Haufen Bücher

Nicht schon wieder ein Kettenbrief, oder dieses Mal doch?

Das Phänomen „Kettenbrief“ begegnet den meisten Schülern schon in der vierten Klasse. Was damals die Einnahmen der Post steigern sollte, indem man Postkarten oder teure Pakete durch Deutschland schickte, ist heute oft bloß ein Scherz, der per Whatsapp oder Facebook mit der Kündigung des Benutzerkontos droht. Doch jetzt erreichte unsere Redakteurin Elisa ein Kettenbrief, der sie doch neugierig gemacht hat.

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„An alle Bücherwürmer: Wir brauchen 6 Leute, die an einem Buchaustausch teilnehmen wollen. Alles, was ihr tun müsst, ist ein Buch zu kaufen und an jemanden zu schicken. Ihr werdet ca. 36 Bücher zurückerhalten.“

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Die Nachricht erreichte mich heute Morgen, als ich mit meiner Tasse Kaffee am Frühstückstisch saß und mein Facebook-Postfach öffnete. Sie war von meiner Cousine. Nicht schon wieder ein Kettenbrief. Ich dachte, das hätten wir in der 6. Klasse schon hinter uns gelassen. Dennoch ist der Gedanke gar nicht so übel. Man investiert in ein Buch und bekommt – wenn es klappt und das tut es ja eigentlich nie – auch welche zurück. Für eine Bücherliebhaberin ist das eine schöne Gelegenheit. Endlich kündigt sich durch einen Kettenbrief mal etwas Sinnvolles an, nicht etwa zerquetschte Haribotüten, zehn Jahre Pech in der Liebe oder gar die Drohung, dass der Account in ein paar Tagen gelöscht wird. Und zum ersten Mal seit der Grundschule gliedere ich mich ein in eine solche verheißungsvolle Kette.

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Dario. So heißt der glückliche Braunschweiger, der von mir mit einem Buch beschenkt werden soll. Aber was für ein Genre könnte ihn interessieren? Das erste Buch, das mir in den Sinn kommt, ist Isabel Allendes Geschichtensammlung „Ein diskretes Wunder“. Es beinhaltet unglaublich phantasievolle Geschichten und ist mein absolutes Lieblingsbuch. Noch nie hat mir ein Buch Freudentränen auf das Gesicht gezaubert; bis ich dieses las. Jede Geschichte ist schöner als die vorherige. Allerdings handeln sie von Liebe, Leid und Leidenschaft. Ob das Werk also Dario aus dem fernen Braunschweig gefallen würde? Ich zweifle daran und stöbere weiter durch mein Bücherregal. Es finden sich Sammlungen von Goethe und Schiller in meinem Bücherregal, viele estnische Bücher aus meinem Austauschjahr in der 11. Klasse und auch so manches Kinderbuch, das aus nostalgischen Gründen noch immer einen Platz zwischen Klassikern, universitärer Fachliteratur und populären Bestsellern findet. Doch über „Mees, kes teadis ussisõnu“ und „Das Pferd Huppdiwupp“ wird sich mein Buchaustauschpartner wahrscheinlich auch nicht freuen.

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Ich überlege lange: Was hat Dario wohl noch nicht gelesen? Welcher Titel würde ihn ansprechen oder gar beeindrucken? Bevorzugt er Romane oder Gedichtsammlungen? Meine Buchauswahl muss ich wohl auf später verschieben…

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Artikel: Elisa Osoria

Bild: Elisa Osoria

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One thought on “Nicht schon wieder ein Kettenbrief, oder dieses Mal doch?

  1. Sehr geehrte Frau Osoria,
    als Mutter bin ich vor kurzem in den zweifelhaften Genuß dieses Kettenbriefes gekommen. Genauso mit den von Ihnen genannten Argumenten. Dieser Kettenbrief sei anders. Hier ginge es ja um Bildung und Kinder. Nein, dieser Kettenbrief ist wie alle anderen ein Pyramidensystem – eines das nur Opfer produziert. Nur leider scheinen selbst LehrerInnen und ErzieherInnen blind zu werden, wenn es um einen scheinbar guten Zweck geht. Womit der soziale Druck auf die, die sich nicht beteiligen möchten steigt. Immerhin geht es um Kinder – wer will nicht, dass es denen besser geht?! Und dabei wird gern eine mathematische Tatsache verdrängt: Wenn der Brief fordern würde, dass jede Person auch nur zwei neue Teilnehmer rekrutiert, also 1, 2, 4, 8, 16 … und so weiter, würde schon auf Level 32 die gesamte Weltbevölkerung als Bücherlieferant rekrutiert. Bei 6 Büchern/Kindern geht es um so schneller…d.h. es werden von vorn herein Verlierer dabei sein. Ich habe versucht, diesen Fakt der Mutter zu erklären, die uns wohlmeinend drängen wollte, mitzumachen („du brauchst doch nur einen Euro ausgeben und eine Briefmarke und bekommst GARANTIERT 6 Bücher!!“) – zwecklos. Es wäre toll, wenn es in der Bevölkerung mehr Aufklärung gäbe. Diese Briefe produzieren fast nur Enttäuschung und Opfer. Das sollte jedem, der mit so etwas (und gerade der moralischen „Masche“ Kinder als Inhalt zu nehmen) konfrontiert wird. Warum nicht einen Büchertausch-Club gründen? Oder eine Bücherbörse? Es gäbe genug andere Möglichkeiten, Kindern Lust auf Bücher zu vermitteln.

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