„Heute wie damals“ Eine Abrechnung in vier Versen

Das merkwürdige Gedicht in den Siegener Stadtbussen ist eine lyrische Katastrophe. Höchste Zeit für eine gereimte Antwort, findet unser Autor.

Ohne Bus geht nichts im schönen Siegen. Mehrmals täglich findet man sich in irgendeinem Uni-Express, dem Evergreen C111 oder – wenn’s einen wohntechnisch ganz schlimm erwischt hat – sogar im ollen 106er wieder, jenem intergalaktischen Expeditionsprojekt und rollenden Beweis, dass Menschenleben auf dem Mars schon lange existiert. Wie dem auch sei: an das morgendliche Gruppenkuscheln, die sommerlichen Sauna-Besuche und das legendär freundliche Fahrpersonal haben wir uns alle längst gewöhnt. Nur eine Sache geht wirklich gar nicht: Dieses verdammte Gedicht, das als Aufkleber in gefühlt jedem einzelnen Stadtbus herumhängt.

Lyrische Bankrotterklärung im Land der Dichter und Buslenker

„Heute wie damals“, lautet der vielsagende Titel. Warum auch immer in Anführungsstrichen. Darunter ist das Bild eines Busses zu sehen, der vermutlich noch ein paar Jahre älter ist als die Krücken, die uns teilweise zur Uni bringen. Bisschen Sepia, bisschen Heritage – warum nicht? Doch dann fängt man an zu lesen. Hinter dem gereimten Text versteckt sich grob zusammengefasst die Message, im Bus nicht zu essen. Doch aus dem charmanten Versuch einer Alternative zum typischen Warnaufkleber in befehlendem Ton ist leider eine lyrische Bankrotterklärung geworden: „Wenn Eis und Fritten samt der Soße in Kurven hüpfen auf Nachbars Hose“ What? Da drücken Metrums-Fetischisten und Verfechter klassischer Reimschemata im Land der Dichter und Buslenker hektisch den Halteknopf. Oder schreiben eine Antwort – heute wie damals:

 

Gedichte liest man gern und viel,
zeugen sie doch von Charme und Stil.
Doch sieh, was ich ertragen muss
in jedem Sieg’ner Omnibus.

Mir geht es nicht um’s Eis im Wagen,
dem Genuss kann ich entsagen,
vielmehr steht die Frage an,
wie man nur sowas drucken kann

Metrum falsch und zweimal „Bus“,
nein, das ist kein Hochgenuss,
beim Lesen bricht, ganz ohne Scherz,
das Pein geplagte Dichterherz.

Drum geh’ ich jetzt zum Fahrer hin
und sag ihm, dass ich sauer bin
und sag, so wahr ich Jonas heiße:
WERNGroup, eure Rhymes sind Scheiße.

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6 thoughts on “„Heute wie damals“ Eine Abrechnung in vier Versen

  1. Der Titel „Heute wie damals“ kommt daher, dass genau dieser Text schon vor Jahrzehnten in den Siegener Omnibussen ausgehängt wurde.

  2. Mutig wäre es vom Magazin gewesen, das Unvollkommene des Gedichtes anzuerkennen. Irgendeine arme Bürowurst war damals, vor 30 Jahren oder so, kreativ, vermutlich innerhalb eines halben Tages.

    Das Ergebnis hält bis heute.
    Die Botschaft des Krüppelgedichtes kommt an.

    Immer muss alles perfekt sein, Studenten wie Profs wissen das zu gut. Kann man nicht einfach mal grinsend anerkennen, dass es da draußen auch noch ein paar normale Leute gibt?

    1. Die Aufforderung können wir nur zurückgeben: Kann man nicht einfach mal grinsend erkennen, dass der Autor sich aus der Sache einen Spaß gemacht hat? Die Kritik ist sicherlich überspitzt, aber sie will sich lediglich humorvoll mit einem Gedicht auseinandersetzen, über das sich sicher jeder Siegener mindestens einmal in seinem Leben gewundert hat. Das Ganze ist keine Aufforderung, das Gedicht aus den Bussen zu entfernen oder ihm seinen gewissen Kult-Status abzusprechen. Aber nur weil etwas alt ist, kann man es doch trotzdem kritisch-ironisch betrachten.

      1. Wenn es ein Spaß war, solltet ihr keine Kampfbegriffe wie „Abrechnung“ oder „Bankrotterklärung“ im Artikel nutzen.

        Der Rückzieher jetzt ist halbherzig. Ihr habt einen Verriss geschrieben. Kann man machen.
        Aber auch anders sehen.

      2. Der „Rückzieher“ ist mir an dieser Stelle wirklich nicht ersichtlich. Ist halt eine Parodie. Ich überlege sogar gerade, ob ich soweit gehen soll, mir an dieser Stelle Satire auf die Fahnen zu schreiben. Ich glaube schon.

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