„I am a poet and I know it“

Dass Bob Dylan im Dezember letzten Jahres nicht persönlich in Stockholm erschien um seinen Preis entgegenzunehmen war keine große Überraschung. Falls er aber die 870.000 US Dollar Preisgeld abgreifen möchte, erwartet die Akademie bis zum April 2017 eine Rede vor Publikum in Schweden. Die Entscheidung der Jury einem Musiker den Literaturnobelpreis zu verleihen war umstritten und nicht ohne Eigennutz.

Kaum ein Künstler schafft es in seinem Œuvre, Literatur und Musik so eng miteinander zu verknüpfen wie Robert Allen Zimmermann. Die Inspiration auf sein Werk reicht von der griechischen Antike, über die Bibel, Shakespeare bis hin zu Brecht und vor allem beeinflusste ihn die moderne Beatliteratur um Allen Ginsberg und Jack Kerouac. So lassen sich spätestens seit Mitte der 1960er Jahre literarische Bezüge in Metaphorik und Schreibstil seiner Texte nicht mehr leugnen. Dies soll jedoch keinesfalls so verstanden werden, als klaube Dylan Zitate der Weltliteratur zusammen, um uns schließlich mit den Fetzen seiner Lieblingsbücher zurückzulassen.

Statt einer uninspirierten Collage neben dem Ikearegal, malt Bob Dylan komplexe Bilder, die mal direkt, abstrakt bis bizarr dann komisch-tragisch daherkommen. Aber immer zum Thema haben sie den Menschen und was ihn umtreibt. Sein Meisterstück dieser Art wird sehr wahrscheinlich der 11 minütige und damit sein drittlängsten Song Desolation Row auf dem Album Highway 61 Revisited sein. Schon der Titel liest sich als Hommage an Jack Kerouacs Desolation Angel und John Steinbecks  Cannery Row.

In 120 Versen werden wir durch einen  Bewusstseinsstrom auf  einen Trip inmitten der surrealen Desolation Row genommen. Romeo hat ein Auge auf Aschenputtel geworfen, ein als Robin Hood verkleideter Albert Einstein schnorrt um Kippen und irgendwo in der Ecke steht Sigmund Freud.

Ein Setting, das eher nach Oberstufentheater auf LSD klingt, wird zu einem eng verwobenen Netz,  in dem die Dichte an Metaphern niemals erdrückend oder gar plump wirkt. Die Desolation Row als Refugium aber auch ein Ort der Gefahr. Inmitten staatlicher Schlägertruppen, Gesetzloser, Mörder und Liebender entsteht eine Atmosphäre irgendwo zwischen Naked Lunch und  Hieronymus Boschs Garten der Lüste.

Auch ohne lineares Narrativ nimmt sich Dylan Zeit seine Geschichte zu erzählen und das ist ziemlich mutig, bedenkt man, dass er sich auf 11 Minuten mit drei Akkorden zufrieden gibt und bis auf ein Solo mit der Mundharmonika auf jeglichen Schnick Schnack verzichtet.

Auf dem zuvor im selben Jahr erschienen Album Bringing It All Back Home (1965 ) verbindet Dylan auf Titeln wie Subterreanean Homesick Blues die Protesthaltung des Folk mit der elektrischen Gitarre des Rock ’n‘ Roll. Viele seiner Fans ächten ihn daraufhin als Verräter, obwohl ihnen soeben der komplette Zeitgeist ihrer eigenen Jugendkultur durchs Hirn gepustet wurde. Die Texte sind bereits deutlich vom Beat beeinflusst und bei It’s alright ma (I am only bleeding) verschwimmt die Grenze zwischen spoken word und Chuck Berrys Rock ’n‘ Roll Poetry. Doch macht das einen Musiker automatisch zu einem Poeten?

„Yippee! I’m a poet, and I know it. Hope I don’t blow it.“, singt Dylan auf I shall be free No. 10 (1964) und meint es selbst nicht so ganz ernst. Darin liegt auch gar nicht das Problem, sondern hängt es viel mehr mit einer zu eng definierter Rahmung zusammen, die seit der Moderne Literatur stets mit Verschriftlichung gleichsetzt. Die Musik offenbart sich schlicht als weiteres Medium wie es Papier oder ein Bildschirm eben auch sind. Durch die reine Vokalisierung wird ein Text ja auch nicht zu weniger Literatur als er vorher war ebenso wenig verliert ein Drama bei seiner Aufführung an literarischer Qualität. Deswegen wurde Dylan ja nicht für seine Prosagedichte, wie in dem Buch Tarantula, geehrt, sondern für seine von der Musik untrennbaren Lyrik, die es nur als Gesamtkonzept gibt.

Trotz der umstrittenen Entscheidung, war der Schritt der Akademie nicht ganz so subversiv wie vielleicht angenommen. Natürlich hilft die Vergabe des Preises an einen Künstler wie Dylan Aufmerksamkeit zu generieren und das angestaubte Image abzuwerfen. Vor 20 Jahren, als Dylan das erste Mal im Gespräch für den Preis war, wäre die Entscheidung noch mutig gewesen. Jetzt wirkt es nur noch so als wolle sich der Preis mit Dylan schmücken und nicht umgekehrt. So ist es auch völlig in Ordnung, dass er der offiziellen Verleihung fern geblieben ist, besonders da Bob Dylan schon des Öfteren von der Bildfläche verschwand, bevor er zu einer neuen Identität transformiert wieder auftauchte. Wir können gespannt sein, welchen Geschichten wir in Zukunft lauschen dürfen.

 

 

 

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