibt es dann noch verschiedensten Käse begleitet von einigen Schätzen aus Opa Willis Weinkeller.

Bescherung!

Wieder pappsatt begeben sich alle zur Bescherung ins Wohnzimmer. Kurz darauf sind alle mit ihren neuen Geschenken beschäftigt. Mein Vater versucht sein Bestes, um seine neue Krawatte zu binden, meine Omas schnüffeln an verschiedenen Cremes und Parfums, Opa Peter stopft frischen Tabak in seine Pfeife und Opa Willi bringt seine neuste Errungenschaft in den Weinkeller. „Petra, hilf mir ens die Krawatte zu binden“ wendet sich mein Vater an meine Mutter. Sie wendet den Blick von dem Bild, welches Livia und ich ihr geschenkt haben ab und bindet meinem Vater einen 1A-Knoten.  

Fehlt nur noch das letzte Geschenk, einfach aber schön, ein jährlicher Wunsch von Oma Cläre. Mein Vater und Livia holen ihre Trompetenkoffer, zusammen gehen wir alle auf den Balkon und die Töne von „Stille Nacht, heilige Nacht“ erklingen durch das ganze Tal. So weihnachtlich und besinnlich, dass nicht alle Augen trocken bleiben. „Schön! Danke für das tolle Fest! Gut gegessen, noch besser getrunken und endlich waren wir nochmal alle zusammen!“, freut sich meine Oma und applaudiert. Mein Vater setzt die Trompete ab, fasst sich an die Wange und lacht, „Und dat alles trotz Zahnping!“ 

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