Früher war mehr Pommes Mayo

Früher war mehr Pommes-Mayo Warum wir unsere eigene Jugend nicht schon jetzt verklären sollten

Mit betroffenen Mienen und hochgezogenen Augenbrauen stehen wir neben der Tanzfläche, auf der das durchschnittlich 17-jährige, weibliche Publikum mit Nike Air Max, engen Leggings und mit von Glätteisen malträtierten langen Haaren, ekstatisch zu irgendeinem schrillen Song tanzt. Ich habe ihn noch nie in meinem Leben gehört, doch aufgrund der nasalen und gepressten Gesangsstimme, kann ich ihn eindeutig Rihanna zuordnen. Rihanna, mir eher noch bekannt aus alten „Umbrella-ella-ella-eh-eh“-Tagen. Isa nippt sichtlich entnervt an ihrem Astra Urtyp, während mir Nele beinahe hysterisch in mein rechtes Ohr brüllt: „Was soll das hier? Wir waren doch früher nicht so beschissen!“

Tja, mir gefällt es hier auch ganz und gar nicht, bestätigen will ich ihre Aussage dennoch nicht. Diese Scheiße von den „ach so verkommenen und geschmacksverirrten Teenagern“ kann ich nämlich schon lange nicht mehr hören. Ich bin vielleicht zu alt für diesen Schuppen, der vom Geruch süßer Vanille-Deos und verschüttetem Wodka-E vernebelt ist, sicherlich. Aber definitiv auch zu jung, um meinen Frust über den miesen Abend an einer Generation rauszulassen, deren Teil ich doch eigentlich selbst bin.

Erdbeerlimes und Zungenküsse in der Musikbox Minden

Es ist Ostern und im ganzen Land strömen die verlorenen Kinder, die zum Studieren oder Arbeiten das warme Nest verlassen haben, zu ihren Heimatorten, um die jährlichen Feiertagsrituale zu begehen: Oma drückt einem mit einem mitleidigen Lächeln und den Worten „Ich weiß ja, wie wenig ihr Studenten habt“ einen frischen Zehner in die Hand, Mama fragt zum wiederholten Mal, wann man denn endlich mit dem „Bätschla“fertig sei und abends trifft man seine Freundinnen und Freunde, die man meist leider nur noch an den Gedenktagen zu Jesu Geburt und Ableben sieht. Und so begibt es sich zu dieser Zeit, dass wir uns zu später Stunde in der Musikbox im ostwestfälischen Minden wiederfinden. Das örtliche Tanzlokal, in dem wir uns mit 16 Jahren jedes einzelne Wochenende die Füße wund und schwitzig tanzten, so manche persönlichen und fremden Abstürze erlebten, die ersten romantischen Beziehungen begannen und schließlich genau dort wieder beendeten. Spätestens nach dem Abi war die Luft dann raus. Wenn meine Mitschülerinnen und Mitschüler vermehrt über das wöchentlich sinkende Niveau und Alter der Gäste lamentierten, war es doch eigentlich nur unser eigenes, wöchentlich steigen des Alter und die zunehmende Abneigung gegen Erdbeerlimes und öffentliche Zungenküsse, die uns die Illusion vom Feiervergnügen der Erwachsenen raubten.

Mehr Sonne, mehr Schnee, mehr alles

Es ist an diesem Abend also wenig verwunderlich, dass wir nicht mehr so feiern, wie wir es früher getan haben, und sich der Spaß in Grenzen hält. Wir sind nun mal herausgewachsen aus unserem kleinstädtischen Teenie-Traum. Das ist kein Grund, unsere Nachfolgenden als düstere Omen des kulturellen Verfalls zu sehen, möchte ich meinen. Aber als uns meine Schwester schließlich abholt, gehen im Auto die Hasstiraden weiter. „Ganz ehrlich, das ist doch einfach nur noch peinlich. Keiner von den Kindern da drin hat ansatzweise Ahnung von guter Musik, geschweige denn von Stil. Denen siehst du die Dummheit auf 20 Meter an.“ „Wir hören uns an wie 70-jährige Schnepfen“, entgegne ich, nur um anschließend ein schrilles „Nein, nein, nein, das war bei uns früher alles noch ganz anders, ernsthaft“ zu hören. Früher also. Gemäß der Tatsache, dass die Anwesenden, genau wie der Großteil meiner Bekannten, im Schnitt Mitte 20 sind, sprechen wir von einem Früher, das vielleicht acht bis zehn Jahre her ist. In diesem glorreichen Früher war das Wetter ja bekanntlich auch immer besser. Von Mai bis September schlugen wir uns jeden Tag bei Sonnenschein und 27 Grad im Freibad mit Pommes-Mayo die Bäuche voll. Im Herbst verzierte rot-goldenes Laub bundesweit die Landschaften und im immerzu traumhaften, weißen Winter hatten wir sicherlich täglich das Gefühl, wir wären die Kinder aus Bullerbü. Was ist also passiert? Hat der Klimawandel tatsächlich innerhalb weniger Jahre aus einem Deutschland, zwischen mediterranen Sommern und skandinavischen Wintern, einen post-atomaren Höllenschlund gemacht? Die Wettermessungen der letzten Jahrzehnte belegen das jedenfalls nicht, ebenso wenig wie meine Erinnerung. Im Januar wurde mir während meines Schulwegs die Sicht jedenfalls meist von strömendem Regen anstatt von weißen Schneeflocken genommen, während der Hinterreifen meines Fahrrads auf dem wohl einzigen Häufchen Schnee in ganz NRW wegrutschte und panisch kreischende Fünftklässlerinnen und Fünftklässler wie Bowling-Pins umnietete.

Kulturpessimismus liegt in der Verklärung eigener, kraftvollerer Zeiten

Genauso wie das Wetter in der eigenen Jugend unabhängig vom Alter des Schmollmunds immer am besten gewesen sein muss, war es anscheinend ebenso die Kultur. Die Klage über den kulturellen Verfall ist jedoch, das wissen wir eigentlich alle, so alt wie die Kultur selbst. Von den Philosophen der Antike bis zu den Denkern der Frankfurter Schule lässt sich eine negative Sicht auf gesellschaftliche Entwicklungen finden. Ein ewig gezeichnetes Krisenszenario einer Gesellschaft, die sich in den Anfängen oder bereits in voller Fahrt gen kulturelle Verkümmerung befindet. Kulturpessimismus nennt man in der Wissenschaft ebenjene Tendenz, die Entwicklungen der Gegenwart und Zukunft stets grau zu malen. In der Öffentlichkeit ist man diese Art des Kulturpessimismus, historisch gesehen, von alten Menschen gewohnt, die mit Argwohn auf die von der Jugend angetriebenen zivilisatorischen und technischen Veränderungen der Zeit herabblicken. Und auch in einem kleineren, privaten Kosmos denkt man bei Phrasen wie „Früher war alles besser“ gemeinhin eher an die, die ihre fittesten Jahre bereits verlebt haben und denen die Worte Farid Bang und Snapchat Unverständnis ins Gesicht schreiben. Die Neigung, im hohen Alter und im Wandel der Zeit, den Niedergang unserer Gesellschaft zu prophezeien, sieht der amerikanische Historiker Arthur Herman in der Verklärung eigener, agilerer Zeiten: „Möglicherweise spiegelt sich darin die Erfahrung der physischen Veränderung von der Kindheit über das Erwachsensein zum unvermeidbaren Verfall der körperlichen und geistigen Fähigkeiten im Alter. In der kollektiven Erinnerung scheint die Vergangenheit mit Kräften ausgestattet zu sein, die in der Gegenwart verloren sind. “Der Sommer, den man abends mit Freundinnen und Freunden trinkend und zu Volksmusik tanzend verbrachte, ganz gleich ob bei 38 oder 18 Grad, sieht nun mal farbenfroher aus als der gegenwärtige, wenn bei kleinsten Temperaturschwankungen die Knochen schmerzen. Und früher ist man doch auch ohne diese Smartphones und Facebook zurechtgekommen. Wozu braucht die Jugend dann diesen Firlefanz?

Früher war’s auch nicht besser –sondern vermutlich genauso schlimm wie heute

Es ist in gewisser Weise nachvollziehbar, dieses Unbehagen gegenüber Dingen, die man nicht versteht und vielleicht auch nicht mehr verstehen will, waren sie doch in besseren und teils glorifizierten Tagen noch nicht Teil unserer Gesellschaft. Was ich hingegen nicht verstehe ist diese Überheblichkeit, mit der die Älteren innerhalb einer Generation, die zumeist wohl noch nicht von körperlichem oder geistigem Verfall betroffen sind, auf die Jüngeren herabschauen. Wenn sie tief in sich gehen würden, würden sie sicherlich feststellen, dass nicht alles während ihrer Adoleszenz kulturell wertvoll war oder dauerhaft vor Niveau strotzte. Man verbrachte Samstagabende in stinkenden Boothäusern bei 90er-Jahre-Trash-Mucke und wenn Papa etwas von Floyd oder den Stones erzählte, rollte man noch genervt mit den Augen. Überhaupt: Den ersten Zugang zu tatsächlich guter Musik fand man mit 16 häufig über Seth Cohen aus O.C. California.

Zehn Jahre später ist halt irgendwie alles anders – und denn och genau gleich. Die Vergangenheit war nicht immer besser, wir haben sie nur in wunderbarer Erinnerung und das ist auch gut so. Doch das macht die Gegenwart genauso wenig schlechter, als dass es uns zu den letzten Vertretenden des guten Geschmacks macht. Also keine Sorge: So wie wir die ästhetischen Vorlieben und Trends jetziger Jugendlicher als Zeichen kulturellen Verfalls sehen, haben das schon Generationen vor uns getan. Meine Eltern wollten die Helden meiner Teenager-Tage, wie Blink182 oder The Hives, nicht als „echte“ Musik akzeptieren, während deren Eltern Rockmusik und Tätowierungen noch für Plagen des Teufels hielten und so weiter: Eine ewige Kette der Herabwürdigung von Jugendkulturen. Lasst uns mit dem Generationen-Bashing nicht schon innerhalb der eigenen Reihen anfangen, für derlei Faxen haben wir irgendwann schon noch genug Zeit. Nach einer heftigen Diskussion im Auto über die vermeintliche Geschmacklosigkeit und Dummheit dieser „Kinder“ im Club, schafft es meine Schwester übrigens – wohlgemerkt sieben Jahre älter als ich – mit wenigen Worten unseren Streit beizulegen: „Ach Leute“, seufzt sie in fast nostalgischem Ton, „als ihr damals in gackernden Scharen die Musikbox gestürmt habt, haben wir doch genauso gedacht. Wir hielten euch für frühreif und vor allem absolut verwirrt. Die Kleinen werden nicht schlimmer –wir werden nur einfach älter.“ Amen, Schwester.

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