Hyggelig, hyggeliger, am hyggeligsten Die dänische Glücklichkeitsphilosophie und wie sie im Buche steht

Der Trend um das dänische Lebensprinzip Hygge scheint gerade eine neue Blütezeit zu erleben. Dekorationsgeschäfte bieten en masse mit „Hygge“ beschriftete Postkarten, Trinkbecher und Kuscheldecken an. Ein kleiner Einblick in die Bedeutung der Mentalität und wie sie heute instrumentalisiert wird.

Ein How-To zum Glücklichsein

Die meisten Produkte, die unter dem Motto „Hygge“ verkauft werden, bieten Kunden in der Produktbeschreibung eine kleine Erklärung des Wortes. Denn so allbekannt ist der Trend dann doch nicht, obwohl der Begriff im vergangenen Jahr auch im Duden aufgenommen wurde: Hygge ist ein Gefühl der Gemütlichkeit – die „Heimeligkeit als Lebensprinzip.“ Der Trend fungiert hierbei nicht nur als Ausgleich zum Fitnesstrend, bei dem das körperliche Aktivsein im Vordergrund steht, sondern sieht sich zudem als Gegenbewegung zu der heutigen Schnelllebigkeit und Wegwerfkultur. Nachhaltig, einfach und gesund – so könnte sich die Hygge resümieren lassen. Die drei Prinzipien umfassen hierbei das gesamte Leben im trauten Heim: Essen, Schlafen, Freizeit, Mobiliar und Dekoration.

Regelkonforme Gemütlichkeit

Als Sinnbild für Gemütlichkeit vermarkten viele Ratgeber die Hygge als einen Leitstern zum Glücklichsein. Schon der Psychologe und Bestsellerautor Dr. Hendrie Weisinger definiert in seinem Werk The Genius Of Instinct das Verlangen nach einem Zuhause als einen der sechs Grundbedürfnisse des Menschen. Das Heim als Rückzugsort und Energiequelle sei daher unablässig für diejenigen, die ein erfüllteres Leben suchen. Und genau hier setzen die Hygge-Ratgeber an: die Heimeligkeit als Türöffner zu einem ausgeglicheneren Leben – und diese erreicht man nur unter Anleitung. Fraglich, denn weiß ich nicht am besten, was mich glücklich macht und wie ich es mir gemütlich mache? Brauche ich wirklich eine Anleitung dazu, wie ich mich zu Hause wohlfühle? Und ist Gemütlichkeit nicht ein unglaublich subjektives Gefühl? Die Antwort eines jeden Ratgebers auf die Diversität eines hyggeligen Lifestyles: „Hygge ist das, was Du daraus machst.“ Jedoch stößt auch diese Aussage auf ihre Grenzen!

Kerzen: hyggelig. Flauschige Decken: hyggeliger. Kuscheln: am hyggelisten. Intensive Gespräche über Politik: unhyggelig! Im Universum der Hygge-Magazine finden umstrittene Diskussionsthemen keinen Platz, da sie zu großer Wahrscheinlichkeit die Gemütlichkeit des Moments zerstören würden. Da kann die Couch noch so komfortabel sein. Und was ist mit dem allseits geschätzten Joint auf der Homeparty? In vertrauter Gesellschaft und entspannender Musik ist er für viele eine willkommene Abwechslung zum stressigen Arbeitsalltag. Wäre dies nicht auch im Sinne von Hygge? Die Ratgeber schweigen.

Hygge: ein Verkaufsargument

Stattdessen wird die Aufmerksamkeit des Lesers immer mehr auf die Innendekoration gelenkt. Die Fotos der Ratgeber zeigen Geschirr aus Steingut in kühlen Blautönen, schlichte Designerbetten aus Holz und Zimmerlampen, die in einem spärlich – aber hochwertig – dekorierten Raum den Minimalismus beleuchten. Weg vom schwedischen Billig-Mobiliar, hin zu trendigem Hausrat aus Dänemark.

Und schon sind wir zurück bei dem schnellen Konsumverhalten, das heutzutage durch kurzlebige Trends begünstigt wird und das der Hygge-Trend angeblich zu vermeiden versucht. Denn auch Hygge wechselt seine Trendfarben von Jahr zu Jahr, so wie es die Ratgeber präsentieren. Demnach werden in regelmäßigen Abständen bestimmte Möbelhersteller besonders hervorgehoben und einige Geschirrmarken ausführlicher beschrieben als andere. Kann so ein widersprüchlich dargestelltes Lebensprinzip denn überhaupt Beständigkeit behaupten?

Hygge ist das, was wir daraus machen. Tipps und Gedankenanstöße, was genau wir aus der dänischen Glücksphilosophie zaubern können, finden wir in zahlreichen Hygge-Ratgebern. Nur ist die Grenze zwischen Inspiration und Marketing nicht wirklich transparent und so kann die Hygge als eine Werbeplattform missbraucht werden. Vielleicht sind wir am Ende am hyggeligsten, wenn wir uns nicht allzu sehr auf die Ratgeber verlassen.

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