Immer gleiten dieselben Filter vorüber Der mythologische Narziss als Sinnbild digitaler Kulturkritik

Wenn bei André Gides Narziss-Interpretation von einem Traktat die Rede ist, tritt recht schnell zu Tage, dass das, was folgt, ideeller Natur entspringen muss. Vielleicht sogar einem Missionierungsbestreben. Dass sich der mythologische Narziss ebenso wie die Textform aus der Antike erhoben, scheint in diesem Fall v.a. deshalb zweitrangig, weil der Autor egomanische Selbstverliebtheit als Signum der modernen Gesellschaft verurteilt. Interessanter noch: Gide antizipierte das, was wir heute unter Selfie-Culture verstehen. Der Mythos von Narcissus dient hier gut und gerne als Blaupause. Dabei mutet Gides Anprangerung sehr eindringlich wie bildhaft an. Ovid, Urheber der mythologischen Sage, wird sich im Grab umgedreht haben.

„Das Volk staunte, […] betete an, ohne zu verstehen […].“ Was sich wie die degenerierte Formel einer Gesellschaft lesen lässt, die sich – absolut sinnentleert, gleichsam unreflektiert – einen modernen Götzen (wer oder was auch immer das sein mag) erschaffen hat, wird vom französischen Schriftsteller André Gide als Ausgangspunkt einer kulturkritischen Bestandsaufnahme entfremdet, für die er mustergültig die mythologische Sage des Narziss adaptiert und sie entsprechend seiner Kritik anzupassen versteht. In jenem vorangestellten Satz wird gleichwohl das Topos vermeintlich willkürlicher Fremdbestimmung sichtbar. Der Gedanke an die gegenwärtige Wichtigkeit objektiver Resonanz in sozialen Netzwerken ist unweigerlich. Ob die Menschheit wohl aus diesem Fehler zu lernen imstande ist? Gides Antwort fällt dahingehend nüchtern aus: „Alle Dinge sind bereits gesagt; aber niemand hört zu; und so muß man immer von neuem beginnen.“ #alleswiegehabt.

Narziss jedoch bekleidet in diesem Zusammenhang möglicherweise die Rolle eines im Kant´schen Sinne aufgeklärten Subjekts, würde er bloß nur seine strategische Herangehensweise an jenes Vorhaben außenperspektivischer begreifen. Für Gide steht zweifelsfrei fest, dass es Narziss im Zuge seiner kontemplativen Lebensführung v.a. darum geht, tieferen und weitreichenderen Sinn zu erkunden; er will die „Form seiner Seele kennen.“ Dumm nur, dass ihm seine Anmut dazu verleitet, sämtliche Erkenntnis in sich selbst ausmachen zu wollen, nicht aber in all den Dingen, die seiner ausgemachten Lebensmaxime allesamt eines voraus haben: sie projizieren mehr als lediglich ihn selbst, geben Auskunft über mehr als einfach nur sein eigenes Antlitz. #noselfieneeded.

Vormarsch des kuratierten Selbst

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Narziss – just in der Sekunde, in der er sich über seine eigene Makelhaftigkeit bewusst wird –  an derselben zugrunde geht. Auch wir repräsentieren im Regelfall unser digitales Selbst nur insoweit, als dass wir voll und ganz über die Kuratierung unserer selbst verfügen können. Selbst das Popeln in der Nase oder die Offenbarung nächtlicher Schlaffalten wird inszeniert. Spontanität bedeutet Kontrollverlust. Dies gilt es zu vermeiden. #souveräneselbsterniedrigung.

Gide versteht es derweil ausgesprochen gut, Egomanie und Selbstvernarrtheit zu verurteilen. Ihm gilt es als Herzensangelegenheit, Liebe außerhalb sich selbst zu suchen. Der Spiegel und die sich hierin befindlichen Projektionen erweisen sich offenbar als Trugbilder. Bloß, dass uns Narziss eines voraus hatte: er brauchte definitiv #nofilter.

Die Rede ist vom „lethargische[n] Kanal“, sofern das Spiegelbild nichts weiter als müde Genügsamkeit formuliert, ohne jeden Anflug von externer Neugier. In jener Lethargie verfliegt die Zeit ungeachtet. Das Narrativ der Vergänglichkeit ist omnipräsent, jedoch auch unbeobachtet. Wie ironisch. Kaum verwunderlich ist es also, dass eigene Wertschätzung immer ausschweifender im Kontext ihrer eigenen Potenzierung stattfindet. Gide legt uns nahe, dass sich Narziss ein Paradies erträumt, um einem solch zermürbendem Wettlauf entkommen zu können. Entgegen der Überlieferungen, die uns die Geschichte des mythologischen Narziss erzählen, entgegen all dem, was sich gleichsam auf die moderne Gesellschaft übertragen lässt, bleibt ein Zustand der Unbeweglichkeit, eine kühle Starre, die ausschließlich von unsichtbaren Kanälen barrierefreier WLAN-Verbindungen erhitzt wird. #uneingeschränktesdatenvolumen.

Bleiben wir zuletzt bei der Spiegelmetapher. In ihr manifestiert sich Beständigkeit, bricht jedoch auch im selben Moment zusammen, da die fortwährende Introspektion solche Veränderungen herbeisehnt, die mit einer Erwartungshaltung korrespondiert, die gewissermaßen absurd scheint.

Textquelle: Raimund Theis (Hrsg.), Peter Schnyder (Hrsg.): André Gide: Traktat vom Narziß – Theorie des Symbols. Aus dem Französischen übertragen von Christiane Brockerhoff. S. 155–167.

Bildquelle: CC0 Public Domain zur freien und kommerziellen Nutzung; gefunden auf pixabay.

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