Neon wie es nicht bloß scheint Fortsetzung eines Romans

[…]

Durch die Drehtür hindurch und eine Wendeltreppe hinunter, stand ich vor zwei massiven Schwingklappen, wie ich sie in etwa aus der Kneipe meines Großvaters kannte. An der Bar saßen zwei Männer. Beide trugen Anzüge. Einer hatte seinen Schlips zu einem Stirnband gebunden und ich dachte, dieses Bild aus irgendeinem, wahrscheinlich amerikanischen, Film zu kennen, denn viel zu häufig entnahm ich bestimmte Wahrnehmungsmuster meiner cineastisch-ikonographischen Erziehung. An einem Rundtisch in der hinteren Ecke des rechteckig gelegten Altbaus vermutete ich Studenten. Als Erstes fiel mir jedoch die räumliche Symmetrie ins Auge. Über die Tische hinweg bewirkte sie etwas von einem Bild oder einer Postkarte. Das lag vor allem daran, dass der Raum in den Winkeln seiner Decke von Holzbalken gestützt wurde, die alles, was ich sah, zuverlässig einrahmten. Die malerische Ordnung beruhigte mich, obwohl ich sie durch mein Eintreten gewissermaßen zerstörte. Schlimmer noch: ich stand im Fokus der Aufmerksamkeit. Trotzdem dachte ich daran, die Xanax einfach das Klo runter zu spülen. Vorher setzte ich mich noch an die Bar und bestellte Gin mit Soda. Als wäre ich bekennend darin, Gin zu trinken, wollte ich andeuten, dass ein Neutralisationsliquid – ich entnahm den Begriff der Village Voice, einem Lifestyle-Magazin, das ich las, während ich in Dr. Tillmans Wartezimmer ausharrte – der weltmännische Hinweis auf mein erfundenes Prestige war. Noch während ich mich auf meinen Hocker setzte, wurde dieser symbolische Dilettantismus enttarnt: unter meinen Hosen baumelten Sneaker und ich trug, soweit ich mich erinnere, ein Band-Shirt.

Selbstverständlich konterte die Bedienung meine Dummheit: „Ya waiting for someone, huh?“ „Well, I live here“, hielt ich dagegen und obwohl das zur Zeit nicht einmal gelogen war, hatten verschränkte Arme, das Zittern in meiner Stimme und der Schweißfilm auf meiner Stirn nichts anderes nahe gelegt. Mir war heiß und ich prüfte, ob die beiden Männer, die wohl drei Hocker weiter rechts von mir saßen, mich beobachteten. Ich wollte wieder gehen, konnte aber nicht. Wider meiner Überzeugung, einfach das zu tun, was in diesem Moment richtig für mich gewesen wäre, klammerte ich mich an die Sitzfläche des Hockers und versuchte so unauffällig wie möglich die beiden Männer ins Auge zu fassen. Der Eine zog den Anderen an dessen Krawatte zu sich, küsste ihn feucht auf beide Wangen, ehe er in seine Arme fiel und irgendwas von awesome und fucking awesome krächzte. Als hätte man einen Masochisten auf eine Herdplatte gesetzt, vertonte sich die Emphatisierung dieses Ausrufs mit den bösen Motiven, die wohl dahinter steckten; unmoralische Absichten, die ich Leuten jederzeit zuschreiben würde, weil sie Anzugträger waren und damit eine soziale Hierarchisierung offen legten, um die ich sie vermutlich beneidete. Zu meiner Erleichterung bekam ich den Gin. Nach einem kleinen Schluck stellte ich das Glas neben den Untersetzer auf den offenbar hochwertigen Tresen, in dessen nussbrauner Lasur sich die Deckenlampen spiegelten, die direkt über meinem Kopf hingen. Die Vorstellung, ich sei überaus draufgängerisch, genau wie mein gekünstelter Blick, der im Idealfall einem Augenzwinkern gleichen sollte, degradierten mich zum Clown. Dennoch bestand in dieser bescheuerten Rebellion die letzte Chance, der Situation irgendwie Herr zu werden. „Actually I don´t know anybody in New York“, gab ich zu und richtete meinen gesenkten Kopf auf, sodass ich vom schmutzigen Licht der grellen Deckenleuchten geblendet wurde. „Thought so“, antwortete Coco. Den Namen verriet ihr laminiertes Namensschild, das leserlich wurde, jetzt wo sie die Deckenleuchten dimmte. Ich dachte, dass sie niemals so hieße und auch nicht so genannt werden wollte, aber ich lächelte bloß und meinte es auch so. Die Männer am Tresen waren gutaussehend. Was auch immer das bedeutet. Ihre Anstecktücher waren sicher teuer. Zumindest glitzerten deren Nähte, wenn sie im richtigen Winkel das Licht brachen, das auf sie fiel. Die beiden Typen hatten kantige Gesichtszüge. Hinter perfekter Bräune, die man zu dieser Jahreszeit nur durch künstliches Licht bekommt, wirkten ihre Wangenknochen gemeißelt. Sie blickten zu mir rüber, schauten wieder weg und brachen in ein Gelächter aus. Ohne dass sie darum baten, füllte Coco ihre Gläser nach und ich redete mir ein, dass sie meine Anspannung annahmen. Ich dachte, dass meine anfängliche Protesthaltung als Konkurrenz empfunden werden konnte, auch wenn sie mich als solche nie wirklich ernst genommen hätten. Wenn sich Coco nach den Spirituosen räkelte und dabei auf ihren Zehenspitzen stand, geierten die notgeilen Hyänen einander an, verzichteten allerdings vorsorglich darauf, ihre Zähne zu fletschen – d.h. sie behielten ihre feige Wolllust letztlich doch für sich  – und ich fragte mich, ob wohl beide Coco ficken würden?

Ich legte zwanzig Dollar auf den Tresen, weil ich wusste, dass zehn nicht gereicht hätten, stellte mein leeres Glas nun doch auf den Untersetzer und verließ die Bar. Erst an der Luft erkannte ich, wie lächerlich meine Maske gewesen war. Mir war klar, wie kalt es draußen sein würde. Trotzdem hatte ich mir nicht einmal eingestanden, meinen Mantel in der Bar anzuziehen. Dafür hasste ich mich. Dass man mich mit Argwohn, vielleicht auch mit Mitleid ertappt hatte, bewog mich fast dazu, in Dorothees Wohnung zurückzukehren. Wenn sie noch wach wäre, hätte sie meinen Vorwand das Haus zu verlassen, jedoch entlarvt. Ich entschloss mich dagegen.

[…]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.