Neon wie es nicht bloß scheint Fortsetzung eines Romans

[…]

Zettelbotschaften hatte ich schon als Teenager romantisch gefunden und sie stets mit jener Aufregung verteilt beziehungsweise in Empfang genommen, wie sie in diesem Alter – auch wegen des ersten libidinösen Aufbegehrens seit der phallischen Phase – nun mal typisch ist. Ich stellte mir mich aus Malus Perspektive vor. In dieser Inszenierung hätte ich die Nachricht nicht sofort gelesen. Mit blitzenden Augen würde sie nun beobachten, wie ich den Zettel in meinem Portemonnaie als Beleg einer auflodernden Romanze oder als Relikt einer schicksalhaften Eingebung bergen würde, bloß um ihn mir, sobald ich zurück in Dorothees Wohnung wäre, neben meine Unterlagen auf den Schreibtisch zu legen. Dann fiel mir auf, dass ich mich selbst bemitleidete, je mehr ich diesen Wunsch mit Pathos auflud. Ich knüllte den Zettel auseinander:

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„Bin heute mit ein paar Leuten im Connors.

So 10 PM. Hast du Lust?“

 

Das Erste, an das ich dachte, war, dass ich mich in aller Regel über solche Treffen erhaben fühlte. Dann fragte ich mich, ob sie annehmen könne, ich wohne auch an der Upper West. Wahrscheinlich hätte ich schon zugesagt, wäre Malu nicht gegangen oder hätte sie mir zumindest ihre Nummer da gelassen, selbst wenn dafür jene Art von Schwermut verantwortlich gewesen wäre, die mich befürchten ließ, ich ignoriere meine Überzeugungen. Ich sehnte mich – innerlich rechtfertigte ich diesen Gedanken damit, es gäbe vermutlich nichts Menschlicheres – nach Gesellschaft. Außerdem war Malu hübsch genug, als dass ich mich geschmeichelt fühlte.

In den Anfangstagen meines Stipendiums überkamen mich abends immer wieder Gefühle wütender Frustration. Ich malte mir aus, Bekannte einzuladen, ihnen den Columbus Circle oder das American Folk Art Museum zu zeigen. Nur um ihnen vorzuhalten, welch tolles Leben man hier führte, war ich dazu bereit, das Zitat meiner trügerischen Wünsche so gut es ging zu simulieren. Dabei war klar, welch großen Aufwand ich betreiben müsste, um diese Künstlichkeit, die Verneinung all dessen, was trefflicherweise wie die Realität anmuten sollte, aufrecht zu erhalten, so als wäre es nur deshalb in Ordnung, weil diese Art der Wirklichkeitskonstitution in New York genauso als Fetischismus durchgehen würde. Dazu hätte ich mich noch weiter objektivieren müssen, mich als anpassungsfähigeres Ich verstehen müssen. Ich wäre ein utopisches Readymade, eine zu Fleisch gewordene Campbell-Suppen-Dose, die jetzt wo sie meine Signatur trug, eine andere Daseinsberechtigung erlangt hatte. So wäre ich ein und dasselbe, obgleich zum selben Zeitpunkt auch immer verschieden.

Tatsächlich verbrachte ich die Tage damit, im Central Park zu lesen, Dorothee Gesellschaft zu leisten und mich darum zu kümmern die Rezepte meiner Ärztin, sofern sie mir mit der Post geschickt wurden, vor meiner Gastgeberin abzufangen. Morgens ging ich täglich auf den West Side Market. Trotz Dorothees Widerstands besorgte ich, ungeachtet meiner spärlichen Finanzen, frische Zutaten, um ihre Gastfreundschaft zu parieren. Für mich wurde sie dadurch tatsächlich erträglicher. Eigentlich war es kaum nötig, das Essen mit Gemüse aufwerten zu wollen. Letztlich würde Dorothee alles, was auch immer ich beschaffte, in einer absurden Menge Butter zugrunde richten.

An diesem Abend war es kaum das Steak, das Unwohlsein in mir hervorrief. Ich fühlte mich dazu angehalten, der Einladung von Malu zu folgen. Uns wurde ein Typ zugeteilt, der in jenem Museum kuratierte, in dem Kim uns erstmalig empfangen hatte. Er missfiel mir allein deshalb, weil sie ihn als Cultural Advisor etikettierte. Ich glaube er hieß Steve, kurz für Stéphane, weil er aus Quebec kam, aber daran erinnerte ich mich nicht mehr so genau. Bei unserer Bekanntmachung war ich zu nervös, um mir seinen Namen wirklich zu merken. Bestimmt wäre er auch im Connors. Seinem affektierten Akzent misstraute ich, abgesehen von der Tatsache, dass er einen Fedora trug, den er wahrscheinlich extra hatte ausbleichen lassen, zutiefst. Er hatte eine Art, den Menschen solange in die Augen zu sehen, bis ihnen anzusehen war, durch irgendetwas, und sei es noch so beiläufig erzwungen, erlöst werden zu wollen. Es entstand jedes Mal eine Atmosphäre unausweichlicher Peinlichkeit, mit der die Gruppe bereits zu Anfang schlecht umgehen konnte. Ich war nicht überrascht, dass mich diese Unbeholfenheit amüsierte, anstatt dass mich das Gefühl kollektiven Fremdschämens ergriff. Allerdings fürchtete ich seinen kosmopolitischen Charme, den ich mich während der ersten Woche noch nicht bloßzustellen traute.

Ich wusste noch nicht, ob ich auch diesen Abend neben Dorothee auf dem Sofa verbringen würde. Meistens starrten wir so lange in den Fernseher, bis ich mich dazu rang, vorzutäuschen, ich müsse noch irgendwelche Erfahrungsberichte schreiben. Ich sagte dann immer, es handele sich um Auflagen meines Stipendiums, bloß um gewissermaßen anzudeuten, dass sie eine unausweichliche Wichtigkeit implizierten und bezweckte damit jedes mal meine Flucht ins Gästezimmer. Oft geschah dies schon während dem Abendessen. Dorothee hatte die Angewohnheit, immer nur für mich zu kochen. Nichtsdestotrotz saß sie dann neben mir und schaute mit jedem mal, wenn ich mein Besteck zum Mund führte, auf die Kerze in der Tischmitte, die sie die ganze Zeit nicht einmal angezündet hatte und ich fragte mich, ob sie ihren Mann vermisste. Während ich aß, war Dorothee darum bemüht, mich nicht in Verlegenheit zu bringen, hätte es aber auch als unhöflich empfunden, mir keine Gesellschaft zu leisten. Weil ich wusste, dass ich dieses anstrengende Unbehagen nur mit großer Mühe ertrug, aß ich schneller als gewöhnlich und hatte dabei Mühe, nicht in Schweiß auszubrechen. Ich hatte den Eindruck, dass Dorothee diese Anspannung spürte, weshalb ich mich dazu bewog, die Serviette, die jedes Mal auf und nicht etwa unter dem Besteck platziert war, möglichst salonfähig dazu zu nutzen, meinen Mund abzutupfen und ihn niemals abzuwischen.

„The others wanna meet in Connors Pitch tonight. I think I´ll join them.“ „If you´ll be late“, antwortete Dorothee, während sie ihre rechte Braue hoch zog, um Verständnis dafür auszudrücken, würde ich die Nacht wirklich woanders zubringen, „send me a message. I will safe some of the brownies for breakfast.“ In meinem Wahn fingierter Ausreden war ich nie auf die Idee gekommen, dass ich bloß die Wahrheit sagen musste, ehe ich mir Schuhe anzog, eine Xanax aus dem Rucksack zückte und mich, obwohl ich ehrlich gewesen war, schlechten Gewissens von Dorothee verabschiedete. „Maybe you´re still awake, when I head back“, stellte ich ihr meine Artigkeit in Aussicht und verbot mir einzuwerfen, dass ich mich betrinken wollte. Dorothees Schweigsamkeit konterte jedoch zumeist mein Bemühen um Aufrichtigkeit, wodurch sich mir jedes Mal ein Allerlei aus Antworten bot, auch wenn es mir egal sein konnte. Egal wann ich wiederkäme, sie würde entweder noch schlafen oder bereits wieder wach sein. Weil es ihr unangenehm war, vor mir einzuschlafen, mühte sie sich jedes mal die Augen offen zu halten, wenn wir zusammen vor dem Fernseher saßen. Nie hätte Dorothee zugegeben, lieber ins Bett gehen zu wollen, als darauf zu warten, dass ich mich meinerseits zurück zog. Ihr fiel es noch viel schwerer als mir, ehrlich zu sein. Ich wusste, dass auch sie eine Hochstaplerin war. Ihre sonst allzeitige Sprachlosigkeit entfachte eine Wut in mir, von der ich erfahren musste, ob ich sie nicht bloß projizierte.

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