Smartphone

Verstummt unsere Gesellschaft?

Seit Jahren wird im öffentlichen Diskurs die Kritik lauter, digitale Medien und Techniken würden unsere mündliche Kommunikation verringern und unsere Face-to-Face-Kommunikation gar beseitigen. Manch einer hat das Gefühl, dass jeder nur noch darauf bedacht ist, sein Leben so privat wie möglich zu gestalten, so leise wie möglich. Dieses persönliche Empfinden ist auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so abwegig: Egal wo, egal wann – überall sieht man in den Städten, in Bus und Bahn, an eigentlich jedem nur denkbaren öffentlichen Ort, Menschen mit Kopfhörern in den Ohren, den Blick auf das Handy gerichtet. Ist unsere „real-life“-Kommunikation deshalb aber gleich dem Tode geweiht?

Veränderung statt Verstummung

Digitales Zeitalter und Mediatisierung: Zwei große Begriffe, mit denen ständig hantiert wird, die  irgendwie alltäglich erscheinen und trotzdem unscharf bleiben. Was macht denn das digitale Zeitalter eigentlich aus und wie kam es dazu? Die persönliche Face-to-Face-Unterhaltung, also die unmittelbare Kommunikation ohne zeitliche oder räumliche Distanz, gilt als die ursprünglichste Form der mündlichen Interaktion. Die Fähigkeit, sich so ausgeprägt verständigen zu können, ist eines der zentralen Merkmale, welches den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet.

Rauchzeichen, Brieftauben, der Schreibtelegraf, das Telefon, E-Mail, SMS, Internettelefonie, Chats, social media-Plattformen – die technische Entwicklung der menschlichen Kommunikation vollzieht sich schon seit Jahrtausenden. Jetzt sind wir im digitalen Zeitalter angekommen; ein Umbruch, eine Wende, die nicht nur die Technik, sondern all unsere Lebensbereiche betrifft. Nicht umsonst  verbindet man Mediatisierung mit der These, dass sich natürliche, soziale und mediale Wirklichkeiten nicht mehr trennen lassen, da all unsere Lebensbereiche ausnahmslos von Medien der Kommunikation durchflutet sind.

Dass wir dadurch aber verlernen könnten, unmittelbar und zwischenmenschlich zu kommunizieren, glaubt die Soziologin Angela Keppler nicht. In einem Interview mit Deutschlandfunk erklärte sie bereits Anfang des Jahres, dass die unmittelbare menschliche Interaktion nicht ausstirbt, sondern sich lediglich verändert, auch wenn das gekonnte Hantieren mit dem Smartphone mittlerweile beinahe als Voraussetzung für die Bewältigung unseres Alltags erscheint. Unsere Kommunikation bestehe  aus dem Wechsel und der Verflechtung medialer und persönlicher Kommunikation. Laut Keppler können mediale Inhalte, die wir über unser Smartphone oder ähnliches aufnehmen, sogar gesprächsbereichernd wirken und Themen für unsere persönliche Kommunikation liefern.

Trotzdem wird die Kommunikation über Smartphone oder Tablet noch lange nicht von jedem als gleichwertige Form der Unterhaltung angesehen. Im Gegensatz zu den Digital Natives begreifen besonders ältere Generationen diese Kommunikationsweise noch immer eher als eine Art Abschottung von der Außenwelt und dem Umfeld. Und irgendwo ist diese Denkweise natürlich nachvollziehbar. Daher ist es wichtig, unser mediales Handeln hin und wieder zu hinterfragen. Dennoch sollte man nach Keppler nicht vergessen, dass das Weglegen des Smartphones nicht automatisch eine intensive Unterhaltung mit dem Gegenüber zur Folge hat. Die Geräte sind schließlich nicht Schuld, wenn es an Gesprächsstoff mangelt. Vielmehr stellt sich die Frage, ob wir in einer bestimmten Situation überhaupt kommunizieren wollen oder nicht.

So ist das eben in der heutigen Zeit, oder nicht?

Falls wir also mal wieder in eine typische „Früher war alles besser“-Diskussion geraten, gibt es zwei Punkte, die dabei bedacht werden sollten. Erstens müssen wir uns nicht für die mediale Kommunikation rechtfertigen. Sie muss nicht pauschal als minderwertigere Form der Kommunikation angesehen werden, sondern funktioniert (oftmals) genauso gut wie persönliche Gespräche. Zweitens gilt die Ausrede “Tja, so ist das nun mal heutzutage, da läuft eben alles über’s Handy” wiederum auch nicht.

Denn wir machen es uns viel zu einfach dieses vermeintlich “stumme” Verhalten auf das digitalisierte Zeitalter zu schieben. Wir haben unser Kommunikationsverhalten selbst in der Hand. Es ist an uns, die Balance zwischen  medialer und persönlicher Kommunikation zu finden. Das bedeutet, der medialen Kommunikation natürlich Raum in unserem Alltag zu geben. Vor allem aber bedeutet es, Gemeinschaft außerhalb von Gruppenchats zu genießen. Denn am Ende des Tages sind es doch die wahrhaftigen Erlebnisse und nicht die Chatunterhaltungen, an die wir uns gerne zurückerinnern.

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