Mädchen sitzt am Computer

Wer bist DU? Wer sind WIR?

Unsere neue Themenreihe stellt die Generation Y in den Fokus.

Heute: Social Networking und digitale Freundschaften der Millenials

Die Generation der zwischen 1980 und 1995 Geborenen hat einen Namen. Sie gehören der Generation Y  an und noch nie war der Wunsch nach Selbstverwirklichung größer. Sie fordern eine Work – Life – Balance, um eine Verschmelzung zwischen Beruf- und Arbeitsleben zu schaffen. Dabei ist es am wichtigsten, Familie und Freunde ganz oben auf der persönlichen Prioritätenliste zu platzieren.

Die Meute der „Ypsiloner“ ist aber auch vor allem eines: Mit sozialen Netzwerken aufgewachsen. Mehr Zeit für Familie und Freunde, dabei aber die persönliche Karriereleiter weiter steil bergauf klettern? Klingt wunderbar. Aber was meinen die Menschen dieser Generation eigentlich, wenn sie nach mehr Zeit zur Freundschaftspflege schreien? Wünschen sie sich tatsächlich mehr Zeit für ehrliche, traditionelle Freundschaften oder geht es letztendlich doch nur um die Bildung eines großen Netzwerkes, das optimal für eigene Zwecke genutzt werden kann?

Ich habe mit Anna* gesprochen. Sie gehört zum Jahrgang 1993, studiert Medienbildung an der PH in Ludwigsburg und hat derzeit 670 Freunde auf Facebook.

 

Meist loggt die Studentin mit den grünen Augen sich schon vor ihrem ersten Kaffee morgens in ihren Facebook-Account ein. In der Lesezeichenliste ihres Internetbrowsers gehört das soziale Netzwerk zu den Top 5. Zu Beginn unseres Gesprächs öffnet sie die Facebook-Seite und zeigt mir ihr persönliches Benutzerprofil.

 

In den stets aktualisierten Statusmeldungen gibt es heute ein neues Bild von Tanja zu bewundern. Stolz präsentiert sie ihre frisch frisierte Haarpracht und formt dabei einen Kussmund. Darunter erscheint eine Aufnahme von Marcs heutigem Mittagessen in der Mensa, eine Currywurst in orangerote Sauce getränkt. Dazu kann man Kommentare wie „Boah, will ich auch“, „Lecker“ oder auch „Guten Appetit“ lesen. Das Bild hat bereits dreizehn Likes. Anna klickt ebenfalls auf den blau – weißen „Gefällt mir“ Button und lächelt dabei. „Ich glaube schon, dass ich inzwischen süchtig bin“, meint sie. „Ich kann mir mein Leben ohne Facebook gar nicht mehr vorstellen.“ Sie nutzt das soziale Netzwerk einfach gerne. Und das Täglich. Alles in allem circa drei Stunden. Warum auch nicht? „Fast alle meine Freunde sind bei Facebook angemeldet und es gibt ständig etwas Neues, ich will ja auch nichts verpassen.“

 

Bei der Erstellung ihres Profils hat sie sich wirklich sehr viel Mühe gegeben. Viele, unter anderem auch einige private, Schnappschüsse findet man auf ihrer persönlichen Seite. Anna, wie sie lacht, Anna mit ihrer Familie beim gemeinsamen Mittagessen, Anna im Urlaub in Amerika, Anna mit ihren zwei besten Freundinnen abends beim Cocktail trinken, Anna, wie sie ihren Freund innig küsst. Ihre Haare hatte sie vor einem Jahr einmal kupferrot gefärbt, dann wieder schwarz. Momentan trägt sie sie wieder schulterlang und rötlichbraun. „Ich brauche irgendwie ständig eine Veränderung. Wenn dann jemandem mein Bild gefällt, pusht das schon irgendwie mein Selbstbewusstsein“, gesteht sie, schaut dabei aber verlegen zu Boden.

 

Anna grinst mit zwei Freundinnen umgeben von einer bunten Farbenpracht in die Kamera.  Vor Kurzem war sie mit Freundinnen auf dem „Holi Festival“ in Stuttgart. „Das sind meine zwei engsten Freundinnen.“ Zwei von 670. „Ist doch klar, dass das nicht alles Freunde von mir sind. Finde ich aber auch nicht schlimm.“ Auch ihren aktuellen Beziehungsstatus gibt sie preis. Momentan ist sie „in einer Beziehung“. Wer sich außerdem  für ihr Lieblingszitat, ihre religiösen Ansichten oder ihre Hobbys interessiert, wird auch mit diesen Informationen gefüttert. Bereits nach kurzer Zeit entwickelt sich ein persönliches Bild zur Person Anna. Und diese Person scheint sehr beliebt zu sein.

 

Beim Betrachten der Freundesliste wird schnell klar: Freundschaft kann jeder definieren wie er möchte. Doch Sätze wie „Ach, ich wusste gar nicht, dass die noch in meiner Liste ist“ oder „Mit dem hab ich mal zwei Sätze auf einer Party geredet“ lässt sich nun wirklich keine freundschaftliche Beziehung erkennen. Freundesliste ist hier auch dezent falsch gewählt für die Anhäufung von Kontakten, passender wäre wohl schlichtweg „Kontaktliste“. „Manche Leute in meiner Liste grüße ich nicht mal oder schreibe mit denen nur ein- oder zweimal im Jahr, aber wenn man sie löschen würde, wären die wahrscheinlich trotzdem irgendwie sauer,“ meint Anna.

 

Anna fällt es im digitalen Netzwerk sogar einfacher mit bestimmen Personen zu kommunizieren. „Weil man nicht dem direkten Kontakt ausgeliefert ist. Man traut sich Dinge zu sagen, die man ansonsten wahrscheinlich niemals aussprechen würde, wenn die Person vor einem stehen würde.“ Die Hemmschwelle im virtuellen Gespräch ist also deutlich geringer. Eine bestimmte Grenze gibt es für sie dennoch: Sehr private Details über ihre Person würde sie niemals preisgeben, so zum Beispiel ihre Privatadresse. Auch Themen, wie schwere Krankheiten in der Familie würde sie nicht online publizieren, ebenso stellen freizügige Bilder ein Tabu für sie dar. Denn vorsichtig sollte man trotz allem sein. Auch potenzielle Arbeitgeber haben Zugang zu sozialen Netzwerken.

 

Natürlich bietet die digitale Vernetzung in sozialen Netzwerken jede Menge Vorteile – allerdings weit entfernt vom Begriff der Freundschaft. Wird beispielsweise eine neue Wohnung gesucht, reicht meist nur ein Post im sozialen Netzwerk mit dem entsprechenden Suchtext. Je länger die eigene Freundesliste ist, desto höher die Reichweite. Ergo: Je mehr Menschen eine Informationen bekommen, desto höher die Wahrscheinlichkeit auf Resonanz und Erfolg.

 

Facebook, LinkedIn, Twitter, etc. sind für ihre User (bis zum jetzigen Zeitpunkt) weitestgehend kostenlos. Dafür haben Nutzer wie Anna, regelmäßig Werbeanzeigen auf ihren Profilseiten. Seit sie gepostet hat, dass Sie das Nagelstudio „Pure Diamond Nails“ in Ludwigsburg toll findet und ihr Lieblingsreiseziel Australien ist, erscheinen Links zu diversen Kosmetikherstellern und Fluganbietern. Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Betreiber sozialer Netzwerke die gespeicherten Daten ihrer User nutzen, um zielgerichtet Werbung zu schalten. Dabei rücken besonders die Angaben unter Aktivitäten und Interessen in den Benutzerprofilen in den Fokus der Werbefirmen. Dadurch ist es möglich, individuell Werbung zu machen und eine bestimmte Zielgruppe direkt anzusprechen. Potenzielle Kunden können so leichter gewonnen werden.

 

Was hat das alles noch mit Freundschaft zu tun? Mit den neuen Medien entwickeln sich natürlich auch die zwischenmenschlichen Beziehungen weiter. Man lernt sich in Online – Portalen kennen. Vor einiger Zeit noch kritisch beäugt, ist dies inzwischen zur Normalität geworden. Freundschaften der Generation Y lassen sich anders gestalten als beispielsweise in der Generation unserer internet – losen Eltern.

Neben dem Eindruck, Freunde sammeln sei mehr oder weniger zu einer Art Wettbewerb mutiert, gibt es auch eine endlose Liste positiver Aspekte. Soziale Netzwerke bieten den Internet-affinen Menschen die Möglichkeit, mit Anderen in Kontakt zu bleiben, und das über Kontinente hinweg. Ohne Internet meist schnell vergessen, entsteht nun die Möglichkeit per Mausklick ein virtuelles Gespräch zu beginnen.

 

Sich sofort von Facebook abzumelden könne sie sich nicht richtig vorstellen, sagt Anna dann noch zum Abschied, dies würde für sie den Kontaktabbruch zu ihr wichtigen Menschen bedeuten. Anna wird Facebook also auch in Zukunft weiterhin regelmäßig nutzen und mit ihr über 1.155 Millionen weitere aktive Nutzer weltweit, wie das Onlineportal statista.com aktuell angibt. Die Faszination Facebook ebbt nicht ab, auch an der Börse seit langem sehr erfolgreich, schluckte der blau-weiße Riese in diesem Jahr auch den Online-Messenger Whatsapp und landete damit einen weiteren Coup.

 

Also baut man sich weiter ein soziales Netzwerk auf. Ist ja auch nicht alles schlecht an dieser Sache mit den social media. Der transparente Mensch ist zukunftsorientiert und findet neben all den geplanten Projekten, dem hohen Arbeitspensum, den Reisen, dem erfolgreichen Studium, dem durchtrainierten Körper, dem Termin beim Psychologen wegen Burn Out, auch noch Zeit, um Freunde an einem sonnigen Nachmittag im Lieblingscafé zu treffen – vielleicht.

 

Was denkst du über die Generation Y?

 

 *Name wurde geändert

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