Anzug-Krawatte

Generation ‚Warum?‘

Generation Y, die Deutschen von morgen, die eine Karriere verschmähen und sich gerne Auszeiten gönnen. Was hat es mit dieser Generation auf sich? Ein Gastbeitrag von Ann-Christin Kuhlmann.

 

Nachdem Julia Müller, 25 Jahre alt, ihr Abitur erfolgreich absolviert hat, wusste sie nicht, wie es für sie beruflich weitergehen sollte. Um vor dieser schweren Entscheidung zu flüchten, bewarb sie sich als Backpackerin bei der Organisation „Work & Travel“ und reiste ein Jahr quer durch Australien. Abenteuer pur, ein Leben ohne schwierige Entscheidungen – bis auf die Frage: Wie komme ich an mein tägliches Brot?

 

Nach ihrer Rückkehr kommt die junge, sichtlich erholte Hessin nicht um eine Entscheidung herum. Sie studiert zunächst „Betriebswirtschaftslehre“ – ,,weil das alle so machen“, sagt sie. Unmotiviert und planlos geht sie das Studium an, hängt es nach kurzer Zeit wieder an den Nagel. Der Studiengang „Medienwissenschaften“ an der Philipps-Universität Marburg soll es sein. Julia meint: ,,Heutzutage wird man überall mit den Medien konfrontiert. Wenn ich in diesem Feld keine Zukunftschancen habe, wo dann?“. Nach einem erfolgreichen Studienabschluss arbeitet sie heute als Schönheits-Consultant bei Mary Kay. „In der Arbeit gehe ich auf. Ich habe flexible Arbeitszeiten und genieße die Treffen in einer gemütlichen Frauenrunde“, sagt sie. Ein sicheres und festes Gehalt scheint zweitrangig.

 

Das ‚Warum?‘

 

So wie Müller ergeht es vielen deutschen Heranwachsenden. Sie sind die Generation Y: Gesprochen wie das englische „why“ (dt. Warum?). Unter dieser Generation fasst man all diejenigen zusammen, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurden. „Die Frage nach dem ‚Warum?‘ ist prägnant für Menschen dieser Alterskohorte“, erklärt der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann – und ergänzt: „Altbekannte Normen und Werte werden von ihr nicht mehr als gegeben akzeptiert, sondern hinterfragt. Die traditionelle Welt wird auf den Kopf gestellt, die Frage nach dem Sinn des Seins und Tuns rückt immer mehr in den Fokus.“

 

Auch die Herbornerin Janina T., 23 Jahre alt, bricht aus der Familientradition aus. Aufgrund von mangelndem Interesse an der Augenoptiker-Tätigkeit entscheidet sie sich gegen den Generationenbetrieb und für das Studium „Wirtschaftsrecht“ an der Universität Siegen. Kurz vor Abschluss des Studiums absolvierte sie ein Praktikum bei einer renommierten Unternehmensberatungs-Gesellschaft, was ihr gar nicht zusagte, sodass sie ihr Studium abbrach. „Ich fange nochmal von null mit Jura in Gießen an, in der Hoffnung, dass ich daran später Freude habe. Ob dies der Fall ist, wird sich zeigen“, sagt Janina mit einem verschmitzten Grinsen, die Unsicherheit ist ihr ins Gesicht geschrieben.

 

Planlos auf Suche

 

Janinas Verhalten zeigt, dass Generation Y generell ein unentschlossenes Verhalten aufweist. Sie legt sich nicht fest, versucht sich plan- und ziellos an verschiedenen Studiengängen und Berufsfeldern, in der Hoffnung, sich selbst verwirklichen zu können. Anstelle von Status und Prestige rücken die Freude an der Tätigkeit sowie die Sinnsuche.

 

Manch Älterer benennt sie als „Deutschlands neue Problemgruppe“ oder „Generation Weichei“. Sie kann nichts so richtig – außer vielleicht schnell simsen. Man sieht sie als Freizeitoptimierer, die bevorzugt Pläne für den Feierabend schmieden, als dass sie sich um ihre Karriere scheren. Es heißt, Generation Y sei schlecht darin, sich zu hinterfragen, aber groß darin, sich zu überschätzen. Doch stimmt das? Ist Generation Y wirklich so faul, verwöhnt und desinteressiert wie manch einer denkt?

 

Was der Generation Y wichtig ist

 

„Ich möchte Spaß an meiner Arbeit haben“, erwähnt Julia Müller. „Wie soll ich sonst Jahre in diesem Beruf tätig sein ohne hundertprozentige Überzeugung?“. Diese Generation ist nicht faul – sie weist häufig Fachhochschul- und Universitätsabschlüsse auf und ist vergleichsweise gut ausgebildet. Deutsche Heranwachsende wollen arbeiten, wollen alles geben – nur anders. „Mehr im Einklang mit unseren Bedürfnissen. Wir suchen Sinn und fordern mehr Zeit für Familie und Freunde“, schreibt die 31-Jährige Journalistin Kerstin Bund in ihrem Buch „Generation Y: Was wir wirklich wollen“. Es zeigt sich eine klare Forderung nach einer neuen Berufswelt: mehr Flexibilität, mehr Freiräume und dem Beruf nicht länger alles unterordnen müssen.

 

„Eine sinnvolle Aufgabe zu haben ist für sie das Wichtigste“, sagt Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen. Die Ergebnisse ihrer internationalen Studie zeigen, dass Leistung und Lebensgenuss für die Ypsiloner untrennbar zusammen gehören. „Junge Leute wollen durchaus etwas erreichen“, sagt Rump „aber nicht mehr um jeden Preis“. Viele hätten bei den Eltern die Folgen miterlebt: Scheidung, keine Zeit für Privates, Nervenkrankheiten. Eine Balance zwischen Beruflichem und Privatem sei wichtig geworden. Immer mehr junge Menschen erkundigen sich bei ihrem Arbeitgeber nach alternativen Arbeitszeitmodellen. Die Vier-Tage-Woche, kurze Auszeiten und das Homeoffice werden stets beliebter. Rump erklärt: ,,Sie nehmen nur Stellen an, die zu ihrer Lebenssituation passen“.

 

Eine weitere Stimme erhebt sich. Philipp Riederle, Vertreter der Generation Y und junger Unternehmer, der mit Audio- und Videobeiträgen im World Wide Web sein Geld macht, meint: „Vor 20 Jahren strebten Berufseinsteiger drei Dinge an: Geld, Status und Macht. Heute geht es in erster Linie um Sinnhaftigkeit, Selbstverwirklichung und ein gutes Team“. Auch Kerstin Bund erklärt: „Selbstbestimmung ist das Statussymbol meiner Generation“. Tugenden wie ein starker Wille und Ehrgeiz spielen nach wie vor eine primäre Rolle. Die jüngste Shell-Studie in Deutschland zeigt, dass sich die Leistungsbereitschaft unter den 12- bis 25-Jährigen auf einem aktuellen Höchststand befindet. Spaß? Keine Frage. Das heißt jedoch nicht, dass diese Generation ausschließlich nur lachen möchte.

 

Der Blick in die Zukunft

 

Zum Lachen ist ihnen nicht zumute, wenn sie in die Zukunft blicken. Die geburtenschwachen Jahrgänge versichern ihnen, dass ihre Rente alles andere als sicher ist. Sie leben in einer vernetzten und globalisierten Welt, die durch die Medien, die mobile Kommunikation sowie viele Krisen geprägt ist. Die Computerisierung des Alltags durften sie hautnah miterleben. Man nennt sie auch die Netz-Generation, da es sich um die erste Generation handelt, die größtenteils in einem voranschreitenden technologischen Umfeld aufgewachsen ist.

 

Der Ypsiloner weiß, dass in der heutigen Welt alles möglich, aber auch vieles unsicher ist. „Ich weiß, dass ich mein komplettes Berufsleben nicht als Schönheits-Consultant tätig sein werde, aber ich habe keine Angst vor einer beruflichen Veränderung, sondern sehe es als Chance für mich selbst“, so Julia Müller. „Derzeit komme ich mit meinen schwankenden Einnahmen aus. Mit meinem Studienabschluss stehen mir zudem einige Türen offen – wovor Angst haben und warum?“.

 

Julias entspannte und selbstsichere Einstellung ist gerechtfertigt. Generation Y triumphiert gegenüber vorangegangenen Generationen von der Macht der Knappheit – Deutschland gehen allmählich Fachkräfte aus. Viele Branchen weisen heute schon sichtbaren Fachpersonalmangel auf. Sowohl Studierte, als auch Fachkräfte mit bestimmten Berufsausbildungen werden dringend gesucht. Laut der Prognos AG fehlen der deutschen Wirtschaft bis einschließlich 2030 rund fünf Millionen Arbeitskräfte in nahezu allen Branchen. Generation Y und nachfolgende Generationen profitieren von ihrer geringen Zahl – Sie sind für Deutschland unverzichtbar und das Land ist auf sie angewiesen.

Bild: Lizenz: CC BY 2.0 Quelle: flickr. com – Autor: Carsten Pflanz – Titel: Abiball

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