Sustainable Development Etikett

Nachhaltigkeit – Trend oder tatsächliches Umdenken

Sucht man #sustainable bei Instagram, stößt man auf über 600.000 Beiträge – sie zeigen vegane Gerichte, Yoga-Asanas, Reisefotos und vor allem Outfits. Oft hat das Fotografierte wenig mit Nachhaltigkeit zu tun – der Hashtag soll offenbar Likes abgreifen. Nachhaltigkeit scheint derzeit ein beliebtes Thema zu sein. Ecofashion Blogs schießen wie Pilze aus dem Boden und selbst in Siegen ist der beste Ort zum Containern kein Geheimtipp mehr. Welche Elemente dieser Trendwelle haben überhaupt noch mit Nachhaltigkeit zu tun? Und sind diese beiden Worte – Nachhaltigkeit und Trend überhaupt miteinander vereinbar?

Über diese Fragen hat das mediaZINE mit Tobi Rosswog vom Netzwerk living utopia gesprochen.

 

mediaZINE: Was ist für dich Nachhaltigkeit?

Tobi: Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Es wird inflationär verwendet. Überall kommen uns nachhaltige Produkte entgegen, die entweder beim genaueren Hinsehen gar nicht gebraucht werden oder vielleicht doch nicht so nachhaltig sind … Wie Niko Paech bereits großartigerweise sagte: „Es gibt keine nachhaltigen Produkte, sondern nur nachhaltige Lebensstile.“ Und bei der Frage nach dem nachhaltigen Konsum vergessen wir oft die leichteste Entscheidung und zwar den Nicht-Konsum. Vorhandenes kreativ und sinnvoll zu nutzen, ist nämlich das nachhaltigste, was wir machen können. Wir leben aktuell über unsere Verhältnisse und haben längst ökologische Grenzen erreicht. Beim Nachhaltigskeitsbegriff stoßen wir sehr schnell auf Carl von Carlowitz, der im Jahre 1713 ein ganz einfaches Prinzip erkannte: „Nehme aus einem Wald nur so viele Bäume heraus wie auch nachwachsen, damit der Wald am Leben bleibt und es nachhaltig ist.“ Gleichzeitig sollten wir uns bewusst werden, dass auch wir mit uns selbst nachhaltig umgehen sollten. Dieses ‚immer weiter, schneller, höher, besser und mehr‘ machen wir auch selbst nicht mehr mit. Es überfordert uns und wir haben auch auf dieser Ebene eine Grenze erreicht – die psychische Grenze.
Wir möchten mit living utopia Mitmachräume schaffen, in welchen wir Alternativen zu der Logik der eigenen Verwertung und des ständigen Mehr aufzeigen und versuchen zu leben.

 

mediaZINE: Wie würdest du die aktuelle Entwicklung des Nachhaltigkeitsbewusstseins beschreiben?

Tobi: Es regt sich auf jeden Fall etwas in der Gesellschaft. Uns wird immer bewusster: So kann‘s nicht weiter gehen! Wir dürfen also andere Wege gehen und Alternativen entwickeln. Die Herausforderung besteht nun darin, dass wir vom Wissen ins Handeln kommen und dabei nicht in einer grünen Wachstumsspirale mit vielen Rebound Effekten landen.

 

mediaZINE: Woran spürt ihr das als Netzwerk?

Tobi: Wir als Netzwerk merken eine unglaubliche Resonanz. Sei es bei den Projekten, wie beispielsweise dem Mitmachkongress utopival, bei dem es über 1.000 Interessent*innen gab oder auch bei den Vortragsanfragen, die wir gar nicht mehr alle aus zeitlichen Gründen annehmen können. Alleine unsere aktuelle Internet-Kampagne „geldfreier leben“ hat innerhalb von drei Wochen weit über 7.000 Seitenaufrufe bekommen und ein Großteil der Menschen hat die Angebote auf der Seite genutzt.

 

mediaZINE : Woran liegt das deiner Meinung nach? Spielen Blogs, Youtubekanäle usw. zum Thema eine Rolle?

Tobi: Unbedingt spielt das Thema Internet eine große Rolle. Dank der Vernetzung mit großen Blogs und den Social Media Kanälen großer Initiativen oder Organisationen konnten wir unsere Ideen mit vielen Menschen teilen. Gerade viele junge Menschen bewegen sich im Internet und bekommen darüber ihre Informationen und Anregungen, um Veränderung zu gestalten.

 

mediaZINE : Was vermutest du, wird das Nachhaltigkeitsbewusstsein zukünftig eher ab- oder zunehmen?

Tobi: Ich bin sehr zuversichtlich, dass das Nachhaltigkeitsbewusstsein zunehmen wird. Nach der Idee „Lebe es vor und sprich darüber!“ wird das Prinzip der sozialen Diffusion sicherlich greifen. Es ist im Grunde wie der bekannte Schneeballeffekt zu verbildlichen.

 

mediaZINE: Handelt es sich um einen Trend? Wird Nachhaltigkeit irgendwann wieder unpopulär sein?

Tobi: Sicherlich gibt es auch einige Menschen, die aufgrund des allgemeinen Trends beispielsweise vegan wurden. Aber das spannende ist, dass viele von diesen Menschen erst durch den „Vegan-Hype“ auf das Thema aufmerksam wurden und sich dann tiefer mit den Themen beschäftigten können, um viele anderen Gründe dahinter zu erfahren. Ich kenne einige Leute, die durch den Hype vegan wurden und nun nach längerer Beschäftigung zu Tierrechtsaktivist*innen geworden sind. Für sie war der Trend hilfreich, um in das Thema einzusteigen.

 

mediaZINE: In der letzten Zeit haben sich viele Geschäfte verwirklicht, die auf einen Kundenkreis mit Nachhaltigkeitsbewusstsein abzielen. Ich denke da vor allem an verpackungsfreie Lebensmittelläden, faire Ökomodelabels und nicht zuletzt auch Blogs, die mit Posts zum Thema Geld verdienen. Ist Nachhaltigkeit hier nur die Geschäftsidee oder haben solche Ideen tatsächlich Veränderungspotenzial?

Tobi: Vermutlich gibt es nicht immer die grünsten Ziele und Motivationen hinter rentablen Geschäftsmodellen. Das kann und möchte ich aber gar nicht unbedingt beurteilen. Mir geht es vielmehr darum, darauf aufmerksam zu machen, dass wir grundlegend umzudenken haben und nicht auf einen grünen Wachstumsstrang setzen sollten, der kapitalistische Wirtschaftsweisen reproduziert. Insgesamt sollten wir die Suffizienzfrage stellen: Was brauchen wir eigentlich wirklich?
Gleichzeitig schaffen diese Modelle auch anregende Diskussionen, die wichtig sind, um weiter zu denken und neue Wege zu gehen.

 

mediaZINE: Zum Abschluss – was ist living utopia?

Tobi: living utopia ist ein Projekt- und Aktionsnetzwerk, das Mitmachräume für den gesellschaftlichen Wandel gestaltet. Alle unsere Aktivitäten werden dabei nach den begleitenden Motiven: geldfrei, vegan, ökologisch und solidarisch organisiert und verwirklicht. Damit laden wir zu einem Perspektivwechsel ein und möchten utopietaugliche Alternativen lebendig werden lassen.

Mehr zu Living Utopia auf http://www.livingutopia.org/.

 

(Autorin LT)

 

Bild: CC BY-NC-ND 2.0 – Quelle: flickr.com – Autor: Jarod Carruthers – Titel: Sustainable Development

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