Smartphone in der Hand

Generation Smartphone

Ein Leben ohne Smartphone ist für Viele nicht mehr vorstellbar. Was das für uns und unsere Mitmenschen bedeutet, beleuchtet Anna Brinkmann in einem Gastbeitrag zur Themenreihe „Generation Y“.

 

Die 20-Jährige Franziska sitzt auf dem Boden im Flur ihrer Zweizimmerwohnung in Köln und durchwühlt verzweifelt einen Haufen aus Jacken und Taschen. „Das kann doch nicht weg sein! Ich hatte es doch eben noch in der Hand“ – ihr Smartphone. Die Panik ist ihr anzusehen und das Lachen von vor zwei Minuten ist aus ihrem Gesicht verschwunden. „Und der Akku ist auch leer, ich kann es also noch nicht mal anrufen.“ Die komplette Wohnung wird hektisch auf den Kopf gestellt, nur um das Smartphone dann doch in einer der zu Beginn durchgeschauten Taschen zu finden. Die Erleichterung ist geradezu spürbar und auch das Lächeln ist direkt zurückgekehrt – „Na Gott sei Dank!“

 

Unser Begleiter im Alltag

 

So wie Franziska geht es einem Großteil der sogenannten „Generation Smartphone“. Menschen zwischen fünfzehn und fünfunddreißig Jahren, deren Mobiltelefon ein unverzichtbarer Bestandteil ihres alltäglichen Lebens geworden ist. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Statista, ergab, dass mittlerweile über 37 Millionen Smartphones in Deutschland im Einsatz sind. Sei es für Arbeit, Universität oder Privat, laut der Studie ist das Ein- bzw. Ausschalten der Weckfunktion am Smartphone die erste und die letzte Handlung am Tag. Wenn sie nicht zu Hause sind, benutzen 70,4% der Befragten ihr Smartphone in öffentlichen Verkehrsmitteln. 65,2% können auch auf der Arbeit nicht darauf verzichten und 54,4% gaben an, sogar beim Spazieren gehen in der Natur ihr Handy zu benutzen.

 

Es ist ein gewohntes Bild – man steigt in die Bahn oder den Bus und sieht hauptsächlich Menschen in vornüber gebeugter Körperhaltung mit dem Kinn auf der Brust, die auf ihr Handy schauen. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich auf der Fahrt mit den Mitfahrern unterhalten hat, vielleicht einigen Geschichten aus der Kindheit der netten Oma auf den Nachbarsitz schmunzelnd gelauscht hat. Inzwischen verhindern die Kopfhörer, die fast jeder in den Ohren hat, den Kontakt mit den Mitmenschen und senden ein direktes Signal, dass dieser auch gar nicht gewünscht ist. Ob man auf dem Weg zur Arbeit schnell die neuesten Mails checkt oder endlich ein Level weiterkommen möchte beim aktuellsten Onlinegame, das Smartphone ist immer in der Hand und Blickfang Nummer Eins.

 

Ein Video zum Nachdenken

 

Es gibt einige Artikel im Internet und Magazinen, die diese Generation passend auch „Kopf unten Generation“ nennen. Zu diesem Thema hat der britische Autor und Filmemacher Gary Turk ein Video auf der Internetplattform YouTube mit dem Titel „Look up –Schau hoch!“ veröffentlicht. „Ich habe 422 Freunde. Trotzdem bin ich einsam“, geht es im Untertitel des weltweit über 45 Millionen mal angesehenen Clips weiter. Turk verpackt seine Gesellschaftskritik in Reimform mit nachdenklicher Hintergrundmusik und bezeichnet sich und seine Mitmenschen als „Generation aus Idioten, Handys und dummen Menschen“. Er möchte die Menschen aufmerksam machen auf die Chancen, die sie verpassen, wenn sie nur mit gesenktem Kopf durch die Welt laufen, die zu einer „Welt voller Egoismus, Selbstdarstellung und Eigenwerbung“ geworden ist, „wo wir uns alle von unserer besten Seite zeigen, aber Gefühle und Emotionen auslassen.“

 

Im Netz gibt es sowohl Kritik als auch Lob für Gary Turks Video. Kritiker merken an, dass es scheinheilig wirkt, wenn das Video gerade in dem von Turk kritisierten Medium veröffentlicht und verbreitet wurde und am Ende Verknüpfungen zu Netzwerken wie Twitter angeboten werden. Der Großteil der „Viewer“ ist aber einer Meinung mit seiner „Message“ und befürwortet seinen Aufruf. Ob man sich auch daran hält, sei dahingestellt.

 

Digitale und analoge Welt

 

Es wird immer wieder davon berichtet, dass Smartphones und das Internet einsam machen. Durch den starren Blick auf Handy und Tablet entsteht eine gewisse Weltabgewandtheit, und der Bezug zu virtuellen Freunden wird teilweise wichtiger als zu den realen. Auch der 17-jährige Niclas, Schüler eines Kölner Berufskollegs, möchte seine Kontakte über die virtuelle Welt nicht missen. Er besucht jedes zweite Wochenende seine Großeltern und mit dabei ist auf jeden Fall immer sein Handy. Der Rest ist nicht so wichtig, dafür wird Oma schon sorgen. „Na ja, bei Oma ist es schon ganz cool, aber man muss ja trotzdem mit den Jungs in Kontakt bleiben. Wenn irgendwas Krasses passiert, will ich das ja mitbekommen!“ Sein Handy ist immer griffbereit, ob in der Hosentasche oder direkt auf dem Tisch und sobald es eine neue Nachricht ankündigt, wird es sofort zur Hand genommen – da muss Oma halt mal auf die Antwort warten.

 

Das Warten auf Antworten, weil das Gegenüber schnell auf eine Nachricht reagieren oder die Neuigkeiten checken muss, ist zum Alltag der meisten Menschen dieser Generation geworden. Ob im Restaurant mit Freunden, auf dem Shoppingtrip mit der besten Freundin oder abends beim gemütlichen DVD-Abend mit dem Partner – Essen, Outfit und Aussicht vom Sofa müssen erstmal mit den virtuellen Freunden geteilt werden und möglichst viele „Likes“ oder „Hearts“ bekommen. Das Wort „Selfie“ (deutsch etwa „Schnappschuss von sich selbst“) wurde 2013 vom Oxford English Dictionary zum englischen Wort des Jahres gekürt. Täglich werden tausende dieser Selfies mit dem Smartphone aufgenommen und auf Plattformen wie Facebook oder Instagram gepostet. Doch das „Selfie“ ist längst nicht mehr allein, es hat Gesellschaft von Phänomenen wie dem „Belfie“ (Aufnahme des Allerwertesten, zusammengesetzt aus den englischen Worten „Butt“ und „Selfie“) oder dem „Welfie“ (Aufnahme beim Training, zusammengesetzt aus „Workout und „Selfie“) bekommen, und jede Woche kommen neue Formen hinzu.

 

Als Motorola 1973 das erste mobile Telefon auf den Markt brachte hat wohl niemand mit der Entwicklung gerechnet,die sich in den nächsten Jahren vollzog. Während es früher etwas Außergewöhnliches und Besonderes war, ein mobiles Telefon zu besitzen, werden Menschen heute schräg angeguckt, wenn sie kein Smartphone haben. Fragt man die 72-jährige Erna Kasper nach ihrem Smartphone, wird man verständnislos angeguckt, „sind das diese Dinger, mit denen meine Enkelkinder immer zugange sind? Ich kenne die nur als Handys. Habe selber so ein Teil von meinem Sohn bekommen, damit ich mich zum Beispiel aus dem Urlaub melden kann.“ Für Frau Kasper sind die technischen Spielereien dabei aber uninteressant, „ich komme damit sowieso eher schlecht zurecht. Anrufen kriege ich hin, aber wenn dann eine SMS ankommt, oder wie die Sachen alle heißen, bin ich überfragt – die ignoriere ich dann einfach oder frage meine Enkeltochter.“ Früher war das alles ganz anders, da hat man sich noch Briefe geschrieben und sich einfach mit den Menschen um einen rum beschäftigt. „Das hat bestimmt alles auch seine Vorteile“, erkennt sie an, „ich habe mir auch schon im Internet ein neues Sofa bestellt, aber wir sind früher auch ganz gut ohne zurechtgekommen. Nur zum Kartenspielen benutze ich den Computer gerne!“, gesteht sie lachend.

 

Die Rolle des Smartphones

 

Winfred Kaminski, Leiter des Instituts für Medienforschung und Medienpädagogik in Köln sieht die Entwicklung nicht so dramatisch: „Schon Platon hat gegen die Schrift gewettert, weil sie das Erinnerungsvermögen zerstöre, weil wir nichts mehr auswendig lernen […].“ So ging es dann immer weiter, sowohl bei der Erfindung des Buchdrucks, als auch bei der Ausbreitung der Lesefähigkeit gab es massive Bedenken. Werden also bald auch die Großeltern von Morgen mit dem neuesten Smartphone in den Cafés der Großstädte sitzen und sich nicht mehr unterhalten, sondern per WhatsApp kommunizieren? Eine seltsame Vorstellung.

 

Wie sehr Smartphones den Alltag der Jugend heute schon bestimmen zeigt auch das Beispiel von Barbara. In der Clique der 21-Jährigen gibt einen regelrechten Konkurrenzkampf was die Smartphones angeht: „Bei uns in der Clique ist es schon so, dass jeder immer das neueste Modell haben möchte. Es ist halt viel spannender, wenn man ein neues Handy hat und man alles noch erkunden und ausprobieren muss. Da kann es schon mal vorkommen, dass einer neidisch ist, wenn er sich gerade kein neues leisten kann.“ Laut einer vom Statistik-Portal Statista veröffentlichten Statistik über den weltweiten Absatz von Smartphones von 2010 bis 2018 (Angaben in Millionen), lag der Absatz 2013 noch bei 1.009,6 und wird bis 2018 schätzungsweise auf 1.244,1 steigen.

 

Ausnahmen gibt es natürlich in jeder Generation, die Leute, die sich auflehnen und dagegen sind oder einfach kein Interesse haben dem Strom hinterher zu schwimmen. So geht es auch Leon, der 26-jährige Pädagogikstudent, verzichtet gerne mal für ein paar Tage auf sein Smartphone. „Diesen Hype finde ich schrecklich. Jeder Mensch hat ständig nur noch sein Handy vor dem Gesicht und beschäftigt sich gar nicht mehr mit seiner Umwelt.“ Leon versucht ganz bewusst, Raum zu schaffen für sich und seine Umgebung. „Wenn ich draußen spazieren gehe oder auf dem Weg zur Uni bin, versuche ich immer mein Handy in der Tasche zu lassen und die Welt auf mich wirken zu lassen. Die Menschen, denen man begegnet sind eigentlich so faszinierend und es ist schade, dass man nur noch den Wenigsten ins Gesicht schauen kann.“ Ganz verzichten kann aber auch er nicht auf die Vorteile des Smartphones, Ohrstöpsel zum Beispiel hat er oft in den Ohren. „Ja okay, das stimmt, Musik höre ich oft, aber die Welt sieht an einem grauen Tag halt auch direkt viel schöner aus mit einem guten Song im Hintergrund. Wenn wir uns mit Freunden treffen, sind Handys aber absolut tabu! Wer sich da nicht dran hält, darf den anderen erstmal einen Kaffee spendieren.“

 

Am Ende des Tages muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, wie sehr er sich von seinem Smartphone einnehmen lässt, denn im Endeffekt ist auch jedes Smartphone immer nur so smart wie sein Nutzer.

BILD: Lizenz: CC BY 2.0 Quelle: flickr.com – Autor: Highways England – Titel: 09_2013_47

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