Ich schlafe mit Justus, Peter und Bob.

Robert Arthur hatte wohl nicht die geringste Ahnung, welche Welle er auslösen würde, als er 1964 den ersten Fall der drei Fragezeichen („…und das Gespensterschloß“) niederschrieb –  zumindest in der Bundesrepublik. Seit 1993 die Reihe in den USA eingestellt wurde, setzen deutsche Autoren das Erbe fort. Neben den Büchern erfreuen sich allerdings die bereits ab 1979 adaptierten Hörspiele riesiger Beliebtheit. Mittlerweile wurden über 45 Millionen Tonträger verkauft und zweimal im Jahr erscheint eine neue Episode, von denen in der Regel 80.000 bis 100.000 Exemplare über die (virtuelle) Ladentheke gehen. Die 185. und aktuellste Folge “ Die drei Fragezeichen und der Mann ohne Augen“ erschien dieses Jahr im Januar.  Neben den Büchern und Hörspielen gibt es mittlerweile riesige Liveshows, zwei Kinofilme (määh), Vollplaybacktheater (määäääääh) sowieso PC-Spiele und Handyapps. Mein Herz gehört aber unangefochten den Hörspielkassetten.

„Waaaas, du hörst TKKG??“ Zack! Schon in der Grundschule war ich bekannt und berüchtigt für meine radikale Engstirnigkeit in Sachen Hörspielvergnügen. Das sanfte, aber doch bestimmte Klatschen meiner Respektschellen war über den ganzen Schulhof zu hören, denn sollte jemand ein schlechtes Wort über die drei Jungs aus Rocky Beach verlieren, hatte er es nicht anders verdient. Mit dem Alter hat sich meine Legia Warschau-Ultra-Attitüde zugunsten von Weisheit und Toleranz gewandelt, aber noch immer läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn Menschen erzählen, sie hätten nie Die drei Fragezeichen gehört, oder gar TKKG oder die Fünf Freunde zu ihren (Kinder)Helden auserkoren. Unverständnis meinerseits, haben die Abenteuer von Justus, Peter und Bob mich doch mein ganzes Leben begleitet und tun es heute immer noch.

Meinen ersten Kontakt zu den Dreien hatte ich ungefähr 1995/96. Meine Großeltern waren zu Besuch und ich durfte mir beim Einkaufen irgendetwas aussuchen. Geil! Die Wahl fiel auf eine Kassette, deren Cover ein bunter Vogel zierte. Um genauer zu sein, ein Mynah, „eine besondere Starenart, die in den Tropen vorkommt“, wie Justus im Laufe der Folge richtig erkennt. So hielt ich wenige Minuten später mein und auch das erste Hörspiel der drei Fragezeichen („…und der Superpapagei“) in den kleinen Händen. Ich hatte keine Ahnung, um was es sich handeln mochte, so hatte doch nur mein damaliges Faible für Vögel die Wahl getroffen.

Zuhause angekommen habe ich spätestens nach der ersten Seite und dem damit verbundenen Klicken des Kassettenrecorders begriffen, dass ich soeben meinen persönlichen Heiligen Gral entdeckt hatte. Da nicht nur ich so fühlte, sondern sich auch schnell meine Eltern nebst Schwester von den Abenteuern der drei Junior-Detektive affiziert sahen, dauerte es nicht lange bis alle bis dahin verfügbaren Folgen ordentlich in Schuhkartons einsortiert waren. Aufnahmen der Sozial-Legastheniker von TKKG, die ich geschenkt bekam (danke Onkel Theo…), wurden zwar rezipiert aber niemals akzeptiert. Ein transplantiertes Organ, das vom Körper abgestoßen wird. Ich hatte keinen Bock auf vier halbstarke, die ihren eigenen Freundeskreis in eine Zweiklassengesellschaft teilen und von einem patriarchalischen Häuptling angeführt werden, für den Selbstjustiz, Mobbing sowie Gewalt im Allgemeinen ein adäquater Lösungsansatz in allen Lebenslagen sind. Die Verbrecher, denen die Jungs und Mädchen von TKKG hinterherjagen, haben häufig einen migrantischen oder subkulturellen Hintergrund und auch sonst lässt es sich die Bande nicht nehmen, allerhand unangebrachte Kommentare vom Stapel zu lassen („Das haut den stärksten Neger aus der Weltraumkapsel“), um die Zeit bis zur Ergreifung des Bösewichts (Russe, Araber, Punker, Zigeuner, Italiener, Chinese) zu überbrücken. Ich habe es nie geschafft, richtig in die Welt einzutauchen. Zu düster und trostlos schien mir die Millionenstadt von TKKG.

In Kalifornien dagegen scheint erstens immer die Sonne und zweitens ist es auch tatsächlich möglich ohne Stereotype und dafür mit einem komplexen Plot Hörspiele zu inszenieren. Allein der 100. Fall „Die drei Fragezeichen und die Toteninsel“ wird auf drei Kassetten erzählt und ich könnte mir die Folge jeden Sonntag reinziehen, ohne einmal die Augen zu verdrehen. Als sie nach Mikronesien reisten war ich dabei und auch in Mexiko.  Ein Universum wurde geschaffen, in dem immer wieder auf Personen, Orte und Handlungsstränge Bezug genommen wird und doch steht jede Folge für sich. Verknüpfungen entstehen ungezwungen und ohne diese Art von abstrakt lächerlicher Zusammenführung aus der Not heraus. Die Menschen, die zu einem Fall der drei Fragezeichen werden, sind nicht nur eindimensionale Klischees sondern haben stets einen gezeichneten Charakter, der Empathie und Nachvollziehbarkeit zulässt. Ob der französische Kunstdieb Victor Hugenay samt seiner Gehilfin Brittany oder ihr Erzfeind Skinny Norris. Sie alle stehen in einem ambivalenten Verhältnis zu den Detektiven und so auch zum Zuhörer. Die drei Freunde agieren auf einem Level, das (soziale) Intelligenz, Charme, den Spaß am Lösen von Rätseln und ein Hauch Chuzpe miteinander verbindet. Aber auch sie machen Fehler und geben sich Emotionen und Gefühlen hin, während andere wie Roboter daherkommen, denen man Verhaltensmuster, Rollenfügung und Denkweise einprogrammiert hat. Ich nehme an, ihr wisst von wem ich spreche.

Irgendwann kam die Zeit, in der ein prä- bis postpubertärer Coolnessfaktor entscheidend für den eigenen sozialen Status wurde. Dieser Faktor generierte sich nicht unbedingt aus dem Konsum von Jugendhörspielen, die damals ungefähr so lässig waren wie Bart Simpson Socken. Ich war vielleicht 13 oder 14, als ich zusammen mit meiner Mutter und Schwester nach Aachen fuhr, um zum ersten Mal Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich, die Sprecher der drei Fragezeichen, live zu sehen. Als meine Mutter auf dem Weg einen jungen Mann, ich vermute er war oder ist immer noch Student, nach dem Weg zum Audimax fragte, wäre ich fast gestorben vor Scham. Irgendwie ließen sich Nirvana, zu große Bandshirts und zur Schau gestellte juvenile Depression nicht mit vorgeblichem Kinderamüsement vereinbaren. Im Audimax angekommen, musste ich feststellen, dass ich mitunter der jüngste der knapp 800 Besucher war, was mich einerseits irritierte, aber auch beruhigte.

Auf der Rückfahrt im Auto hörten wir uns die frisch erworbene CD natürlich direkt nochmal an („Master of Chess“). Dass ich an diesem Abend drei Herren Anfang 40 gesehen hatte, wie sie meinen Helden ihre Stimmen liehen, hat meine Imagination aber keinesfalls getrübt. Zu viel hat uns schon verbunden und haben wir zusammen erlebt, als dass ich enttäuscht und einer Illusion beraubt nach Hause gefahren wäre. Mit einem Funken Selbstironie und der Gewissheit einer riesigen Fangemeinde im Rücken war der Schritt auch nicht allzu groß. Seit diesem Tag habe mich auch nie mehr für meine Freunde Justus, Peter und Bob geschämt. Knapp 10 Jahre später habe ich die Drei nochmal mit 10.000 anderen in Dortmund gesehen. Die Leute sind ausgerastet als wären die Fruchtsaftgetränke mit MDMA versetzt.

In zahlreiche Episoden meines Lebens hat mich die Serie begleitet. Manche Menschen legen vielleicht Marvin Gaye oder Barry White auf, ich für meinen Teil hatte das erste Mal Sex zu den „drei Fragezeichen und der Höhlenmensch“ und bin verdammt stolz drauf. Die Reihe ist mehr als nur nostalgisches Schwelgen in Erinnerungen, sondern ein Gefühl von Unbeschwertheit und irgendwie auch Urlaub. Wie dieser schöne Duft, den du längst vergessen hast, und der dich, wenn du ihn wieder riechst, zurück in den schönen Sommer vor 5 Jahren katapultiert. Niemals mehr möchte ich den Schrottplatz mit dem ausrangierten Wohnwagen, einem schrillenden Telefon und dem Krächzen von Blacky dem Papagei, der eigentlich ein Star ist, vermissen.

 

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