Neue Generation, neues Klischee Chiasamen, Jahresabo bei McFIT und Bio-Gemüse statt Ja!-Pizza und Absturzparty

Generation Y oder auch Generation Smartphone, Lustlos oder Party – das sind wir, das ist unser Steckbrief. Zwischen 1980 und 2000 geboren, in regelfreien Elternhäusern verwöhnt, in Wohlstand und ohne Manieren aufgezogen und volljährig in die Freiheit und damit auf die Menschheit losgelassen. Eine Generation von starr auf das Handydisplay stierenden, stummen Netflixzombies und Instagramprostituierten. Eine Generation von weichgespülten, rückgratlosen, desinteressierten Waschlappen, denen jegliches Interesse für Jegliches fehlt. Und eine Generation von verstrahlten Partyterroristen und Technoravern, die sozial isoliert tagelang in dunklen Kellern und Klubs das Leben ausblenden. Egoistisch, unterhaltungssüchtig, faul. Generation Y eben. – Oder eben nicht? Eine studentische Perspektive.


WG-Party im Nachbarhaus. Mit zwei Weinflaschen im Rucksack stehe ich vor der Tür. Sie geht auf, der Beat droppt mir entgegen, Stimmengewirr und Gelächter, bunte Lampions, die Gastgeber ziehen mich in die Wohnung. Bekannte Gesichter, freudige Begrüßung, als erstes zum Kühlschrank, den Wein kalt stellen. Doch wohin damit? Der Kühlschrank platzt bereits aus allen Nähten. Aber nicht die Bierflaschen sind das Problem, sondern die gesamte Rewe-Gemüseabteilung, die mir da entgegenfällt. Von Porree über Feldsalat bis hin zu Paprika und Kresse. „Ab morgen beginnt unsere vegane Woche“, lacht mir einer der Bewohner über die Schulter. „Den Wein kannst du am Buffet in die Weinkühler stellen“ – Weinkühler oha, wie dekadent, denke ich und bahne mir kopfschüttelnd den Weg zum Buffet. Dort erlebe ich die nächste Überraschung. Anstelle von Nudelsalat und Penny-Baguette stehlen sich hier hübsch dekorierte Couscoussalate, Rohkostplatten und Gemüsefrikadellen gegenseitig die Show. Sieht zwar sehr instagramable aus, aber zweckmäßig ist das doch nicht gerade. Wer einen über den Durst trinkt, braucht schließlich als erstes trockene Kohlenhydrate und keinen krümeligen Couscous, von dem die Hälfte wahrscheinlich nicht mal im Mund landen würde. Irritiert schenke ich mir Wein ein und stoße mit dem Vegan-Koch-Fuzzie an. „Bier steht auf dem Balkon, aber wir haben nur alkoholfrei. Ist ja alkoholfreie Woche. Rauchen bitte nur dort beim Aschenbecher und um eins ist heute auch Schluss, Christian und Philipp müssen morgen arbeiten. Na dann, hab einen schönen Abend!“, strahlt er mich an und verschwindet in der Menge.

Jack Johnson statt Backstreet Boys

In diesem Moment wechselt die Musik und plötzlich hüpft Jack Johnsons „Banana Pancakes“ auf leisen Sohlen durch den Raum, als hätte soeben der Sandmann das Zimmer betreten  (natürlich der von KIKA und nicht der von E.T.A. Hoffmann) und sich unauffällig unter das Partyvolk gemischt. Leute gähnen leise, setzen sich und Köpfe und Füße fangen an zu wippen. Und das um halb 11 an einem Freitagabend! Ich leere mein Glas in einem Zug, schnappe meinen Wein und trete die Flucht an. Das alles ist mir suspekt. Damit kann ich nicht umgehen. Das ist mir fremd. Wie alle Menschen habe wohl auch ich eine Abneigung gegen das Fremde.

Studentenklischee?

So wie an jenem Abend erscheinen mir inzwischen viele meiner Mitstudenten fremd. Also, die meisten sind es ja auch. Ich kenne im vierten Semester gerade mal eine Handvoll Leute an der Uni, aber ich meine das eher zwischenmenschlich. Man sollte doch annehmen, die Studenten von heute erfüllen ihr Klischee ebenso wie vor 20 Jahren – haben  alle wenig Geld und deshalb einen Nebenjob in einer Kneipe, keine Lust auf Kochen, deshalb TK-Pizza und Nudeln auf Vorrat, das Nachtleben steht im Mittelpunkt der Interessen und jede Möglichkeit, den sexuellen Erfahrungsschatz zu erweitern, wird genutzt.

Es ist schließlich eine besondere Zeit. Zum ersten Mal sind wir junge Wilde wirklich frei in der Gestaltung unseres Lebens. Da geht es zunächst einmal drunter und drüber. Im ersten Semester ist nie Klopapier da, die weißen T-Shirts kommen rosa aus der Wäsche und in Ermangelung einer Alternative gibt es eben auch zum Frühstück Nudeln mit Ketchup. Morgens in der Uni versuchen nicht einzuschlafen, abends das Beer Pong gewinnen und mit der neusten Eroberung knutschen. Da gibt es wohl auch keinen großen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Studenten, pardon, Studierenden. Abgesehen davon vielleicht, dass die Mädels meist schon wissen, dass der weiße BH nicht zusammen mit dem Bandshirt von Nirvana gewaschen wird und wie ein Sparschäler funktioniert. Aber abgesehen von einigen Haushaltstricks, ist die Lebensführung meist dieselbe. Dachte ich zumindest.

Die Jugend von heute…

Doch in letzter Zeit laufen mir immer mehr mutierte Mitstudenten über den Weg. Im Uni Bistro sind das Bananenbrot und der Obstsalat (der aus drei lächerlichen Stückchen Apfel, zwei Stückchen Melone und einer Weintraube besteht) mittags immer ausverkauft. Die Bib ist in der Prüfungsphase von 8:00 bis 23:00 Uhr überbesetzt und wehe irgendwo klingelt ein Handy oder jemandem läuft die Nase. Wenn ich mich dann mal ins McFIT schleppe, treffe ich dort mehr Kommilitonen als Mittwochs im Club. Denn wer am nächsten Tag zur Arbeit oder in die Uni muss, „bleibt heute mal zu Hause“ und macht „‘nen Entspannten“. Und egal wen man fragt, alle sind entweder in einer Beziehung, die schon mindestens zwei Jahre hält oder auf der Suche nach einer.

Interessant auch: der Trend „alkoholfrei und trotzdem Spaß“ scheint sich dramatischerweise von einer lächerlichen Werbekampagne zu einer studentischen Bewegung verwandelt zu haben und hat selbst mich letztens dazu gebracht alkoholfreies Radler im Angebot zu kaufen. Alkoholfreies! Radler! Hallo!? Geht’s noch? Damit sind wir wirklich ganz unten angelangt. Das ist genauso peinlich wie die Leute, die sich fleischlose Burger bestellen. Vegetarisch sein wollen, aber trotzdem Burger futtern! Danach habe ich mich echt geschämt und gemerkt, dass sich letztlich jeder, zumindest probeweise, dem Trend beugt.

Vernünftig, vernünftiger, Studenten?

Aber mal ehrlich, wo soll denn dieser Trend noch hinführen? Wenn sich doch alle 20-Jährigen jetzt schon wie 45-Jährige verhalten, die zwischen Ernährungsbewusstsein, Sport, Disziplin, Familie und Karriere ihre Mitte gefunden haben und angeblich gefestigt auf die Midlife-Crisis warten. Das kann doch nicht gut gehen. Schließlich haben die jetzt 45-Jährigen ihre Studentenzeit damals voll ausgelebt! Das waren die bunten, verrückten, verkoksten 70er und 80er, in denen die Partys noch mit Kassetten befeuert wurden und statt Jack Johnson noch die Scorpions, Prince und The Police für Stimmung sorgten. Was meine Eltern mir da schon grinsend für Geschichten erzählt haben…

Apropos grinsen; ich gebe dem Joker Recht: „Why so serious?“. Wo bleibt der Spaß? Das Leben wird noch früh genug Vernunft und Verantwortungsgefühl einfordern. Warum jetzt nicht die Zeit nutzen und den studentischen Alltag unvergesslich gestalten? Wo sind die ganzen Ideen hin? Die kreativen Köpfe? Die Künstler und Alternativen? Wo sind die jungen Leute mit Visionen? Wo sind die Projekte? Neben all der Vernunft ist doch heute gar kein Platz mehr für Kreativität und das Entdecken der eigenen Talente. Die Uni sollte doch ein Ort für die Selbstentfaltung sein. Und nicht nur das Karrieresprungbrett.

Außerdem will jawohl keiner als die Generation der Biofuzzies und Vollblutspießer in die Geschichte eingehen oder?! Generation Y – Chiasamen, McFIT-Abo und Gemüsekühlschrank – das sind wir, das ist unser Steckbrief – Das klingt so furchtbar langweilig, dass es fast traurig ist. Ich wünsche mir wieder mehr Unvernunft, mehr fettige Burger mit Fleisch, mehr ausgelassene Partys, mehr Spontanität, mehr Kühlschränke mit Bier drin (mit Alkohol bittesehr), mehr Gemeinschaft und mehr Ideen. Ein Studentenleben ganz nach dem Klischee. Denn dafür sind Klischees ja da – um hin und wieder volle Kanne erfüllt zu werden.

 

 

 

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