Politikverdrossenheit: Alle reden, wenige machen! Oder? Über eine desinteressierte Generation, die es so pauschal gar nicht gibt

Politikverdrossenheit. Mit diesem Begriff charakterisiert manch einer eine gesamte Generation. Junge Menschen zwischen 15 und 35 werden mit Passivität und fehlendem Interesse gleichgesetzt. Es entsteht der Eindruck, dass alles, was mit Politik oder politischem Geschehen zusammenhängt, den Großteil der heutigen Jugend nicht interessiere. Doch stimmt das überhaupt?

Irgendwie wirkt es doch, als sei alles in Ordnung. Es gibt nichts, weshalb man auf die Straße gehen oder gar einer Partei beitreten sollte. Hier in Deutschland sind wir in Sicherheit und Freiheit groß geworden. Für uns stehen alle Türen und damit alle Möglichkeiten offen – nichts bleibt uns verwehrt. Zumindest ist das der Eindruck. Wir können uns weltweit vernetzen, in Echtzeit zu allen möglichen Themen informieren oder, wenn es sein muss, auch mal eine Petition starten.

Wir haben ein Bewusstsein – und bleiben doch in der Komfortzone

Jüngste Ereignisse lassen uns jedoch aufschrecken. Immer wieder werden in vielen Ländern anti-europäische Stimmen laut und durch den knappen, aber mehrheitlichen Brexit steht die Europäische Union vor einer Krise. Die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten als auch das umstrittene Verfassungsreferendum des türkischen Präsidenten Erdoğan öffnen uns die Augen. Terroristische Anschläge in verschiedenen Städten Europas bringen politische Themen wieder auf den Tisch – auch bei Uninteressierten. Doch meist bleibt es nur dabei. Etwa bei der Betrachtung der sich vermeintlich immer weiter ausbreitenden rechten Stimmung in Deutschland spürt man: Man muss etwas tun und bleibt trotz alledem in seiner Komfortzone – die anderen werden es schon richten!

Diese Einstellung hat in Großbritannien und den USA zu gegebenen Wahlausgängen geführt. Zwar waren junge Wähler überwiegend gegen Großbritanniens Austritt aus der EU und stimmten eher für Hillary Clinton als Präsidentin der USA. Das Beteiligungsniveau der jungen Menschen war jedoch vergleichsweise niedrig. Sie hätten das Wahlergebnis also maßgeblich beeinflussen können.

Reaktionen zeigen sich oft erst kurz vor knapp

Erst nach Bekanntwerden des Brexit und der bevorstehenden Vereidigung Donald Trumps gingen vermehrt junge Menschen auf die Straßen und demonstrierten dagegen. Wer sich jetzt denkt, dass es hier in Deutschland sicher anders ablaufen würde, der irrt. Die Landtagswahl in NRW zeigt beispielsweise, dass sich junge Leute, hauptsächlich Studierende, nach dem Zusammenschluss von CDU und FDP (45,6%) gegen die Pläne der Koalition stellten. Auf sozialen Netzwerken wurde dahingehend auf Petitionen gegen die Wiedereinführung von Studienbeiträgen verwiesen. Es stellt sich jedoch die Frage, wieso so viele junge Menschen erst kurz vor knapp reagieren. Der Gang zur Wahlurne und eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Wahlprogramm der FDP hätte dieser Entwicklung von vornherein entgegenwirken können.

Bei der Offenlegung des Koalitionsvertrages am 16. Juni 2017, in der die Parteien ihre Zusammenarbeit während der anstehenden Legislaturperiode vorstellten, kam die Erleichterung: „[…][Wir werden] Studienbeiträge für Studierende aus Drittstaaten einführen und uns am „Baden-Württemberg-Modell“ orientieren. Sogenannte „Bildungsinländer“ werden bei der Erhebung von Studienbeiträgen ausgenommen.“ Glück gehabt, könnte man sagen – leider nur für deutsche Studierende.

„Studierende sind nicht überwiegend politikverdrossen“

An der Universität Siegen scheint das Interesse an politischer Mitbestimmung unter den Studierenden gering zu sein: Im letzten Jahr lag die Wahlbeteiligung bei den StuPa-Wahlen bei 7,2%. Marie Kirschstein, Vertreterin des AStA der Universität Siegen, bedauert diesen Zustand. Mögliche Ursachen sieht sie in den fälschlichen Annahmen der Jugend, dass Politik unerreichbar sei und man als „kleiner Student“ keinen Einfluss hätte. „Studierende sind nicht überwiegend politikverdrossen. Mir begegnen täglich Studis, die Lust haben, sich für sich und andere einzusetzen. Wir müssen einen Weg finden, um den Studis noch deutlicher zu machen, dass sie so den Hochschulalltag mitbestimmen können. Die Vertreter, die dort gewählt wurden, fassen Beschlüsse zu Themen wie dem Semesterticket, Härtefallanträgen und dem Kulturprogramm an der Uni. Das sind doch alles Sachen, die uns alle angehen, oder?“, sagt Marie.

Die Mitwirkende bei der Juso Hochschulgruppe sieht es jedoch als ein positives Zeichen, dass sich Studierende und junge Leute allgemein durch Ereignisse wie die mögliche Wiedereinführung der Studienbeiträge motivieren lassen, für ihre Rechte einzusetzen.

Dr. Tim Spier, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Siegen, sieht durch die Zunahme autoritärer Tendenzen in vielen Demokratien ein Umdenken unter jüngeren Menschen: „Das Funktionieren der Demokratie wird jedenfalls nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt.“ Zieht man zusätzlich aktuelle Studien wie Generation Who, die SINUS-Studie oder die Shell-Studie 2015 zu Rate, so zeigt sich folgendes: Junge Menschen im Alter von 12 bis 25 Jahren hegen zwar ein Misstrauen gegenüber Parteien, sie interessieren sich jedoch immer mehr für politische Geschehnisse und engagieren sich weitestgehend durch Petitionen und Boykotte. Prof. Dr. Spier sieht seit Ende des letzten Jahres eine neue Entwicklung, eine Art Phänomen, dass vermehrt junge Menschen durch den Beitritt in eine Partei politisch aktiv werden möchten.

Politisch zu sein heißt nicht nur, sich in einer Partei zu engagieren

Insgesamt ist vieles, was man unserer Generation nachsagt, nicht haltbar. Junge Menschen interessieren sich vermehrt für politische Belange. Oft bleibt es dabei, lediglich bequem vom Sofa aus Petitionen zu unterschreiben. Große Demonstrationen gegen rechtskonservative Politiker, wie beispielsweise kürzlich gegen den AfD-Parteitag in Köln, zeigen aber auch, dass sie bereit sind, auf die Straße zu gehen und für ihre Überzeugungen einzustehen. Dass es für das Funktionieren einer Demokratie wichtig ist, das Recht auf politische Mitbestimmung zu nutzen, hat ein Großteil unserer Generation längst verstanden.

So zeigt sich auch, dass politisch zu sein nicht zwingend heißt, sich in einer Partei zu engagieren: Junge Menschen diskutieren in der analogen und digitalen Welt über ihre Werte. Sie informieren sich über das Weltgeschehen und bilden sich eine Meinung. Sie sind bereit, im Zweifel für ihre Überzeugungen einzustehen und zu protestieren. Das dies natürlich nicht für alle Mitglieder unserer Generation gilt, ist klar; doch genauso wenig kann man ebendiese Generation als eine politisch desinteressierte pauschalisieren.

Foto:  Alice Donovan Rouse, hier gefunden.

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