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Ganz schön egoistisch!

Vor einigen Wochen stand ich, wie häufig diesen Winter, in der Kälte und wartete auf den von mir heiß ersehnten Bus. Dieser erschien nach kurzer Zeit. Die Wartenden drängten sich prompt an den Eingang des Busses, in der Hoffnung, sich schnell einen Platz im Warmen ergattern zu können. Der Reihe nach stiegen die Passanten ein, bis schließlich eine ältere Frau den Eingang erreichte. Als sie gerade das Geländer erfassen wollte, um sich in den Bus zu ziehen, wurde sie von einer Gruppe Jugendlicher rüpelhaft überholt und zurückgedrängt. Etwas später, nachdem der Bus einen Teil seiner Strecke zurückgelegt hatte, stieg eine weitere ältere Frau in den bereits überfüllten Bus und musste für einen Teil der Fahrt im Gang stehen, da ihr einige Jugendliche, die u.a. im Viererbereich des Busses saßen, den Sitzplatz verwehrten und ihr ihren eigenen nicht anboten. 

In jenen Momenten packte mich eine nicht zu beschreibende Verwunderung und ein gewisses Maß an Wut, da es mir unhöflich erschien, älteren Menschen auf ihre alten Tage ein wenig Komfort zu verweigern, und ich begann mich zu fragen, wie egoistisch unsere  Gesellschaft wirklich ist.

Egoismus ist eins dieser negativ beladenen Begriffe. Egoismus (Ego = Ich), bedeutet, dass jemand auf sein eigenes Wohl/seinen eigenen Vorteil bedacht ist, und dies über das Wohl und den Vorteil anderer stellt.

Doch ist diese plumpe Assoziation, Egoismus = schlecht, gerechtfertigt?

In den eben genannten Fällen, ist diese Schilderung wohl korrekt, denn hier fehlte offenbar jede empathische Sicht und Achtsamkeit. Jedoch gibt es ebenso Fälle, in denen man dem Begriff Egoismus eine positive Bedeutung beilegen muss. Ein Ersthelfer an einem Unfall, sollte stets darauf bedacht sein, sich zuerst selber zu schützen. Schließlich rennt auch kein Feuerwehrmann einfach in ein brennendes Haus; er wäre sonst eher eine zusätzliche Belastung. Und wie will man auf seine Mitmenschen Acht geben, wenn es einem selber schaden würde?

Wie an dem Beispiel der Feuerwehr, erkennen wir, dass es wohl mehrere Typen des Egoismus gibt. Warum gibt es überhaupt Egoismus? Zum Selbsterhalt? Wie negativ ist diese Form des Egoismus? Wie viel Egoismus ist gesund? Und wie viel Egoismus verträgt eine Gesellschaft? Dies sind Fragen, die man sich ab und an selber stellen sollte.

Gerade in letzter Zeit werden mehrere Stimmen laut, die behaupten, dass die Menschheit egoistischer geworden ist und jeder nur noch für sich selbst lebt. Woran könnte es liegen? Hat sich die Gesellschaft geändert? Kann es an der Erziehung liegen, die den Individualismus lehrt? Viele Kinder lernen durch ihre Erziehung, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt. Wie viel Egoismus ist gesund und ab wann ist es gesellschaftsschädigend?

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Wer glaubt, jenes Zitat entstand zur heutigen Zeit, den muss ich überraschen. Der Verfasser dieses Zitats ist kein anderer als Sokrates selbst. Egoismus ist also wohl ein Thema, über das man sich schon seit mehreren tausend Jahren unterhält.

Viele Menschen beschweren sich über die vermeintlich verkommene Jugend. Wohl wahr, wie ich aufgrund eigener Beobachtungen subjektiv bestätigen muss. Damals gab es viele Regeln, an die sich vor allem junge Kinder schon halten mussten. Vergleichen wir die Jugend von heute zu Beispiel mit der Jugend noch vor 10 Jahren, fällt auf, dass in Zeiten der Anonymität im Internet banale Beleidigungen potentiell zugenommen haben. Dass Social- Media auch eine Plattform der Selbstdarstellung und des „sich-selbst-in-den-Vordergrund- Stellens“ ist, zeigt den bevorzugten Fokus der Jugend, die dort zum Teil Bestätigung sucht. Jedoch steigt zugleich die Empathie- Fähigkeit, wenn z.B. etwas Schlimmes passiert ist. Man kann schneller auf Missstände aufmerksam machen. Außerdem machen sich immer mehr Menschen Gedanken um sich und auch ihre Umwelt.

Die Jugend von heute hat wohl immer für Erregung gesorgt, doch ist dies wohl kein Grund zur Sorge für die Gesellschaft, wenn jeder Einzelne nicht nur für sich sorgt sondern auch ab und an mal ein Auge auf seinen Nachbarn und sein Umfeld wirft. An sich selbst denken ist gesund- wenn man es im richtigen Maß tut. Das Beste wäre es, wenn man sein Umfeld so behandelt , wie man es selber gerne zurück erwartet und erwarten kann.

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