Highway Wüste

Generation Y: Planlos in die Zukunft

Natalie Meyer ist die nächste Gastautorin unserer Themenreihe ‚Generation Y‘, die sich ihrer Ansicht nach besonders durch Planlosigkeit auszeichnet.

 

 

„No future“ liegt wieder im Trend. Allerdings nicht in der gesellschaftskritischen Form, wie das in den Punk-Bewegungen der achtziger Jahre der Fall war. Es scheint eher so, dass die aktuelle Generation der jungen Erwachsenen keine Ziele und keine großen Pläne, insbesondere im Bezug auf ihr künftiges Berufsleben, haben. Dafür aber umso höhere Erwartungen. Es bleibt fraglich, ob diese auch erreicht werden können.

 

Gelangweilt schweifen die hellblauen Augen von Tina Kuhlmann durch den Hörsaal der Universität Siegen. Hier und da fällt ihr Blick auf ihr pinkes Smartphone. Sie öffnet ihren Whatsapp-Messanger, tippt ein wenig auf dem Display herum und blickt dann den referierenden Dozenten an. Dieser versucht gerade einen Saal voller ausdrucksloser Augen die Literaturepoche der Boheme nahe zu bringen. Tina holt einen Kaugummi aus ihrer Handtasche. Für die Konzentration natürlich. Die 21-Jährige studiert im 2. Semester Literaturwissenschaft. Zuvor hatte sie ein Semester lang Medienmanagement in Wiesbaden studiert. Da das Fach jedoch ungeahnt viel Betriebswirtschaft beinhaltete, brach sie den Studiengang ab. Warum sie sich nun ausgerechnet für das Studium der Literatur entschieden hat, weiß sie selbst nicht so wirklich. „Eigentlich lese ich überhaupt nicht gerne“, gibt sie offen zu. „Aber in Deutsch war ich in der Schule ganz gut“.

 

Kuhlmann ist keine Ausnahme

 

 

„Ich möchte nach dem Studium Journalistin werden. Ein Praktikum habe ich noch nie gemacht. Das kommt dann nach dem Bachelor“, erklärt Lisa Scholl, ebenfalls Studentin der Universität Siegen. Über die Berufschancen im Bereich des Journalismus hat sie sich nicht informiert. Zur Generation Y gehören allerdings nicht nur Studenten, sondern jene die laut Oxford Dictionary „in den 1980ern und 1990ern geboren wurden, primär die Kinder der Baby Boomers umfassend und typisch wahrgenommen als zunehmend vertraut mit digitaler und elektronischer Technologie“.

 

Der Begriff wird vor allem von den Medien verwendet. Hier wird er jedoch vor allem für die Entwicklungen von Berufseinsteigern verwendet, obwohl der Begriff des Oxford Dictionarys sich viel mehr auf den Aspekt der neuen Medien bezieht. Das „Y“, auf englisch „why“ ausgesprochen also das „warum“ bei der Generation Y steht für das Hinterfragen. Ob dieses Hinterfragen fehlt oder ob diese Generation nicht eher das aktuelle Berufsleben zu sehr hinterfragt, da streiten sich die Geister der führenden Medien. Doch steht dieses „warum“ nicht vielmehr für die Frage nach den beruflichen Werdegang? Fehlt dieser Generation etwa jegliches Interesse an Fachgebieten? Der Fachkräftemangel in Deutschland würde das jedenfalls bestätigen.

 

Auch Jenny Hackerl (Name von der Redaktion geändert) aus der Nähe von Koblenz sucht schon lange eine Antwort auf die Frage „Warum?“. Die 25-jährige hat eine Lehre als Fleischereifachverkäuferin abgeschlossen und dann unter anderem in einer Munitionsfabrik, als Kinderbetreuerin, beim Bäcker oder bei einer Reinigungsfirma gearbeitet. Aktuell ist sie arbeitslos. „Ich möchte gerne eine weitere Ausbildung machen. Allerdings weiß ich nicht, was mir Spaß machen könnte. Bürofachangestellte wäre vielleicht was. Da kann man den ganzen Tag im Büro sitzen und wird dafür auch noch bezahlt“. Sie grinst.

 

Wahlomat statt Meinung

 

 

Nicht nur die fachliche Interessen, sondern auch die Bildung einer eigenen Meinung scheinen dieser Generation zu fehlen. Die Wahlbeteiligung geht in den Keller. Anstatt sich durch die Auseinandersetzung mit Medien und den Wahlprogrammen selbst ein Bild über die Parteien und Politiker zu machen, gibt es für die mediale Generation Y einen einfacheren Weg: Der Wahlomat. Durch die Beantwortung einiger Fragen zu allgemeinen Themen wie etwa „Ist Ihnen Tierschutz wichtig?“, wird am Ende ein Prozentsatz sowie eine Partei vorgeschlagen. Die gegebenen Antworten harmonieren mit diesem Parteiprogramm angeblich am besten.

 

Y wie Youtube und „Yolo“

 

Jenny sitzt mit drei etwas jüngeren Freundinnen auf ihrer schwarzen Ledercouch und blickt auf ihren Fernseher. Es läuft „Pretty Woman“, die Szene in der die junge Julia Roberts dem rüstigen Richard Gere ihre bunte Kondomsammlung präsentiert. Jenny muss lachen. Doch sie lacht allein, denn ihre Freundinnen haben die originelle Szene verpasst. „Meistens bin ich die Einzige, die sich bei einem DVD-Abend noch den Film ankuckt. Die anderen sind mit ihren Handys beschäftigt. Da können wir das ganze eigentlich auch gleich lassen“, entnervt hebt die junge Frau ihre blonden Augenbrauen.

 

Generation Y, das heißt in diesem Sinne vor allem Y wie Youtube. Laut einer Studie, die das Bundesministerium für Gesundheit im Jahr 2011in Auftrag gab, gelten bundesweit insgesamt 560 000 Deutsche als internetsüchtig. Den größten Anteil haben hierbei die 14- bis 24-Jährigen. 2,4 Prozent sind süchtig und etwa 13,6 Prozent sind gefährdet. „Y“ steht aber auch für den Wahlspruch dieser Generation „YOLO – You only live once“. Man lebt nur einmal, das heißt für diese Generation: Party bis zum Abwinken. In ihrer Generation ist das „Koma-Saufen“ in ihren Kreisen quasi salonfähig geworden. Alles ist tolerierbar, denn man hat ja nur dieses eine Leben.

 

Der Berliner Rapper Friedrich Kautz alias Prinz Pi befindet sich mit seinen 34 Jahren in der Grauzone zwischen Generation Y und Generation X. Dennoch ist er ein beliebter Musiker der Jugend. “Mund auf, Alk rein, Trips rein, fick dein Leben! Als würde es Michaels Gesicht sein. Meide weichen Lichtschein, suche den Strobo, Geschlechtsteile kommen immer gut auf dem Foto!“ lautet sein trauriges Resümee in seinem Song „Generation Porno“. Die Hemmschwelle dieser Generation sinkt also nicht nur bei dem Konsum von Alkohol. Der neueste Trend vor allem bei Jugendlichen ist das sogenannte „Sexting“, bei dem sie via Smartphone Nacktfotos von sich versenden. Viele Jugendliche erkennen die Gefahr hierbei nicht: über die Handys verbreitet sich ein Foto rasend schnell, sodass oft bald die ganze Schule das Foto kennt. Immer wieder kursieren in der Bundes- und Lokalpresse Artikel über junge Mädchen, die sich aus diesem Grund das Leben nehmen.

 

Es gibt viele Betitelungen für die Generation Y, die meisten treffen zu. Inzwischen gibt es allerdings auch vehementen Widerstand seitens der Medien. Gegen das allgemein verbreitete Bild der „Weichei-Generation“, die desinteressiert und faul ist, wehrt sich Autorin und Journalistin Kerstin Bund vehement. In ihrem Buch „ Glück schlägt Geld. Generation Y – was wir wirklich wollen“ beschreibt sie, dass die Generation Y durch ihr Verhalten das Berufsleben revolutioniert. Da die Generation Y keine Leistung bringen will, muss sich nach ihrer Ansicht das Berufsleben anpassen. Das Glück der Generation Y sei der demografische Wandel und der damit einhergehende Fachkräftemangel. So seien Experten- und Projektlaufbahnen viel sinnvoller als das alte Leistungsprinzip. Eine Frage bleibt offen: Wie soll sich die Generation Y das nötige Fachwissen ohne Leistung und ohne Interesse aneignen?

 

Als die Vorlesung zu Ende ist, rafft Tina Kuhlmann geschwind ihre Schreibutensilien zusammen, um so schnell wie möglich dem muffigen Geruch des Hörsaals zu entfliehen. „Wir wissen eben noch nicht genau, wohin es gehen soll. Aber genau dafür sind wir doch jung.“, sie lächelt optimistisch. Ihre Gelassenheit ist verblüffend. Die Generation Y ist sorgenfrei, sie fühlt sich wohl in ihrer Haut. „Ich glaube, es sind die Erwartungen und der Leistungsdruck der anderen Generationen, die uns das Leben schwer machen. Also ich fühle mich wohl“, ihr Lachen erreicht nun auch ihre Augen. Leichtfüßig tänzelt sie aus dem Universitätstrakt ins Freie. Die Frage nach dem „Warum“ lässt sie hinter sich.

 

Bild: Lizenz: CC BY 2.0Quelle: flickr.com – Autor: N i c o l a – Titel: Kyle Canyon Road – IMG_1215

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