Freud, Narzissmus und die Selfie-Culture Antiquierte Gedankenspiele und die Notwendigkeit ihrer Neubewertung im digitalen Zeitalter

Für Sigmund Freud stand eines fest: narzisstische Dispositionen – eben auch in Anlehnung an die mythologische Figur – sind Ausdruck eines verdorbenen Hanges zur Selbstvernarrtheit und finden im Zuge außerweltlicher Isolation statt. Dass sich diese Einschätzung gerade in Zeiten objektiv messbarer Selbstdarstellung als völlig überholt erweist, beglaubigen die sozialen Praktiken des digitalen Zeitalters. 

Wenn Freud von Narzissmus spricht, dann spielt für ihn die sexuelle Komponente als Form völlig isolierter Selbstbekosung eine entscheidende Rolle:

„Narzissmus entstammt der klinischen Deskription, […] [nach der] ein Individuum den eigenen Leib in ähnlicher Weise behandelt, wie sonst den eines Sexualobjektes, ihn also mit sexuellem Wohlgefallen beschaut, streichelt, liebkost, bis es durch diese Vorannahmen zur vollen Befriedigung gelangt.“

Wozu jedoch all das auf sich selbst beschränkte Wohlgefallen? Der vermeintlich einflussreichste Psychoanalytiker der Neuzeit definiert diese urinstinktive Motivation des Menschen, als sei sie etwas Obligatorisches. Sein Ton bewegt sich dabei gewohnt am Rande der grundsätzlichen Abwertung gegenüber jener Spezies, der er wohl selbst am liebsten nie angehört hätte. Als libidinöse Ergänzung bediene der Narzissmus immerhin jenen Egoismus, der nun mal notwendig sei, um sich selbst zu erhalten. Mit Blick auf die Geschichte des mythologischen Narziss schimmern jedoch andere Wahrheiten durch. Narziss´ Selbsterhaltungsstrategie hätte nämlich nicht mehr als genau eine Lebenszeit angedauert. Soviel zum wahren Kern griechisch-antiken Altertums.

Nun ist es nicht so, dass die ich-zentrierten Selbstgefälligkeiten vorstehende Aussage relativieren. Im Gegenteil: flehen wir in narzisstischen Veranlagungen nicht um jene Anerkennung, die – anders als Freud behauptet – in jedem Fall außerweltlich fixiert sein muss. Mehr noch: sie muss – durch wen oder was auch immer – beglaubigt werden. Narziss seinerseits wäre nie auf die Idee gekommen, sich im Antlitz seines Spiegelbildes zu beköstigen, hätte er vorher nicht wenigstens einmal die Erfahrung seiner offensichtlich begehrenswerten Erscheinung durch andere gemacht. Oftmals wird dieser Teil der Geschichte ausgespart. Erst im Zuge seiner Verweigerung gegenüber anderen, männlichen wie weiblichen Verehrern, konstituiert sich sein Selbstbild einer ich-verliebten Projektion, die ihren entscheidenden Kulminationspunkt in der reflexiven Betrachtung des eigenen Abbildes erfährt. Kurzum: im Selfie.

Sabotage aktueller Medien- und Selbstgestaltungsphänomene

Des weiteren ging Freud davon aus, dass Narzisst_innen (unrecherchiert bleibt an dieser Stelle, ob Freud tatsächlich auch Frauen in dieses klinische Schema miteinbezog, wenngleich bereits die Androgynität des mythologischen Narziss ausreichend Aufschluss über die ebenfalls weibliche Prägung narzisstischer Anhaltspunkte liefert) die erotische Beziehung zu anderen aufgegeben haben, wobei sich nach heutigem Erkenntnisstand Narzissmus auch an der Wertschätzung durch andere begreifen lässt. Freuds Argument außerweltlicher Isolation ist also nicht bloß antiquiert. Es sabotiert schlichtweg die reflexive Perspektive auf den Narzissmus als ein sich transformierendes Konzept, allen voran im Hinblick auf seine vielschichtigen Repräsentationsmöglichkeiten im Social Web. Zwar geht es den Narzisst_innen selbstverständlich nur spärlich um die Gefühl- und Gemütslagen ihrer jeweiligen Follower, nichtsdestotrotz sind sie in einer Welt, deren Geltungsansprüche im digitalen Raum formuliert werden können, auf deren (pseudo-)emphatische Teilhabe angewiesen.

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Sportliche Virilität im Zusammenspiel mit ikonografischen Platzhaltern der Coolness (Sonnenbrille) als kostbare Signale an die Außenwelt. Hier gefunden; frei zur kommerziellen Nutzung; keine Veränderungen vorgenommen.

An dieser Stelle hinkt nun der Vergleich mit dem mythologischen Narziss. Größenwahn geht laut Freud jedem Narzissmus voraus. Das bedeutet aber auch, dass allerlei Symptome dieser psychisch-pervertierten Selbst- und Fremdwahrnehmung erst als solche identifiziert werden können, sofern die Krankheit an sich komplett ausgebildet ist. Weiter führt Freud aus, dass man die Ich-Libido nur dann umgehen bzw. überwinden kann, wenn man das diesem Zustand inhärente Begehren auf Objekte (gemeint sind hier durchaus Menschen) übertrage. Stichwort: Schmetterlinge im Bauch. Nur wie soll das gelingen? Eine Antwort bleibt uns Freud schuldig.

Libido-Verlust ist Krankheit und keine Wahl

Nun ist es so, dass der libidinöse Verlust einer narzisstischen Persönlichkeit bei Freud von einem verloren gegangenen Interesse ausgeht. Sofern das zutreffen sollte, liegt es auf der Hand, dass bewusstseinsfundierte Inhalte dafür verantwortlich sind. Jedes Interesse – man könnte das ja mal als Selbsttest ausprobieren – findet in der Verarbeitung interner (Träume, Wünsche, Erinnerungen, etc.) oder externer (herangetragene Ideale, Werbung, Meinungen, Bewertungen, Beurteilungen, etc.) Reize statt, die ausschließlich von eigens initiierten Gedanken provoziert und gesteuert werden. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung als Krankheitssymptom einer nach maximaler Optimierung strebenden Gesellschaft ist jedoch kennzeichnend für eine über alle Maßen reflektierte Introspektion. Diese übt abseits der oben erwähnten Reize fast schon willkürlichen Terror auf das Denken und damit auch das Handeln eines jeden Einzelnen aus. Sie wäre auch sonst keine zu klassifizierende Krankheit.

Um die ego-libidinöse Selbstvernarrtheit zu beglaubigen, ist man – genau wie Narcissus himself – auf ein (Vorsicht Wortspiel!) weltliches Echo angewiesen. Die Parallele zum Ovid´schen Mythos passt also hervorragend. Bloß muss seine Rezeption im 21. Jahrhundert überdacht werden. Ohne die hübsche Bergnymphe, also dem, was es für Narziss zu meiden galt, kommt derselbe erst auf die Idee, das hier Gemiedene in Form seiner praktischen Selbstbezogenheit zu kompensieren. Das Selfie war also schon damals charakteristisches Signum eines widerhallenden Verlangens.

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Narziss und Echo. Verdammt zur Unvereinbarkeit. Hier gefunden; frei zur kommerziellen Nutzung; keine Veränderungen vorgenommen.

Um noch mal auf Freuds Theorie der schwindenden Libido bei gleichzeitiger Selbstbegötzung zurückzukommen, muss man festhalten, dass der psychische Aufwand, der zur evolutionären Selbsterhaltung unabdinglich ist, stressbedingte Hormone freisetzt, die erst im Zuge ihrer Anerkennung durch andere aufgewogen werden. Sofern diese Befriedigung ausbleibt, z.B. weil die Erwartungshaltung an die eigene Selbstwahrnehmung schier unstillbar anmutet, generalisiert sich dieser Stresspegel. Erst jetzt kommt es zum Libidoverlust. Der fortdauernde Ausschuss von Stresshormonen wie Adrenalin oder Cortisol befiehlt dem vegetativen Nervensystem, sich gegen Bedrohungen zu wappnen. Ausbleibende Entspannung bewirkt gleichermaßen einen Stop jener Hormone (Dopamin, Serotonin, etc.), die unverzichtbar sind, um überhaupt an Sex denken zu wollen. Freud vermischt die Gemengelage also auch an dieser Stelle. Und das beträchtlich.

Dividuum statt Individuum – Konzipierte Erscheinungsformen

Heutzutage wird Narzissmus auch gerne angeführt, um gesellschaftliche Pauschauldiagnosen zu stellen. Maria Männig befindet in diesem Zusammenhang, dass die Faszination am eigenen Bild, also bereits die Ovid´sche Sage vom mythologischen Narziss, auch eine Medientheorie der Gegenwart beschreibt. Der Artikel dazu lässt sich hier nachlesen. Wir erleben heute, dass sich erst durch die Trennung von Fotograf_in und Modell das trügerische Abbild zum scheinbar realitätstreuen Bild entwickelt; die Momentaufnahme einer völlig fixierbaren Situation ist nämlich möglicher als je zuvor. Was mit diesem Akt der Kommunikation offenbar bewerkstelligt werden soll, ist die Verifizierbarkeit jener vermeintlichen Qualität, die unser aller Spiegelbild offenbar haben muss. Nur wer soll dem gerecht werden? Für Männig erweist sich „innerhalb der Schnittstellen in den Datenströmen“ die hierin – fälschlicherweise – postulierte Individualität als Zeichen der uneingeschränkten Unterscheidbarkeit. Letztlich sind wir doch alle ziemlich gewöhnlich:

„Dividuelle Autorschaft bedeutet kollektive Teilhabe an der Produktion von Inhalten verschiedenster Art. Ihren Sinn entfaltet sie erst im medialen Echoraum innerhalb der digitalen Öffentlichkeit. Auch Narziss und Echo lassen sich als dividuell konzipierte Erscheinungsformen lesen. Als einzelne Segmente operieren sie mit einem Fokus auf der Sprache bzw. dem Bild. Ihr Scheitern führt uns letztlich auch die Möglichkeiten vor Augen, die audiovisuelle Kommunikationsformen bereithalten.“

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Christina Novelli bei einem ihrer Auftritte: Selfies und die Notwendigkeit ihrer objektiven Resonanz. Hier gefunden; frei zur kommerziellen Nutzung; keine Veränderungen vorgenommen.

Der Mythos um Narziss und Echo scheint in Anlehnung an gegenwärtige Praktiken der Selbstkonstitution im Social Web also ausgesprochen glaubhaft: der ich-zentrierten Faszination (das Spiegelbild bei Narziss; dem Selfie bei uns) folgt die Notwendigkeit objektiver Resonanz (widerhallendes Echo bei Narziss; Likes, Shares, Retweets, etc. bei uns). Bleibt dieser Widerhall jedoch aus (fehlgeschlagene Kommunikation bei Narziss und Echo; ausbleibende Anerkennung im Social Web bei uns) dann schließt sich hieran ein gewisses Ressentiment, eine kränkende Form der Unzufriedenheit, die letztlich den worst case, einen katastrophalen Gedanken ausbleibender Bedeutsamkeit vorausahnt. Narziss wie auch Echo führt dieses Ausmaß ins Verderben. Sie metamorphisieren zu Flora und Gestein. Und wir? Wir müssen selbst nach einer Lösung suchen. Freud tut es ja doch nicht.

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