Pro Herbstdepression Die fünf besten Alben für die düsteren Jahreszeiten

Die Tage werden kürzer, der Wind wird schärfer. Was die Lebensmittelhändler bereits vor einiger Zeit mit Kürbissen, Spekulatius und Lebkuchen angekündigt hatten, wird allmählich zur bitteren Gewissheit: die kalten und vor allem dunklen Jahreszeiten stehen wieder einmal vor der Tür. Pünktlich zum kalendarischen Herbstbeginn Ende September wandelte sich das Siegener Wetter von T-Shirt tauglicher Witterung hin zu jackenpflichtigem Klima. Wer in diesen düsteren Zeiten die Ohrenwärmer lieber gegen Kopfhörer tauscht, kann dem Stimmungstief mit diesen fünf Alben auch musikalisch Rechnung tragen. Eine sehr subjektive Liste ohne besondere Reihenfolge:

 

Oathbreaker – Rheia (2016)

Die Formation Oathbreaker war noch nie bekannt dafür, Gute-Laune-Musik zu produzieren. Und auch das neueste Werk der vier BelgierInnen, das passenderweise zum Herbstbeginn vor wenigen Tagen erschien, steht ganz in dieser Tradition: Die seltene Mischung aus Post-Hardcore und Black Metal verknüpft melancholische Passagen mit knallharten Gitarrenriffs. Die Struktur der oftmals über acht Minuten langen Songs präsentiert sich komplex, anspruchsvoll und einfallsreich. Immer wieder streut das Quintett Breaks in die ansonsten von vorpreschenden Rhythmen dominierten Lieder. Die zehn Songs sind vertrakt, böse Zungen würden behaupten gar chaotisch. Dass Rheia trotzdem zugänglicher ist als die bisherigen Alben der Band, liegt auch an Sängerin Caro Tanghe. Diese kreischte bis dato meist wie eine Nebelkrähe über die Songs hinweg, klarer Gesang wurde bestenfalls akzentuiert eingesetzt. Auf dem aktuellen Werk hingegen hält sich der sirenenhafte, stellenweise fast wehleidige Gesang mit dem giftigen Gekeife die Waage. Der Komposition kommt das nur zugute:  Rheia ist nicht nur das bisher abwechslungsreichste Album der Band geworden, sondern auch das beste. Eine Platte für jene Momente, in denen der Wind dermaßen beißend ist, dass man nur noch zurückschreien möchte.

Anspieltipps: Being able to feel nothing, Needles in your skin, Where I leave

Für Fans von: Grieved, Code Orange, Kirchenbrandstiftung

 

Depeche Mode – Black Celebration (1986)

Eigentlich müsste an dieser Stelle nichts weiter gesagt (beziehungsweise geschrieben) werden. Black Celebration gilt in der Musikgeschichte als jenes Album von Depeche Mode, das durch den verstärkten Einfluss von Dark Wave eine Abkehr vom bisherigen Synthie-Pop-Sound der Band darstellt. Die elf (auf der dringend zum empfehlenden Deluxe Edition vierzehn) Stücke versprühen eine bittersüße Romantik, die bei aller Düsterheit auch immer wieder Lichtblicke durchlassen. Perfekt für einen einsamen Abend mit Katze, Kürbissuppe und Kerzenschein, bei dem man über die eigene soziale Inkompetenz philosophieren kann. Black Celebration ist sicherlich das ruhigste Album dieser Liste, steht den anderen hier genannten Werken aber in puncto Einfallsreichtum und Stimmung in keinster Weise nach. Und überhaupt: ist Stripped nicht sowieso der beste Depeche Mode Song aller Zeiten?

Anspieltipps: Stripped, A question of lust, But not tonight

Für Fans von: Dark Wave, 80er-Jahre Revivals

 

Bush – The Science of things (1999)

Es gibt Bands, die scheinen von aller Welt gehasst zu werden und die trotzdem Millionen von Alben verkaufen. Nickelback sind solche Kandidaten. Oder U2. Und auch Bush werden ja gerne mal als minderwertiger, britischer Abklatsch von Nirvana hingestellt. Zugegeben: ganz unähnlich sind sich die Gesangsstile von Gavin Rossdale und Kurt Cobain nicht. Und auch den Grunge-typischen, dreckigen Sound mit Texten über die Beschissenheit der Welt hatten Nirvana bereits entscheidend geprägt, bevor sich die vier Briten überhaupt dazu entschieden hatten, Musik zu machen. Und trotzdem ist The Science of things ein gutes Stück Musik und darüber hinaus passendes Album für die düstere Zeit des Jahres. Das liegt nicht nur an der genannten, genretypischen Stilistik, sondern auch an den immer wieder clever eingesetzten elektronischen Akzenten. Besonders die beiden ruhigsten Songs, 40 Miles from the sun und Letting the cables sleep, liefern den perfekten Soundtrack für einen unterkühlten Herbstspaziergang.

Anspieltipps: Warm machine, Letting the cables sleep, Altered states

Für Fans von: Nirvana, Swain, Karohemden und Chucks

 

Source Direct – Exorcise the demons (1999)

Hach ja, in den 90ern war die Welt noch in Ordnung. Das Happy Meal hieß noch Juniortüte, modisch war sowieso alles erlaubt und auch musikalisch ging einiges. Lediglich im Bereich der elektronischen Tanzmusik hing man in Deutschland etwas hinterher. Während hierzulande Kirmestechno und Eurodance bis zum wortwörtlichen Erbrechen zelebriert wurden, war man auf den britischen Inseln schon weiter. In der Kleinstadt St. Alban beispielsweise schraubten 1999 zwei Freunde an Synthesizern rum, um Drum & Bass in Reinkultur zu produzieren – offensichtlich an einem Ort, an dem nie die Sonne schien und auch sonst keinerlei Freude herrschte. Denn heraus kam ein auf Vinyl gepresster Horrorfilm, eine Tour de force, die sich mit einer Mischung aus abgrundtiefen Bässen, rasiermesserscharfen Drums und orchestralen Einflüssen direkt in den Gehörgang einnistet. Minutenlange Loops mit minimalsten Variationen, der Einsatz von Kakophonie als bewusstes Stilmittel und die eigenwillige Produktion fernab jedweder Trends machen Exorcise the demons zu einem Album, wie es heutzutage gar nicht mehr vorstellbar wäre. Und genau aus diesem Grund ist es perfekt für eine nächtliche Tour durch die Kälte.

Anspieltipps: Wanton Conduct, Technical Warfare, Concealed Identity

Für Fans von: Noisia, Evol Intent

 

Escapado – Montgomery Mundtot (2010)

Nimmt man das Radio als repräsentativ für die deutsche Musiklandschaft an, könnte man dem Irrglauben erliegen, deutschsprachige Musik bestünde nur aus seichten Deephouse-Tracks mit austauschbaren Saxophonmelodien oder verschmitzten Mittdreißigern mit Gitarren, die über ihren Liebeskummer singen. Oder aber man denkt an das Paradebeispiel harter, deutscher Musik Rammstein, die mit markant gerolltem R und Industrial-Klängen seit Jahrzehnten das Bild der Deutschen im Ausland mit geprägt haben. Irgendwo zwischen diesen Fronten von Hart und Weich stehen beziehungsweise standen die Schleswig-Holsteiner von Escapado. Auf dem letzten Album vor der Auflösung im Jahre 2011 bietet das Quintett Musik, die entfernt an Indierock erinnert. Nur die Riffs sind rauer. Der Gesang geschriener. Die Stimmung angepisster. Unterkühlt wirken die Texte über gegenseitige Ablehnung, Einsamkeit und Verzweiflung. Nicht immer ergeben die Worte beim ersten Hören Sinn, stellenweise wirken sie gar fragmentarisch zusammengesetzt. Nicht nur deshalb ist es ratsam und gleichermaßen genussvoll, Montgomery Mundtot mehr als  einmal durchlaufen zu lassen.

Anspieltipps: Petenwell, Freiraum, Ferngesteuert

Für Fans von: Frau Potz, Adam Angst

 

Was denkst du? Welche Alben untermalen die kühle und düstere Jahreszeit am besten? Und welche Alben sind im Gegensatz dazu geeignet, die Stimmung in diesen Zeiten aufzuhellen? Eine entsprechende Liste mit dem Titel „Anti Herbstdepression“ befindet sich schon in Arbeit.

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