Je suis charlie

Manchmal ist weniger mehr

In der Kolumne „Nachgetreten“ äußern die Autorinnen und Autoren des MediaZINEs ihre Meinung zu aktuellen Themen in Politik und Gesellschaft. Diese Woche: Ein Kommentar zum Anschlag auf Charlie Hebdo und was davon bleibt.

Fast vier Monate sind seit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 mit 12 Toten in Paris nun vergangen. Die Anteilnahme an diesem tragischen, markerschütternden Ereignis war groß. Laut Staatspräsident François Hollande sei Frankreich an diesem Tag in seinem Herzen getroffen worden. Für unser französisches Nachbarland war es der schwerste Anschlag seit mehr als vierzig Jahren. In der Türkei droht zwei Journalisten nun eine Gefängnisstrafe von bis zu viereinhalb Jahren. Ihnen wird vorgeworfen, den öffentlichen Frieden gefährdet und den Islam sowie den Propheten selbst beleidigt zu haben, weil sie unter anderem die Mohammed Karikatur der ersten Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Anschlag abdruckten.

 

Die Redaktion um den ehemaligen und beim Anschlag getöteten Chefredakteur Stéphane Charbonnier, alias „Charb“, sah sich immer als Vertreter der Presse- und Meinungsfreiheit. Bereits 2011 wurde auf die Redaktion von Charlie Hebdo ein Anschlag verübt, seitdem stand sie unter Polizeischutz. Der Zeitung Le Monde sagte Charb einmal: „Ich habe keine Kinder, keine Frau, kein Auto, keine Schulden. Das klingt jetzt sicherlich ein bisschen schwülstig, aber ich sterbe lieber aufrecht, als auf Knien zu leben.“

 

„Je suis Charlie“

 

Sich für die Meinungs- und Pressefreiheit einzusetzen, ist unabdingbar. Das zeigt zum Beispiel das Schicksal des Bloggers Raif Badawi, dessen Strafe sich auf 1000 Peitschenhiebe, eine hohe Geldstrafe und 10 Jahre Haft beläuft, weil er Kritik an der saudi-arabischen Politik und dem Islam übte. Ein noch aktuellerer Fall ist die Verurteilung der chinesischen Journalistin Gao Yu zu sieben Jahren Gefängnis wegen des angeblichen „Verrats von Staatsgeheimnissen“. Die Beweisgrundlage dieses Urteils bleibt dabei mehr als fraglich, wurde ihr Geständnis nur unter Druck erzwungen. Auch das „Barometer der Pressefreiheit 2015“ von „Reporter ohne Grenzen“ zeigt bereits Ende April, dass allein dieses Jahr 159 Journalisten und 176 Online-Aktivisten sowie Bürgerjournalisten in Haft sind.

 

Für die Presse- und Meinungsfreiheit und die Solidarität mit den Opfern standen beim Trauermarsch am 11. Januar 2015 auch dutzende Staats- und Regierungschefs ein. Dass dieser Marsch medial inszeniert war und eine Nebenstraße dafür extra abgesperrt wurde, ist relativ unbekannt. Die dennoch klare und ehrliche Botschaft: „Wir ziehen an einem Strang. Wir kämpfen zusammen gegen den Terrorismus und für die westlichen Werte.“ Auch die hauptsächlich über die sozialen Netzwerke verbreitete Aussage: „Je suis Charlie“, kann für so viel mehr als die Pressefreiheit stehen. Zum Beispiel für das Einverständnis mit den Karikaturisten, bloße Anteilnahme oder als Antiterrorbotschaft.

 

Der schmale Grat zwischen Freiheit und Respekt

 

Aber ab wann verletzt die Presse- und Meinungsfreiheit die religiösen Gefühle? In seinem posthum veröffentlichten Buch Lettre aux escrocs de l’islamophobie qui font le jeu des racistes schreibt Charb: „Wenn man signalisiert, dass man über alles lachen kann, außer über bestimmte Aspekte des Islam, weil die Muslime viel empfindlicher sind als der Rest der Bevölkerung, was ist das dann, wenn nicht Diskriminierung?“ Er äußert darin auch, dass bestimmte Gläubige die Bibel oder den Koran wie eine „Montageanleitung eines Ikea-Regals“ lesen. Dies sind sehr direkte und radikale Aussagen, wodurch sich Religiöse durchaus verletzt fühlen. Einer der Charlie Hebdo Mitbegründer sagte einmal, dass Satire wie ein Faustschlag ins Gesicht sein muss.

 

Auch in einer angespannten Lage zwischen der abend- und morgenländischen Kultur, wirtschaftlichen Krisen und einer stetigen Terrorbedrohung, sollten sich Journalisten nicht einschüchtern und zensieren lassen. Aber ein Journalist oder Satiriker sollte sich immer seiner Wirkung bewusst sein. Manchmal ist weniger mehr. Es muss nicht immer die aufsehenerregendste Schlagzeile oder die provokanteste Karikatur sein. Vor allem in Glaubensdingen sollte mehr Vorsicht als Schlagzeilensucht gefragt sein, gerade weil der Islam bei Kritik empfindlicher reagiert als andere Religionen. Es muss ein Maß zwischen (Presse- und Meinungs-) Freiheit und Respekt vor anderen Kulturen gefunden werden.

 

Kampf der Kulturen?

 

Der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington sprach in den 90ern von einem bevorstehenden „Kampf der Kulturen“: Der Islam und die westliche Zivilisation würden sich entzweien; es würde zu (gewaltsamen) Konflikten kommen. Auch die Pegida-Bewegung zeigt, dass die Angst vor einer Islamisierung weit verbreitet ist. Es ist aber kein Kampf der Kulturen, der unsere Gegenwart und Zukunft ausmacht. Es ist vielmehr ein Kampf gegen Fanatismus, Radikalismus und Intoleranz. Anschläge wie auf Charlie Hebdo erhärten die Islamophobie, stärken rechtsradikale Parteien wie beispielsweise die Front National. Sie spielen ihnen indirekt in die Karten. Mangelnde Perspektiven in französischen Banlieues oder anderen Problemvierteln in Europa sind Nährboden für eine Radikalisierung und eine Steigerung des Gewaltpotentials.

 

Der Anschlag auf Charlie Hebdo ist nicht nur ein Angriff auf die Pressefreiheit. Er macht bewusst, dass wir vor so viel mehr Problemen als der Terrorbedrohung durch den Islamischen Staat oder der Al-Qaida stehen. Die abendländische und morgenländische Kultur werden immer unterschiedlich sein. Charb und seine Kollegen hat ein unsagbares Schicksal ereilt und gerade, weil wir ihre Gesichter kannten, werden sie nie vergessen werden. Dennoch sollte zwischen dem „Faustschlag ins Gesicht“ und dem Respekt sowie der Verantwortung gegenüber anderen Religionen und Kulturen abgewägt werden, ohne die Presse- und Meinungsfreiheit zu sehr einzuschränken.

 

Bild: Lizenz: CC ND-2.0 – Quelle: Flickr – Autor: H.KoPP – Titel: je suis charlie – i am „Charlie Hebdo“

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