Neon wie es nicht bloß scheint Fortsetzung eines Romans

[…]

Malu war jünger als ich. Jedenfalls so viel jünger, dass es mir hätte auffallen können. In ihrem Gesicht, bedeckt von einem derart wilden Pony, dass ich mich an die parametrischen Kurvenintegrale erinnerte, die ich nie verstanden hatte, deutete sich jederzeit ein Lächeln an, ohne dass sie etwas dafür konnte. Sie umgab ein leichtes Flimmern, ein Pol, der eine auratische Aufregung anzog, in der sie ihre Blicke – nach den Codes, die unser Verhalten koordinieren sollen, letztlich aber doch bloß Ausdruck repressiver Begierden sind – als kokettierende Signale verhandeln konnte. Dass sie ihr laszives Wesen so willentlich, offenbar voller Überzeugung, nach außen trug, machte sie mir sympathisch. Neben der überbetonten Veräußerung ihres Charmes zeigte sich noch etwas anderes. Gewissermaßen war es ihr wichtig nach Bestätigung zu trachten, um zumindest die Bereitschaft zu rechtfertigen, selbst bloß als ihr eigenes Trugbild in Erscheinung zu treten. Auch war sie motivierter als alle anderen. Niemand außer ihr hatte Schreibzeugs dabei – ein Raum mit angehenden Schriftstellern und Schriftstellerinnen. In der E-Mail, die wir bekommen hatten, hieß es, dass wir begrüßt würden und die Möglichkeit hätten, einander besser kennenzulernen. Nichts weiter. Malu hatte ein Piercing, das – als wäre es dafür gemacht – in ihrem Wangengrübchen lag. Sie hatte diese Grübchen ohne dafür lächeln zu müssen. Ob es möglich ist, mit einem Lächeln geboren zu werden? Während ich versäumt hatte, meinen Blick von ihr abzuwenden, hatte sie diesen geradewegs erwidert. Dann schien sie skeptisch, wenngleich auf eine Art, die mir zu verstehen gab, dass ich nicht dazu aufgefordert war, mich abzuwenden. Natürlich wusste sie nicht, dass ich eigentlich bloß durch sie hindurch gestarrt hatte. Also versuchte ich meine Verzweiflung in irgendeine Art von Kühnheit zu wandeln, indem ich, so albern wie nur möglich, meine Augen aufriss. Als ich dachte, sie wolle sich mir vorstellen, klagte sie darüber, dass sie für ihre Wohnung noch einen Mitbewohner suche. Die Miete für eine Dreizimmerwohnung in Upper West war teuer und der Wohnraum knapp. Das Stipendium warf einiges ab, wer aber sonst keine Rücklagen oder bloß unzureichende Unterstützung hatte, musste sparen, so gut es ging. Der Verlag, für den wir hier waren, einer der größten in Deutschland, bot zumindest eine Chance auf bezahlte Veröffentlichungen. Bereits vor einem Jahr hatte ich von ihm eine Zusage für meinen Aufenthalt in Manhattan bekommen. Dorothee war ich dankbar, weil sie keine Miete verlangte. Und bis auf ihr zusehends beschwerliches Bedürfnis, sich darüber zu vergewissern, ob es mir auch wirklich an nichts fehle oder ob ich zu meinem Kaffee gern irgendwelchen Süßkram hätte, verbot ich mir zu klagen. In ihrem Gästezimmer stand neben meinem Bett noch ein Schreibtisch, an dem vielleicht Steven sonst seine Kolumnen geschrieben hatte. Für zwei Wochen hätte ich auch nicht mehr gebraucht, hatte aber das Gefühl, Dorothee versuche die bescheidene Einrichtung damit zu entschuldigen, indem sie mich jeden Abend bekochte. Ich sagte nie etwas dazu, wenngleich sie mich auch nie fragte, ob ich mich bei ihr wohl fühlte.

Ich bot Malu an, mir ein Zimmer in der Wohnung anschauen zu wollen. Meine Begründung war geradezu irre:

„Tatsächlich habe ich mich noch um gar nichts gekümmert und wohne momentan noch in der Zweitwohnung meines Vaters. Der ist alle paar Wochen in New York. Real Estate“,

log ich und war mir ziemlich sicher, dass sie mich für einen Snob halten würde, v.a. weil ich Real Estate auf eine so kläglich unsichere und vollkommen affektierte Weise gesagt hatte. Unterbewusst hatte ich wohl auf das vermeintliche Selbstverständnis meiner, im Idealfall pluralistisch-kulturellen und sprachlichen, Talente abgezielt. Eine ganze Weile wusste ich nichts weiter zu sagen. Malu antwortete nicht. Ich redete mir ein, ihr Schweigen nicht als Abweisung, sondern als nett gemeintes und den kollektiven Gesetzen der Höflichkeit folgendes Abkommen zu verstehen. In diesem seminarischen – und nicht, wie etwa angekündigt, einladenden Szenario – machte das auch Sinn. Meine Schlussfolgerung stellte mich etwa drei Minuten zufrieden, dann fragte ich nach ihrer Nummer. Unsere Kontaktperson, Kim Delaney, räusperte sich und blickte mahnend zu mir rüber. Ich spürte den Puls in meinen Fingerspitzen, auch noch nachdem sie ihren Vortrag über interkulturelle Bildungsförderung und die Beweihräucherung unseres Verlages, mit dem sie nun schon so und so viele Jahre zusammen arbeitete, fortsetzte. Malu fand die ganze Sache amüsant. So als würde man durch störendes Verhalten zum Rebell unter jenen, die ihre Unsicherheit dadurch zu kaschieren versuchten, indem sie entweder zustimmend nickten, wenn Kim ihren Blick traf oder wenigstens zum richtigen Zeitpunkt zu lachen begannen, wenn sie glaubten, einen Witz in ihrem Gelaber ausgemacht zu haben. Hinter meinem Brustbein stellte sich derweil ein beengendes Gefühl ein. Es war dasselbe Gefühl, als wenn ich kiffte und dann befürchten musste, dass mein Kreislauf zusammenbrechen würde, obwohl das bisher nur einmal passiert war. Ein unangenehmer Druck, den ich bereits erwartete, bevor er überhaupt einsetzte, und von dem ich wusste, dass er nie länger als eine Stunde anhielt. Mein Körper gab irgendwann einfach nach und alles war wieder gut. Ich reckte mich und hoffte meinem Brustkorb dadurch mehr Volumen zu verschaffen. Den Puls spürte ich nun auch in den Schläfen. Malu riss ihrerseits die Augen auf. Erst dachte ich, sie parodiere mich, dann aber zeigte sie hinter meine Schultern und deutete, zunächst recht missverständlich an, dass ich sie durchlassen solle. Ich sagte gar nichts und lehnte einfach meine Beine aus der Reihe, während sie sich zwischen Sitzbank und Tischkante auf den Gang hievte. Dabei legte sie ziemlich ungeschickt einen kleinen, weißen Zettel auf mein Smartphone, das ich wie alle anderen vor mir liegen hatte und nicht etwa in meiner Hosentasche trug. Ich wartete eine Minute, vielleicht auch etwas länger. Jedenfalls zählte ich bis 60 und hatte keine Ahnung wieso. Möglicherweise weil die Zahl all zu vieles zuverlässig definiert und derart unter Kontrolle bringt, wie ich es mir zu diesem Zeitpunkt gewünscht hätte. Je länger ich zählte, umso synchroner verschmelzten die Signifikanten der Ziffern mit allen möglichen Bedeutungen, die ich ihnen zukommen ließ. Generell hat das Auflisten, seien es Zahlen oder die Worte, wie sie z.B. auf einem Einkaufszettel angeordnet sind, ein implizites Versmaß, so als sei jede einzelne Silbe der Träger eines sanftmütigen Rhythmus. Als ich bei 47 ankam, hatte ich das Gefühl, mir ging es wieder besser. Meistens war ich mir meiner Eigenarten sehr bewusst. Von Malu dachte ich, dass sie, wenn sie sich noch mal umdrehe, beobachten würde, wie wenig mich die Nachricht kümmere, die sie mir hinterlassen hatte. Dann kam mir in den Sinn, dass ich vielleicht deshalb bis 60 gezählt hatte, bloß um sicher zu gehen, sie sei dann auch wirklich gegangen. Zurückkommen würde sie ohnehin nicht. Sie verließ den Raum mit all ihren Unterlagen. Kim hatte ihr beim Verlassen des Raumes beifällig zugenickt, was darauf schließen ließ, dass sie sich bereits kannten. Malu war vielleicht die Tochter einer der Verleger oder was weiß ich. Ich jedenfalls fühlte mich sediert, so als wäre ich ein zähflüssig ausgelaufener Fleck, von dem ich dachte, dass er grün sein müsste. Auf meinem Smartphone startete ich die Stoppuhr-Funktion und kontrollierte meinen Puls. Er war okay.

[…]

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