Herr Lehmann ist zurück Sven Regener widmet sich in "Wiener Straße" seiner bekanntesten Romanfigur

Sven Regener erzählt wie zuletzt in Der kleine Bruder in seinem fünften Roman der Reihe von Herrn Lehmann. Er entführt die Leser in den November 1980 nach Berlin. Die Wiener Straße liegt im Stadtteil Kreuzberg und bildet gleichzeitig den Titel der Geschichte. Natürlich kennen wir Frank Lehmann und sein Universum schon längst. Er ist neu in Berlin und erinnert sich an seinen bisherigen Wohnort in der Neuen Vahr Süd in Bremen. Nun aber muss er sich durch den kalten Berliner Winter schlagen und schließt sich einer chaotischen Truppe voller skurriler Typen an, die zukünftig sein Leben beeinflussen werden.

Entakademisierte Kunstszene(rie)

Die in der Nachbarschaft scheinbar in einem besetzten Haus lebende Kunsttruppe und deren chaotische Aktionskünstler nehmen mit ihrer Möchtegern-Galerie bei einer geförderten Kunstausstellung teil. Deren Akteure sind damit beschäftigt, die Galerie dilettantisch wie dreist als Kunstzentrum zu etablieren. Nicht nur Installationen und Performances gewinnen Kunststatus, sondern auch Gegenstände und Momente, die in einem Bild eingefroren werden. Die Simulation der angeblichen Hausbesetzerszene wird zu Kunst als ein Kamerateam anrückt und eine Fernsehreportage dreht. Dessen Journalist steigt quasi zum selbst ernannten Leiter der neuen Galerie auf. Eine Ambivalenz zwischen Leben und Kunst wird der Szenerie eingehaucht. Jeder kann ab diesem Zeitpunkt Künstler werden, auch ohne bildende Kunst studiert zu haben. Die Kunst ist geprägt von der Haltung des Punkrocks Ende der 70er Jahre. Als eine „Explosion der Arten“ bezeichnet Regener gerne die bunte Vielfalt der Künste. Schockierend, rätselhaft, aber genial zugleich.

Sven Regeners Aussagekraft

Der Autor beschäftigt sich mit Charakter- und Milieustudien aus dem Lehmann-Kosmos. Es gibt keine Hauptfigur mehr wie vorher stets Herrn Lehmann und auch keinen auktorialen Erzähler. Regeners Talent ist es, das Berlin vor der Wende so überzeichnet darzustellen, dass auch Neuberliner was zu lachen haben; so geht es schlagfertig mit Brachialhumor zur Sache. Der Ton passt wie die Faust aufs Auge. Beim Leser bleibt wegen der schrulligen Komik kein Auge trocken.

Der Autor haucht den Figuren aus seiner Feder in ihren Dia- und Monologen eine Seele ein. Obwohl die meisten von ihnen nicht aus Berlin stammen, berlinern die Einheimischen, was das Zeug hält. Seinen Bremer Dialekt lässt Sven Regener immer durchblicken. Dabei ist Regeners Sprache derbe, witzig und bizarr wie seine Figuren. Man begegnet Individuen und Gruppen, die Sven Regener wie in einer Comedy-Serie karikiert. Der Erfinder schlüpft in die Köpfe seiner Figuren und erleuchtet sie mit inneren Monologen, die prägende Eindrücke hinterlassen. Man merkt, wie er das Milieu, in das er vor vierzig Jahren in seiner Jugend selbst eintauchte, beeinflusst hat.

Soundtrack des endlosen Berlinerns

In der Erzählung liegt Anarchie in der Luft. Manch ein älterer Regener-Fan mag vielleicht wehmütig an vergangene Westberliner Zeiten zurückdenken, als man von Aushilfsjob zu Kunstprojekt pendelte, in den Tag hineinlebte und sich die Zeit redend vertrieb, was nicht zu vergleichen ist mit dem heute immer systematisierter werdenden Studienplan eines Kunststudierenden. Exakt diesen Sound fängt Regener von den Protagonisten auf dem Weg von der Kneipe zur Ausstellungseröffnung in die Galerie  ein. Eigentlich ist Wiener Straße ein Soundtrack des endlosen Berlinerns. Das Café lag in der Wiener Straße nah an der Mauer, als sie noch stand. Der Smog der kalten Tage im Herbst vernebelt Berlin komplett. So bleiben die Bilder des untergegangenen West-Berlins, der Wiener Straße dieser Zeit, dem Leser imaginär omnipräsent erhalten.

Die unendliche Geschichte

Der Autor Sven Regener ist Musiker der Band Element of Crime und Schriftsteller. Sein erster Roman Herr Lehmann (2001) verkaufte sich eine Million Mal. Es folgten Neue Vahr Süd (2004), Der kleine Bruder (2008), Magical Mystery oder: die Rückkehr des Karl Schmidt (2013), und letztes Jahr Wiener Straße.

Photo by Jessica Ruscello on Unsplash

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