Kolumne: Nachgetreten

Viel Unsinn passiert in der Welt und darauf muss hingewiesen werden. In der Kolumne „Nachgetreten“ werden wir, die Autoren vom mediaZINE, unsere Meinung zu Entwicklungen in Politik und Gesellschaft kundtun und dabei kein allzu großes Blatt vor den Mund nehmen. Von Aaron Sayko.

 

Eines kann man sicherlich jetzt schon sagen: Viele werden Griechenland für immer mit der Finanzkrise verknüpfen, der Ton zwischen Deutschland und Griechenland wird rauer. Da lohnt es sich, noch einmal genauer ins Bewusstsein zu rufen, was überhaupt geschehen ist, bevor man als Deutscher in den Chor der Entrüsteten mit einstimmt. Zunächst, dass Griechenland überhaupt in die Eurozone gekommen ist, war schon ein Fehler, denn das Land hatte die Voraussetzungen dazu gar nicht erfüllt. Dass es trotzdem dazu kam, ist Bilanzfälschung und vielen zugedrückten Augen zu verdanken. Dazu kommt noch die Korruption, die es in Griechenland nicht erst seit gestern gibt: Schon mal von der ‚Insel der Blinden‘ gehört? Oder von Verstorbenen, die immer noch Rente beziehen? Das alles sind tatsächlich Probleme, die in Griechenland bis heute kein Politiker beseitigt hat. Warum eigentlich nicht?

 

Vor ziemlich genau fünf Jahren, die Finanzkrise war schon im vollen Lauf, da wurde auch der breiten Öffentlichkeit bekannt, dass Griechenland in tiefem finanziellem Schlamassel steckt. Seitdem hören und lesen wir regelmäßig in den Medien von Hilfspaketen und Schuldenschnitt für die Griechen. Finanzminister und Staatschefs ackern bis zum Umfallen, um dem Euro und den betroffenen Ländern aus der Krise zu helfen. Doch die Griechen, die die Entbehrungen der Helfer nicht zu schätzen wissen, wählen im Januar 2015 einfach eine Regierung, die Schluss machen will mit dem Hilfsprogramm.

 

 

Falsches Bild der Lage

 

So oder so ähnlich muss das Bild wohl sein, das viele Deutsche von den Griechen haben, immerhin schwindet  die Geduld mit ihnen. Doch so simpel wie oben beschrieben ist es gar nicht und so entsteht Zorn zwischen Völkern, wo keiner sein sollte. Das größte Missverständnis ist dabei ein ganz einfaches, aber eines mit großer Wirkung: Wenn Politiker vom Rettungspaket für Griechenland gesprochen haben, haben sie damit womöglich bewusst eine schwammige Formulierung benutzt. Das Geld fließt nämlich zwar nach Griechenland, ist aber nicht als Hilfe für die Menschen vor Ort gedacht. Es ging an griechische Banken und wenn wir aus der Finanzkrise eines gelernt haben, dann dass das Problem einer Bank das Problem vieler Banken ist. Somit sind die Hilfszahlungen aus Deutschland besonders als Hilfe für deutsche Banken gedacht. Dafür erwartet man in Berlin Applaus aus Griechenland. Für diejenigen, die den Schaden verursacht haben, wird also bedingungslos Geld zusammengekratzt von dort, wo sowieso schon das Geld fehlt. Stichwort: „systemrelevant“ und „too big to fall“.

 

Es gibt zwei Probleme, die zusammenhängen, aber nicht dasselbe sind: Einerseits dasjenige, das den Euro als Währung betrifft und andererseits die finanzielle und wirtschaftliche Situation der einzelnen europäischen Ländern. Natürlich ist damit zu rechnen, dass es den Griechen hilft, wenn es dem Euro nicht noch schlechter geht. Wenn diese Hilfszahlungen also nicht direkt den Hellenen zugute kommen, dann indirekt. Theoretisch. Vielleicht. Wer kann und will schon vorhersagen, wann die Finanzkrise überwunden ist? Sobald es den Banken gut geht, so hofft man, wird es auch der Wirtschaft und den Menschen wieder besser gehen.

 

Versuch, sich in Lage der Griechen zu versetzen

 

Was die Griechen und ihre neue Regierung also verlangen, ist nichts weiter, als dass die Hilfe aus dem Ausland etwa der Suppenküche in Athen zukommt. Die gesellschaftlichen Folgen in Griechenland sind alarmierend, es sei an dieser Stelle darauf verzichtet, die aktuellsten Zahlen der Arbeitslosenquote, Suizide oder Kindersterblichkeit anzuführen. Eine weitere Forderung der griechischen Regierung war, die Troika umzubenennen. Troika, das ist die Gruppe von Bürokraten, von Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Kommission auch nach Athen entsandt, um der griechischen Regierung beizubringen, wie man effektiver Geld spart. Diese Angelegenheit ist zu unbedeutend, als dass man sich erst überlegen sollte, ob man dieser Bitte nachkommt. Die Medien lieben prägnante Begriffe, die sich leicht einprägen und es war nun irgendwie naheliegend, einen griechischen zu nehmen. Aber es soll unter den Menschen über 6000 Sprachen geben, warum also nicht mal in Sprachen wie der mongolischen oder der ungarischen stöbern?

 

Wer es immer noch nicht schafft, den Griechen für ihre Lage Verständnis entgegenzubringen, dem sei angeraten, sich einmal vorzustellen, Deutschland gehe es anstelle von Griechenland derart schlecht. Aus dem Ausland kommen Forderungen an das eigene Land, Sparmaßnahmen einzuleiten und die Regierung macht es auch noch: Renten und Gehälter werden gekürzt, viele Arbeitnehmer entlassen. Firmen und Geschäfte gehen pleite, auch hier wird gekürzt und entlassen. Sie haben Ihren Job behalten? Seien Sie froh, dass Ihnen bloß das Gehalt gekürzt wurde. Nur leider können Sie sich nicht einmal mehr vom Nötigsten alles leisten: Miete, Strom, Gas, Wasser. Also sparen Sie auch hier, aber woran? Strom? Dann wird es ab dem Abend duster in der Bude. Wasser? Lieber auch nicht, wenn man ehrlich ist. Zur Suppenküche zu gehen und sich dort eine kostenlose Mahlzeit zu holen, kostete Sie zwar einiges an Überwindung, aber Sie konnten immerhin die Kosten für Lebensmittel drücken.

 

Erst wenn Sie dieses Schicksal vieler Griechen kalt lässt und bereit wären, unter diesen Bedingungen zu leben, können Sie Ihr Unverständnis für die Griechen weiterhin pflegen. Es ist ja auch nicht so, als seien Sie unser Feind, ausgelöst haben die Finanzkrise ja schließlich andere. Beherzigen Sie in Zukunft also eines: Treten, ja. Aber nicht nach unten. Es trifft die, die ebenfalls nichts verbrochen haben. Was muss nun geschehen? Sowohl Geldgeber als auch Griechenland müssen sich bewegen. Besonders die neue griechische Regierung sollte einsehen, dass eine Privatinsolvenz (denn nichts anderes ist es im übertragenen Sinne) nicht nur für Griechen keine Situation ist, die Stolz hervorruft. Es ist gängige Praxis, dass da einem der Gürtel enger geschnallt wird. Die griechische Regierung muss die eingangs erwähnten Missstände im Land beseitigen und Gesprächsbereitschaft zeigen, denn über die einzelnen Sparmaßnahmen darf und muss ja diskutiert werden. Womit wir zu den Geldgebern kommen: Ein klar formuliertes Ziel muss in Zukunft sein, nicht nur der Finanzwelt, sondern auch der realen, griechischen Welt zu helfen. Nur so entsteht wieder Wirtschaftskraft, die Steuereinnahmen generiert.

 

Bild: Songkran, flickr

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