Neon wie es nicht bloß scheint Fortsetzung eines Romans

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Direkt vor Dorothees Wohnung war es noch viel lauter, als es vom Fenster aus immer ausgesehen hatte. Fünf Mädchen, ineinander gehakt, kreischten den Refrain von I don´t wanna miss a thing. Im Kampf um den Wein, den sie einander herumreichten, ergaben sich die hochhackigen Absätze mit jedem Schritt dem Gewicht, das auf ihnen lastete. Ein paar Typen, die ich unweigerlich als Proleten ausmachte, augenscheinlich Bankdrücker, skandierten irgendeinen Mist, bei dem lediglich der Kreuzreim entscheidend ist. Ich machte mich auf den Weg zur nächsten Metro. Die 103 stand abfahrbereit. Wie immer. An der 79 Street, die direkt am Hudson liegt, stieg ich aus und war irritiert, dass ich mich an nichts erinnern konnte, was in den letzten Minuten passiert war. Nicht, dass ich ohnmächtig gewesen oder mich sonderlich geistesabwesend gefühlt hätte, doch – so wie es mir schon immer vorkam – empfand ich die U-Bahn als einen Ort, dem eine beseelte Faszination gewissermaßen zustand. Ihrer Vernetzung wohnt schlechthin etwas Mystisches inne, so als sei sie das urbane Pendant zu einem Zauberwald, an den man eh nur dann glaubt, wenn man gewillt ist, sich sämtlichen Mythen – v.a. jenen der Konsumkultur – ergeben zu fühlen: ich denke etwa an die wahnsinnige Überzeugung, dass es ein Christkind, den Osterhasen oder die Zahnfee gibt. Den Passagieren der U-Bahn jedenfalls haftet etwas Fabelhaftes an; wo ich dachte, den einen offene Barmherzigkeit anzusehen, erkannte ich in anderen eine geradewegs verdächtige Verschlossenheit. In diesem mehr oder weniger definiertem Chaos, wie es nun mal für derart große Metropolen typisch ist, versprach eben jene Art der Fortbewegung eine allumfassende Ruhe. Eine Ruhe, die die Binarität des sogenannten modernen Lebens zwischen Gut und Böse, Gleichmut und Hektik, Neuheitsbestreben und nostalgischen Sehnsüchten, zuverlässig zu bestimmen wusste. Auf eine Art vernarrter Abhängigkeit war ich verliebt in die immer gleichbleibende Geschwindigkeit, die immer gleichbleibenden Lautsprecheransagen, die Gewissheit ausgemachter Start- und Zielpunkte sowie die symmetrische Anordnung der Sitzbänke, v.a. jene die horizontal in Fahrtrichtung verliefen, oder die fast unumstößliche Sprachlosigkeit aller Fahrgäste, die ganze Abteile zu einer entschleunigten Schweigestätte eines sonst ziemlich übererregten Mikrokosmos transformierte. Für mich war dies die überzeugendste Erklärung, warum die Menschen so peinlich berührt reagierten, würde jemand diese Ruhe – etwa durch lautstarkes Telefonieren oder sonst was – torpedieren. Diese unheimliche Fragwürdigkeit hätte ich so gerne in all ihrer Gänze verstanden, einzig und allein um ihr mystisches Wesen dort zu relativieren, wo es mir ohnehin – ich zwang mich geradezu diesen Gedanken als ideelle Wahrnehmung meiner Umwelt zu rechtfertigen – unpassend vorkam: im Alltag.

Mit etwas Abstand folgte ich dem Pulk, der mich zuvor aus der U-Bahn rausgeschoben hatte. Während meiner Verfolgung nickte ich den schwarzen Straßenreinigern in ihren khakigrünen Overalls zu. Neben einem Gulli saß ein Mädchen, das kotzte und ich fragte mich, warum sie sich neben und nicht in den Gulli übergab. Einer der Reinigungsmänner winkte ab, ein anderer zündete sich eine Zigarette an. Ich tat es ihm gleich.

Was eigentlich ist ein Straßenreiniger? Noch nie hatte ich nachts welche arbeiten sehen. Ich hatte den Eindruck, dass man sich besonders hier, zwischen dem Natural History Museum und dem Lincoln Center darum mühte, die hochdruckgereinigten Asphaltböden steril zu halten. Es schien sehr wichtig, dass zum Morgen alles rein war. Das Mädchen neben dem Gulli musste wieder kotzen. Sollte der Beruf eines Straßenreinigers überhaupt irgendein Renommee haben, rührt es sicherlich von der Überzeugung, man stelle sich in den Dienst eines kulturellen Antlitzes, so als hätte die Makellosigkeit des Stadtbildes irgendwas damit zu tun. Ich begann nachzuempfinden, wie schlecht es dem Mädchen wohl ging. Erregt sah ich mich, als die Unentschlossenheit in den Augen der Männer nicht weiter ignoriert werden konnte. Eigentlich standen sie doch ziemlich weit weg. Würden sie dem Mädchen helfen und ihren immunen Status gegenüber jedem einzelnen Passanten einbüßen? Oder würden sie noch abwarten? Ich fand dieses Theater bedeutungsvoller als jede Sehenswürdigkeit, die mir der Städteführer empfahl. Auf der anderen Straßenseite bog die Gruppe, der ich mich zunächst angeschlossen hatte, ab. Meine Kippe drückte ich auf dem Boden aus. Der Mann im Overall hatte es genauso getan.

Die anderen Stipendiaten trafen sich direkt vorm Connors. Noch auf dem Weg dorthin überraschte mich ein ungewohnter Anflug von Neugier, der sich weniger als vorfreudige Aufregung ankündigte, mich aber dafür in Form einer warmen Besonnenheit zu Enthusiasmus animierte. Tatsächlich schien ich mich auf den Abend zu freuen. Darüber hinaus war mir diese Wonne ein Schutzschild, so als würde sie mir die Hand reichen, um mich durch die verkehrsdichten und furcht einflößend lauten Boulevards zu geleiten, die sich – jetzt, wo die Sonne längst untergegangen war – einer Artillerie aus unsichtbaren Abgasschwaden und nervös aufblinkenden Reklamelasern zu erwehren hatten. Andererseits fühlte ich mich dieser glücklichen Empfindung verpflichtet, sie gerade dafür zu respektieren und wurde mir meiner Verantwortung ihr gegenüber bewusst. Also stellte ich mir vor, ich hielte ich sie ebenfalls an der Hand, wie ein Kind vielleicht, das ich in diesem Szenario gleichwohl auf den Arm hätte nehmen können.

Bevor ich zu den anderen stoßen würde, wollte ich trotzdem betrunken genug sein, um Witze über die amerikanische Dekadenz zu ertragen. In einer Nebengasse fand ich eine Bar, die von außen leer wirkte, auch wenn ich hinter der bunten Mattverglasung des Eingangs wenig erkannte. Eigentlich fürchtete ich die großen Menschenansammlungen auf den Boulevards noch immer. Hätte ich mich nicht gerade deshalb in sie hineinstürzen sollen? Entgegen der Gewissheit, was mir gut täte, entgegen allem, was Dr. Tillman mir vor Augen hielt, handelte ich doch bloß entsprechend eines mutmaßlichen Wohlbefindens, der sparsamsten aller Erklärungen, niemals meine psychische Wohlfühlzone verlassen zu müssen und keinerlei Konfrontationen zu provozieren. “No heat without friction“, hatte Dr. Tillman gestern noch gesagt. Nach seiner Einschätzung fokussierte ich mich zu sehr auf das Alltägliche und das, was die Banalität jenes Alltags erschüttern könnte, ohne mich dabei je in einen realistischen Bezug zu mir selbst zu setzen. Was für ein Scheiß.

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