„Schuld ist unsere Scheide“ Ex-Siegenerin Giulia Becker singt bei Böhmermann von Sexismus - und ist dabei mehr als nur witzig

Giulia Becker hat beim Neo Magazin Royale bisher eher im Hintergrund Gags geschrieben. Einigen Siegener Studierenden ist sie vielleicht sogar noch als Kommilitonin bekannt. Jetzt hat sie für die Show einen Song über ihr großes Problem geschrieben: Ihre Scheide. Ein Kommentar.

Eine Scheide zu haben kann hart sein. Nicht nur, dass diese es für nötig erachtet, uns Frauen monatlich mit Krämpfen zu quälen; Nein, schon ihre bloße Existenz ist manchmal scheinbar Grund genug, als Besitzerin einer solchen in gewissen Lebensbereichen als weniger kompetent wahrgenommen zu werden, zumindest wenn man mit Humor Geld verdienen möchte. Vor Augen geführt wurde uns dies in der letzten Ausgabe des Neo Magazin Royale, in der diesmal nicht etwa Böhmi himself einen hitverdächtigen Satire-Song zum Besten gab, sondern seine bisher im Hintergrund agierende Gag-Schreiberin Giulia Becker. Aufgewachsen ist der neue Stern am Feminismushimmel in Netphen, anschließend studierte sie Medienwissenschaften an der Uni Siegen. Seit anderthalb Jahren arbeitet sie schon für das Neo Magazine Royal sagt sie im Gespräch mit Jan Böhmermann, doch genau da hat sie ein fatales Problem: Sie hat eine Scheide.

„Den vermeintlichen Wahrheitssuchenden sollte mal jemand erklären, dass das Satire ist.“

„Aha, eine Scheide also. Hat doch jeder zweite Erdenbürger, so what?“, mag da so mancher Fernsehzuschauer und Social-Media-Nutzer denken. Dementsprechende Kommentare lassen erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten. Wenn Frauen witzig sein möchten, sollten sie lieber die Finger vom Feminismus lassen, kann man hier und da in YouTube-Kommentaren lesen, und überhaupt: Ein Diskriminierung von Frauen gibt es faktisch gar nicht, wenn dann sind es doch unsere männlichen Zeitgenossen, die im Beruf Benachteiligungen erfahren. Und übrigens bleibe es Frauen, anders als Giulia behauptet, nicht verwehrt, Maschinenbau zu studieren. „ACH WAS?“, rufen da die Geister in so vielen kleinen, zarten Frauen-Köpfchen, „Gott sei Dank hat mich endlich jemand darüber aufgeklärt!“ Dass das, was Giulia da betreibt, Satire ist, könnte hingegen mal jemand diesen vermeintlichen Wahrheitssuchenden erklären.

Derartige Kritik muss die Autorin allerdings nicht wirklich jucken, denn größtenteils fällt die Resonanz sowohl von weiblicher als auch männlicher Seite positiv aus. Das ist kein Wunder, denn Giulia hat nicht nur eine fantastische Stimme, sondern weiß auch Sexismus auf humorvolle und selbstironische Weise zu thematisieren. Auf teils gewollt absurde Klagen über die Auswirkungen ihrer Scheide („Und mein größter Traum ist endlich eine eigene Show in der Glotze, doch das ist leider unmöglich, denn ich habe eine empfindliche Mischhaut“), folgt schließlich der unvermeidliche Aufruf an alle Vertreterinnen der Spezies Scheidenträgerin gegen geschlechtsbedingte Ungerechtigkeit aufzubegehren.

Pailletten, Schuld und eine Menge Scheiden

Ein riesiger Chor von jungen Frauen formt mit den Händen ein kämpferisches Zeichen, das uns plötzlich die Ähnlichkeit der berühmten Merkel-Raute mit dem weiblichen Geschlecht vor Augen hält – what has been seen cannot be unseen. Währenddessen singt Giulia im Paillettenkleid zur Melodie des melodramatischen Earth-Songs von der absurden Schuldhaftigkeit aller Scheiden („Wer hat das Gras weggeraucht? – Eine Scheide! Wer hat dem Maulwurf auf den Kopf gekackt? – Eine Scheide!“). Das ZDF hat sich das ganze Spektakel sicher einiges kosten lassen, denn das nicht minder witzige Video ist so aufwändig und qualitativ hochwertig produziert, dass man es auch für eine Mischung aus einer Adele- und Florence And The Machine-Produktion halten könnte.

Etwas unpassend mutet allerdings die diffuse Einstreuung deutscher Fernsehstars wie Ina Müller, Nora Tschirner oder Annette Frier an, bei denen es sich zwar ohne Frage um erfolgreiche und bewundernswerte Frauen mit Humor handelt. Doch da droht die eigentlich enorm lustige und intelligente Sexismus-Kritik Züge einer ARD-Vorabendsendung anzunehmen: „Hauptsache Prominenz, dann wird’s der 0815-Fernsehzuschauer schon schlucken.“ Und das haben weder Song noch Video nötig, denn Botschaft und Humor stehen schon so für sich.

„Schwingt jetzt eure Scheiden!“

Giulia Becker hat gezeigt, dass Feminismus nicht verbissen und humorlos sein muss. Ihre unreinen Reime, grotesken Überspitzungen und die bedenkliche Wahrheit hinter der komischen Fassade reichen sich in „Verdammte Schei*e“ die Hand. Als Manifest gegen Sexismus und Diskriminierung taugt es wahrlich nicht ganz, doch Aufmerksamkeit für ein sensibles Thema hat sie in jedem Fall generiert. Und ein bisschen Kampfgeist weckt Giulia in der geneigten Zuhörerin dann irgendwie doch: „Ladies, seid ihr bereit? Denn es ist an Zeit, diese Ungerechtigkeit der ganzen Welt zu zeigen und wenn ihr mit mir seid, dann schwingt jetzt eure Scheiden!“ Die mediazine-Redaktion fängt dann schon mal an.

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