Viel Harmonie an der Elbe Eine Reise durch die Elbphilharmonie

Kaum zu glauben – aber wahr: Ein Bauwerk, in das eine Menge Geld, unendlich viel Zeit, ein Ozean voll Schweiß und ein berggroßer Haufen Arbeit geflossen sind, öffnet am 5. November 2016 seine Türen. Lädt erstmals ein in eine Welt voller Musik und Begegnung. Hier darf man seinen Alltag hinter sich lassen, lauschen und genießen: Die Hamburger Elbphilharmonie ist fertig! Und ich war dabei.

Kurz vor 9 Uhr. Der Wind weht mir den kalten Regen ins Gesicht. Ein herrlicher Duft von Fischbrötchen und rostigen Schiffsmotoren strömt mir durch den Nebel in die Nase. Ich bin endlich wieder in Hamburg: meine Familie besuchen. Doch heute steht noch etwas anderes auf dem Programm. Die Eröffnung der Elbphilharmonie. Für 2 Euro habe ich mir extra ein Ticket gekauft im Internet – nur für den Fall, dass die kostenlosen Tickets am Automaten vor dem Eingang schon vergriffen sind, wenn ich ankomme. Es kann losgehen.

Mit einem Hamburger Franzbrötchen und dem Online-Ticket bewaffnet passiere ich die Eingangsschranken, die an die Fahrkartenkontrollen in Londoner U-Bahn-Stationen erinnern. Ein großer Andrang herrscht hier nicht – noch nicht. Von einem netten Herrn, gekleidet in neongelb mit silber Schimmer-Streifen, werde ich zu einer Rolltreppe geleitet, die die Illusion der Londoner Tube nicht zunichtemacht. Sie ist lang, das Ende ist nicht zu sehen. Ob sie in ein wolkenweißes Himmelreich führt? So jedenfalls kommt es mir vor, als ich mich – begleitet von dem dumpfen Rauschen, das Rolltreppen nun mal erzeugen – durch den hellen Tunnel mit reflektierenden weißen Glaspailletten empor fahren lasse.

Zweieinhalb Minuten dauert die Fahrt angeblich. 82 Meter. Dann bemerke ich, wie die Kinder vor mir auf der Rolltreppe beginnen, aufgeregt zu schreien und an der Hose ihrer Mutter zu zupfen. Die Treppe mündet in einen Raum, der farblich nicht gegensätzlicher sein könnte. Doch die Front dieses Raumes ist ein einziges Panoramafenster, durch das man den verregneten Hafen und das gelbe Dach des König der Löwen sieht. Wie an der Scheibe eines Aquariums drücken sich die Kinder ihre kleinen Nasen platt, um das Hamburger Schietwetter zu beobachten. Mich jedoch zieht es weiter.

Ich wende mich ab vom Panorama und folge der Menge. In den Gesichtern der Besucher erkennt man Vorfreude und die große Frage, die sich alle stellen: Was werden wir gleich sehen? Langsam streifen wir über den Boden aus typisch norddeutschen Ziegelsteinen, schauen nach rechts und links, um bloß kein Detail zu verpassen, und erklimmen die Stufen, die in den Kern der Elbphilharmonie führen. Den Konzertbesuch muss man sich offenbar durch Treffensteigen verdienen.

Und dann stehen wir da, mitten in einer riesigen Halle. Umringt von zahllosen interessierten Menschen, besonders Senioren. (Aber das ist um diese Uhrzeit ja kein Wunder.) Die Plaza der Elbphilharmonie. Ein Ort, der laut Architekturbeschreibung zum Wandeln und Verweilen einlädt, zum Flanieren, zum Nachdenken, zum Lauschen von Klängen und Musik. Ja, dieser Ort widmet sich ganz der Akustik. Vermutlich der Grund dafür, dass im Zentrum der Halle auf einer kleinen Bühne ein Jazz-Quintett sein Repertoire zum Besten gibt. Mit Saxophonharmonien im Ohr drehe ich mich um die eigene Achse. Überall sind Lichtquellen, überall Glas. Weiß der dominierende Ton, der Boden teilweise hölzern, teilweise Ziegel. Es ist alles modern, stimmig und perfekt. Unweigerlich kommt es mir vor, als befinde ich mich im Innern eines iPhones.

Wo soll man hinschauen? Wohin gehen? Hier ist es wie in einem Spiegellabyrinth. Fenster aus gewelltem Glas, vom Boden bis zur Decke, in die Türen eingelassen sind, um nach außen zu gelangen. Wie soll man aber die Türen finden, überwältigt von all den Spiegelungen?

Schließlich schaffe ich es nach draußen. Hier führt die Plaza einmal rund um das Gebäude. Aus 37 Metern Höhe überblickt man die nähere Umgebung. Offenbar hat es eine Ecke der Balustrade den Besuchern besonders angetan, denn da ist eine Schlange von Hobbyfotografen. Ich stelle mich an. Was hat denn diese Ecke, was die anderen nicht haben? Als ich an der Reihe bin, wird es überdeutlich klar. So wurde es von den Architekten bestimm nicht geplant, aber diese Ecke deutet die Front eines Schiffes an. Steht man hier, fühlt man sich wie Rose und Jack am Bug der Titanic. Dazu das maritime Flair, der Wind in den Haaren, der Hintergrund mit kubischen HafenCity-Bauwerken. Alles ein Foto wert.

Ich schaue auf die Uhr. Schon fast 10 Uhr, meine Familie wartet. Ein letzter Blick von der Plaza auf die Landungsbrücken, das Panorama mit den Musicaltheatern und die Aida, die im Dock steht und auf ihre große Fahrt wartet. Dann drehe ich mich um und laufe die vielen Treppen wieder nach unten. Diese Besichtigung war so kurz und doch so ein großartiges Erlebnis. Eine Reise durch eine unbekannte Welt, deren Vollkommenheit einen in Staunen versetzt und die Kosten und Mühen vergessen lassen, die sie mit sich gebracht hat.

Vor der Elbphilharmonie holt mich ein kalter nasser Windstoß in die Realität zurück. Ich wische mir ein paar Franzbrötchenkrümel von der Jacke und laufe durch den Regen nach Hause.

 

Für weitere Infos:
https://www.elbphilharmonie.de/de/elbphilharmonie

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