Verkäuferin Mensa

Menschen im Hintergrund – Eine waschechte Siegerländerin

„Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zu essen, bitte sehr“ – Dieser Satz von Berthold Brecht gilt auch für die Studierenden. Wie gut, dass es die Mensa gibt, die jeden Tag mit einer Vielfalt köstlicher Gerichte lockt und wirklich alle satt bekommt. Doch wer steckt eigentlich hinter diesen Abläufen? Wer genau sorgt dafür,  dass wir Studierenden jeden Tag etwas Leckeres und Vollwertiges auf den Teller bekommen? Silvana Schmidt hat sich mit Ina Boller, einer Mensa-Mitarbeiterin des Studentenwerks Siegen getroffen.

Ina Boller ist auf Anhieb sympathisch. Die 48-jährige begegnet ihrem Gegenüber mit einem freundlichen Lächeln und erzählt offen von ihrer Familie. Sie ist verheiratet und seit 2000 stolze Mutter von Zwillingen. Sie lebt bereits ihr ganzes Leben in Wilnsdorf und betitelt sich selbst als „waschechte Siegerländerin“ – nur von der den Siegerländern häufig zugesprochenen Sturheit möchte sich Ina Boller deutlich distanzieren.
Ursprünglich machte sie eine Lehre zur Konditorin. Die Siegener Konditorei „Vogel“, in der sie ihre Ausbildung erfolgreich beendete übernahm sie zunächst, nach einem Jahr konnte der Betrieb sie aus finanziellen Gründen nicht mehr halten. Durch „Mundpropaganda“ und eine glückliche Verkettung von Zufällen fand Ina Boller jedoch sofort wieder Arbeit in der Küche des Stadtkrankenhauses. Dort arbeitete sie acht Jahre. Wie fand sie den „Krankenhausfraß“ im Vergleich zum Mensaessen? Ina Boller beteuert, dass die Krankenhausküche stets auf „gute Resonanz“ stieß. Im Jahr 1989 fing sie dann an, für das Studentenwerk der Universität Siegen zu arbeiten. Damals wurde sie im Rahmen ihres erlernten Berufs eingestellt, denn der Kuchen und die anderen süßen Leckereien aus den Bistros und Cafeterien wurden damals noch selbst gebacken. Als die Backspezialitäten zugeliefert wurden, durfte Ina Boller in der Mensa weiterarbeiten. „Dort hat jeder der vielen Mitarbeiter immer den Überblick über das Gesamtgeschehen“, erzählt sie. Das liegt unter anderem auch daran, dass man als Mensapersonal immer wieder mal die Station wechselt. So war Ina Boller in der vegetarischen Küche tätig, in der die fleischfreien Hauptkomponenten – so nennt man sie im Fachjargon – hergestellt werden. Darüber hinaus gibt es noch die Küche, in der die anderen Hauptkomponenten zubereitet werden. Eine Zeit lang arbeitete Ina Boller auch in der Mensa des Emmy-Noether-Campus.

Nach der Geburt ihrer Kinder ging sie drei Jahre in den Erziehungsurlaub und konnte danach ihre alte Arbeit problemlos wieder aufnehmen. Der einzige Unterschied: Während sie vorher im Vollzeitjob arbeitete, ist ihre Arbeitszeit nun verkürzt, so dass sie sich nach der Schule um ihre Kinder kümmern kann.“Ich empfinde das Studentenwerk als sehr familienfreundlichen Betrieb“, sagt die zweifache Mutter.Momentan arbeitet sie im Bereich der kalten Küche. Das dort beschäftigte Personal ist für die Portionierung der Salate und der Desserts verantwortlich.

Ein ganz normaler Tag

Um einen genaueren Einblick in ihre Arbeit zu verschaffen, schildert Ina Boller einen typischen Tagesablauf:

Ihre Arbeitszeit beginnt klassischerweise um 7.45 morgens. Die Köche sind da bereits eine Stunde an der Arbeit, um Quarkgerichte und ähnliches vorzubereiten. Ina Bollers Arbeit beginnt mit dem systematischen Abfüllen der Desserts und der Salate. Die Arbeit wird von zwei bis drei Personen bewerkstelligt und setzt eine präzise und organisierte Zusammenarbeit voraus. Es gilt ca. 800 bis 1000 Desserts und genau so viele Salate auf den Gramm genau abzufüllen und je nach Bedarf zu dekorieren oder anzurichten. Diese Arbeit dauert bis 10 Uhr, danach haben alle Hilfskräfte der Küche und auch die Köche eine halbstündige Pause. Anschließend beginnt die „heiße Phase“, denn ab 11 Uhr lauern ja bereits die hungrigen Studierenden, die die Essensausgaben stürmen möchten. Damit die Mensa pünktlich geöffnet werden kann müssen noch alle Schränke und die Ausgabe bestückt, die richtigen Vorleger für die verschiedenen Gerichte bereitgelegt und Fleisch, Nudeln, Reis etc. vorgegart oder angebraten werden. In dieser halben Stunde arbeiten alle zusammen, jeder da, wo gerade Hilfe benötigt wird.

Um 11 Uhr werden dann die Türen geöffnet und die Studierenden herein gelassen. In der letzten Stunde bis Feierabend hilft Ina Boller meistens in der Ausgabe mit oder erledigt Aufgaben, die spontan anfallen. Um ca. 12 Uhr endet der Arbeitstag für die Küchenmitarbeiterin.

Es wird wieder schwarz

Auf die Vielzahl von Hochschülern angesprochen erzählt Ina Boller, dass es für die Mitarbeiter der Mensa immer viele Studierende seien. Selbstverständlich wurden die nötigen Vorbereitungen für die aktuelle Situation getroffen, aber wesentlich mehr als sonst komme es ihr in diesem Jahr nicht vor. „Am stärksten frequentiert ist die Mensa stets zu Semesterbeginn“, erzählt mir Ina Boller mit einem Grinsen im Gesicht. Wenn es 11 Uhr ist und die Studierenden sich vor den Glastüren sammeln, werde es schlagartig dunkel in der gesamten Mensa. Jedes Semester wieder gebe es diesen Moment. „Wir sagen dann immer: ‘Es wird wieder schwarz’“, berichtet sie lächelnd.

Auf die Frage, ob sie manche Studierende in der Mensa bereits ein wenig kennenlernen konnte, nickt Ina Boller zustimmend. Neben Dozenten und anderem Personal der Universität fielen ihr auch manche Studierende auf, die schon ewig die Mensa besuchen würden. Doch für nähere Gespräche oder einen intensiveren Austausch bliebe bei dem täglichen Stress keine Zeit.

Bei ihren eigenen Essgewohnheiten kommt die versteckte Italienerin zum Vorschein: „Ich liebe Lasagne“, nennt Ina Boller strahlend ihr Leibgericht. Obwohl sie Ernährungsrichtung akzeptiere und gerne ausprobiere, gehe die Tendenz vor allem zu Pizza und Pasta, sagt sie grinsend. Und sonst so? -„Alles was ungesund ist mit viel Sahnesauce“.

Das ist Leben, hallo?

Insgesamt ist Ina Boller mehr als zufrieden mit ihrem Arbeitsplatz. Mit den 30 bis 35 anderen Mitarbeitern verstehe sie sich sehr gut und über die Jahre hinweg hätten sich auch schon echte Freundschaften untereinander entwickelt. Auch während der Arbeit herrsche stets viel Spaß. Vor allem die Arbeitszeiten, die es ihr ermöglichten Arbeits- und Familienleben zu kombinierenseien sehr zusagend. Ganz „ohne zu schleimen“ könne sie behaupten, jeden Morgen gerne zur Arbeit zu gehen. Es liefe zwar nicht immer alles so, wie man es sich wünscht, aber „das ist Leben, hallo?“.

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