Gedankenexperiment in „Tote Mädchen lügen nicht“: Wäre ich ein Schuldiger? Die umstrittene Netflix-Serie führt ihre Zuschauer an die Selbstreflexion zum Thema Mobbing heran

Die amerikanische Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ (Originaltitel: „13 Reasons Why“) polarisiert gerade auf der ganzen Welt. Sie handelt von der Schülerin Hannah Baker, die vor ihrem Tod sieben Kassetten aufgenommen hat, auf denen sie die Personen und ihre Taten nennt, wegen derer sie Selbstmord begangen hat. Den Zuschauer stellt sie vor die Frage: Wäre ich ebenfalls schuldig, wenn ich Teil von Hannahs Welt wäre?

In den Medien wurde in den letzten Wochen heiß über Tote Mädchen lügen nicht diskutiert. Besonders die Darstellung des Selbstmords von Hannah ist umstritten. Viele finden es gut, dass durch die Serie auf das Thema Mobbing aufmerksam gemacht wird und den Tätern klar gemacht werden könnte, was sie mit ihrem gedankenlosen Tun eigentlich anrichten. Vor allem von Filmblogs und dem Feuilleton wird die Serie für ihre ernsten Seiten gelobt.

Andererseits warnen Psychologen und Hilfsorganisationen davor, dass viele selbstmordgefährdete Jugendliche den Suizid Hannahs als legitimen Ausweg aus ihrer Situation ansehen könnten. Sie fürchten, dass die Serie andere triggern könnte, es der Protagonistin gleich zu tun. Mittlerweile findet man auf sozialen Netzwerken auch viele Warnungen von Stars, wie zum Beispiel von Paris Jackson, die Jugendlichen mit Depressionen oder Suizidgedanken davon abrät, die Serie zu schauen. Dabei will die Serie doch genau das Gegenteil: Die Macher verweisen in ihrem Making-of hingegen darauf, dass sie die umstrittenen Szenen ganz bewusst so realistisch dargestellt haben, um andere abzuschrecken.

Der Zuschauer fühlt sich ertappt, gar beschuldigt

Warum bekommt die Serie so viel Aufmerksamkeit, wo Mobbing doch schon seit vielen Jahren ein Thema in der Öffentlichkeit ist? Sowohl in der Schule als auch in der Arbeitswelt passiert Mobbing tagtäglich. Im schlimmsten Fall kann dieses sogar zu Selbstmord führen. Tote Mädchen lügen nicht führt uns einen solchen Fall vor Augen – mit all seinen tragischen Konsequenzen. Ein möglicher Grund für den Erfolg der Serie ist, dass die Zuschauer sich durch die Serie ertappt, ja gar beschuldigt fühlen. Selbst wenn sie nicht gerade die Anstifter für Mobbing, wie Bryce oder Tyler, sind. Hannah beschuldigt in der Serie auch viele, die nur durch unterlassene Hilfeleistung oder Wegschauen auf ihren Kassetten gelandet sind. Trotzdem tragen sie eine Mitschuld an ihrem Tod.

Die Serie will sagen, dass solche Mitläufer nicht weniger Schuld haben als andere. Sie hätten die Macht dazu, das Ganze zu beenden, indem sie den Tätern keine Aufmerksamkeit schenkten oder – noch besser – die Opfer unterstützten. Vielleicht wird vielen Zuschauern durch die Serie auch bewusst, dass sie selbst schon dazu beigetragen haben, dass es anderen schlecht ging. Selbst wenn sie einfach nur das glauben, was andere über eine bestimmte Person sagen, ohne es zu hinterfragen. Die meisten Menschen wissen prinzipiell von den Konsequenzen ihres Handelns in Bezug auf Mobbing, Tote Mädchen lügen nicht hält ihnen dies jedoch anschaulich und niederschmetternd vor Augen.

Selbstreflexion ist das Ziel, das die Serie anstrebt

Die detaillierte und gefühlsbetonte Darstellung der Folgen in der Serie ruft vermutlich bei vielen Zuschauern Schuldgefühle hervor. Sie führt unweigerlich zu der Frage, ob man nicht auch jemand sein könnten, den Hannah auf einer ihrer Kassette anklagen würde. Durch dieses interessante Gedankenexperiment werden die Zuschauer emotional mit eingebunden. Die daraus resultierende Selbstreflexion ist das Ziel, das die Serie anstrebt.

Letztendlich sollte jeder selbst entscheiden, ob er die Serie schauen möchte. Wer schon mit großen emotionalen Problemen zu kämpfen hat, sollte vielleicht eher einen Bogen um das Format machen. Oder die Folgen zumindest mit einem Freund zusammen schauen und anschließend darüber reden. Eigentlich sollte längst allen klar sein, was Mobbing bei Menschen auslösen kann. Wenn die Serie erreicht, dass der Zuschauer zweimal über sein Handeln nachdenkt, hat sie ihren Zweck mehr als erfüllt. Vor allem potenzielle Mobbern der jüngeren Generation, bei der Mobbing am stärksten auftritt, sollte Tote Mädchen lügen nicht hoffentlich auf fruchtbaren Boden fallen.

Foto: Simone Acquaroli, hier gefunden.

Du möchtest weiterlesen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.